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Freaky Frankfurt

Von Früher dachte ich, mein Erwachsenenleben würde sein wie dieser Werbespot.
Weniger Kaffee, weniger Verabredungen - stattdessen mehr Zeit für sich selbst wünscht sich unsere Bloggerin. (Foto: dpa) Weniger Kaffee, weniger Verabredungen - stattdessen mehr Zeit für sich selbst wünscht sich unsere Bloggerin. (Foto: dpa)
In den 1980ern und 90ern wussten die Leute noch, wie man lebt. Da hatte man große Träume und einen actionreichen Job als Polizeiermittler oder Ally McBeal. Man fuhr ein tolles altes Liebhaberauto, das man idealerweise selbst restauriert hatte, und bewohnte ein riesiges Loft in der Innenstadt oder einen runtergeratzten Wohnwagen direkt am Strand. Man trug stets Sonnenbrille, auch wenn es dunkel war oder gerade dann, und Blazer mit kastigen Schulterpolstern. So gehörte sich das damals einfach, zumindest, wenn man an das glaubte, was da von der Kinoleinwand und Fernsehbildschirm auf die Zuschauer herabrieselte. Mich allerdings beeindruckten Serien und Filme wie "Miami Vice" und "Lethal Weapon" nicht besonders. Ich hatte nur ein Vorbild. Und das war die Krönung-Light-Werbung.

Von klein auf war ich überzeugt davon, dass mein Erwachsenenleben genau so werden würde. Ich würde eine schicke Wohnung mit Blick auf die Skyline haben, ich würde jede Menge Kaffee trinken, erfolgreich in meinem Job sein und trotzdem ganz gelassen dabei bleiben. Und nach Feierabend würde ich in mein türkisfarbenes Cabriolet steigen, zum Yoga brausen und später mit einem gutaussehenden Mann im kleinen Schwarzen vor dem offenen Fenster liegen und verführerisch aussehen. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht genauso gut hinkriegen würde wie die langhaarige Schönheit in der Werbung.



Viele Jahre habe ich nicht mehr an diese Werbung gedacht, von der es einige Neuauflagen gab, die aber Ende der 90er Jahre klammheimlich aus den Werbeblocks verschwand. Am Neujahrstag dann gammelten Björn und ich daheim herum. Die Spülmaschine lief in der Dauerschleife, die Heizung bollerte, die Katzen hatten sich schon fast ins Koma geschnurrt und der Tannenbaum nadelte vor sich hin. Ich stand in der Küche und ließ mit viel Getöse Kaffee in eine türkisfarbene Tasse zischen. Und plötzlich war sie wieder in meinem Kopf, diese Werbung. "Das ist die Farbe, dieses komische Türkis", sagte ich zu Björn. "Wie aus der Krönung-Light-Werbung."

Abends dann saß ich am Rechner und klickte mich durch alle Varianten dieses wunderbaren Spots, den es über so viele Jahre im Fernsehen gegeben hatte. Okay, rückblickend betrachtet wirken die damals so modernen Outfits einfach nur noch haarsträubend. Allein dieser türkise Blazer mit den Rüschen an den Taschen! Aber ach, diese Mühelosigkeit, mit der diese Werbefrau ihr Leben meistert. Morgens schon energiegeladen schwingt sie sich nackt aus dem Bett, die langen, gepflegten Haare fallen über ihren makellosen Rücken und die Sonne scheint. Ihren ersten Kaffee trinkt sie nicht wie ich, im Stehen und mit Blick auf ihr Smartphone, sondern in einem viel zu großen Männerhemd breitbeinig auf einem Holzstuhl sitzend und mit der Tageszeitung in der Hand. Stress? Kennt sie nicht. Sorgen? Schmerzen? Geldnot? Sodbrennen vom vielen Kaffee? Da schaut sie nur ungläubig mit ihren großen Rehaugen, die auch direkt nach dem Aufstehen perfekt geschminkt sind, und legt grübelnd den manikürten Zeigefinger ans hübsche Kinn.

Es klingt komisch, aber wenn ich mein Leben heute mit diesem Werbespot vergleiche, gibt es da schon die eine oder andere Parallele - und ich rede jetzt nicht allein vom übertriebenen Kaffee-Konsum. Als Journalistin bin ich viel unterwegs. Ich habe eine hübsche Wohnung mit Wintergarten (das Loft des neuen Jahrtausends), einen Freund mit Drei-Tage-Bart (sexy) und ein mehr als ausgefülltes Privatleben. Ein viel zu ausgefülltes Privatleben, möchte ich fast sagen. Denn das ist meine größte Gemeinsamkeit mit der Werbefrau: Meine Tage sind randvoll mit beruflichen Terminen und privaten Verabredungen. Vor der Arbeit noch schnell ein Pressetermin, dazu natürlich Kaffee. In der Mittagspause das Lunchdate, nachmittags der schnelle Espresso und dabei die Besprechung mit einer Kollegin. Und nach Feierabend geht's erst richtig los: Nach dem obligatorischen Abendmeeting folgt gerne noch eine Verabredung mit einem Freund oder meinen Mädels. Ohne Kaffee ist das fast nicht auszuhalten. Komme ich dann gegen Mitternacht nach Hause, muss ich oft noch einen Artikel schreiben oder mindestens ein bißchen Haushalt machen, bevor ich todmüde und mit Rücken- und Magenschmerzen ins Bett falle. Da wird der Kaffee zum Symbol für eine gehetzte Großstadt-Gesellschaft, die ihr verrücktes Tagespensum nicht mehr ohne zusätzlichen Koffeinschub wach überstehen kann. Ob die Macher des Spots das in den 80ern und 90ern schon vorher sahen?

Wirkliche Verschnaufpausen, kleine Ruheinseln, sind in den vergangenen Jahren in meinem eigenen Leben viel zu kurz gekommen. Und wahrscheinlich nicht nur bei mir. Wir alle rasen ja von einem Termin zum nächsten, von der Arbeit zum Sport, von der Uni zur Verabredung, und fühlen uns auch noch schlecht, wenn wir irgendwann keinen Spaß mehr daran haben. Das ist so anstrengend. Wann sagt endlich mal jemand öffentlich, dass man eben auch freie Zeit braucht? Dass völlig leere, freie Minuten und Stunden wichtig sind zum Nachdenken, weil man im Alltag kaum noch die eigenen Gedanken hören kann vor lauter Großstadtlärm?

Denn auch, wenn das alles in der Werbung so energiegeladen aussieht, merke ich, dass dieses Tempo einen unglaublich langen Atem erfordert - und dass einer oder besser gesagt eine dabei auf der Strecke bleibt. Ich selbst nämlich. Ich mache das bereits seit Jahren so, ich weiß, wovon ich spreche. Das ist kein Luxusproblem von jemandem, der noch nie einsam war. Sondern ein Hinterherlaufen hinter dem eigenen Leben, ein Kämpfen um jede Minute für sich selbst. Gut ist das nicht. Deshalb soll sich im neuen Jahr etwas ändern. Ich werde wenig Kaffee trinken und öfter mal nein sagen zu Terminen, Lunchdates und abendlichen Verabredungen. Und mich stattdessen lieber mit mir selbst verabreden. Das schreibe ich mir dann sogar in meinen Kalender, in dem der ganze Tagesablauf, Arbeitstermine und alle Verabredungen so strikt durchgeplant sind. Dann liege ich künftig hingegossen im kleinen Schwarzen auf dem Schaffell vor dem offenen Fenster - oder in der Jogginghose auf der Couch vor dem Fernseher. Ganz egal. Hauptsache, mein Leben ist ein bißchen weniger Krönung Light. Und ein bißchen mehr Anne.

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