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Freaky Frankfurt

Von Sie ist wunderschön und witzig. Doch die Kerle mögen ihre unscheinbare Freundin.
Was Männer wollen, worauf Männer bei Frauen stehen - es ist nach wie vor völlig unklar. (Foto: Fotolia) Was Männer wollen, worauf Männer bei Frauen stehen - es ist nach wie vor völlig unklar. (Foto: Fotolia)
In unserem Viertel gibt es eine ganz unspektakuläre Bar. Aufgemacht wie ein Wohnzimmer aus den 50er Jahren, aber nicht auf stylische Art. Sondern eher so, als hätte der Besitzer einfach mal alle alten Möbel, die keiner mehr haben wollte, dort hinein gequetscht, die Wände dunkelrot gestrichen und das Rauchen erlaubt. Das Ergebnis ist eine schummerige, unaufgeregte Atmosphäre, die uns gut gefällt.

Vor ein paar Tagen war ich wieder einmal dort. Zusammen mit Björn und unserem Kumpel Dennis, der chronisch auf Frauensuche ist. Außer uns war der Laden so gut wie leer, nur ein paar Tische weiter saßen drei Mädels. Die eine, eine Schönheit mit langen schwarzen Haaren und kurviger Figur, bestellte ein Glas Sekt nach dem nächsten, während ihre Freundinnen, eine sehr dünne, kleine Blonde und eine große, ebenfalls Blonde mit ausladendem Busen, sich an ihren Wassergläsern festhielten. Da wir die drei nicht kannten, setzten wir uns in einigem Abstand hin, bestellten Bier und hüllten uns bald in eine stattliche Wolke von Zigarettenqualm.

Wie das in solchen Kneipen so ist, kam irgendwann doch einer rein, den wir kannten, und so unterhielt ich mich mit den drei Kerlen und hatte eigentlich einen schönen Abend. Das wäre auch ganz unspektakulär geblieben und zeitnah vorbei gewesen. Wenn ich nicht im Damenklo die eine der Drei vom Nachbartisch getroffen hätte. Die hübsche mit den langen schwarzen Haaren. Während wir uns schweigend die Hände wuschen, fragte ich sie plötzlich, ob sie nicht zu uns an den Tisch umziehen wollen. Denn ich hätte da zwei Single-Männer sitzen. Manchmal wundere ich mich wirklich über mich selbst. Aber gut, wir Frauen müssen halt zusammen halten - und uns sagen, wo es Wasserstellen, Schnäppchenangebote und Single-Männer gibt.

Erst starrte sie mich ein wenig ratlos an, doch nachdem sie, zurück am Tisch, mit ihren Freundinnen Rücksprache gehalten hatte, standen die Drei wenig später mit ihren Gläsern in der Hand neben uns. Es wurde ein großartiger Abend, der viel zu lang ging und viel zu feucht-fröhlich war. Die mit den langen schwarzen Haaren und den sinnlichen Lippen, Karla hieß sie, stellte sich als brilliante Unterhalterin heraus, während ihre Freundinnen eher unscheinbar daneben saßen. Karla erzählte, gestikulierte, lachte, fragte - und dabei leuchtete ihr Gesicht und ihre Zuhörer atmeten aufgeregt und gebannt jedes ihrer Worte ein. Ich fand sie großartig. Clever. So witzig. Und wunderschön. Ich verliebte mich auf der Stelle in ihr tolles Wesen und ihr bezauberndes Äußeres. Dennis ging es genauso zu gehen, und selbst Björn schmachtete Karla an, während sie sprach. Das störte mich zwar einerseits, aber andererseits konnte ich es ihm wirklich nicht übel nehmen.

Wir tauschten Nummern aus und schlossen noch in der Kneipe per Handy Facebook-Freundschaft. Als es dann wirklich spät wurde und Björn, Dennis und ich schließlich aus der verräucherten Kneipe auf die Straße traten, fühlte sich mein Kopf an, als sei er voller pinker Watte. "Diese Karla", seufzte ich, "die ist wirklich ganz toll."

"Ja, schon", meinte Dennis eher zögerlich, und ich dachte, ich hätte mich verhört. Vielleicht war mein Gehirn durch die plötzliche Frischluftzufuhr in eine Art Schockstarre gefallen?
Doch Björn stimmte ihm zu. "Sie ist einfach zu toll."
"Genau, die kann man nicht bändigen!", fiel Dennis ihm ins Wort. "Nach ein paar Tagen wird die super anstrengend. Und außerdem sieht die so aus, als ob sie jeden haben könnte - und wer weiß, wenn sie kein Kind von Traurigkeit ist, hat sie bestimmt schon den einen oder anderen Kerl gehabt."

Auf so etwas reagiere ich ja ganz allergisch, und das sagte ich den beiden auch. Hauptsache, Männer sind tolle Hechte, wenn sie permanent ihre Bettpartnerinnen wechseln! Außerdem war ich wirklich ernsthaft schockiert, dass Björn und Dennis Karlas Vollkommenheit anzweifelten. Für mich war sie ein Superstar unter den Frauen.

"Ich fand ja ihre Freundin süß", fuhr Dennis schließlich fort. "Diese kleine Blonde. Die ist die Geheimwaffe der Truppe."
"Ja, allerdings. Die war echt heiß", pflichtete Björn ihm zu allem Überfluss auch noch bei.
Ich konnte mich kaum an das Gesicht des unscheinbaren Mäuschens erinnern, das kaum ein Wort zur Unterhaltung beigetragen hatte. "Warum denn das, bitte?"
"Naja", sagte Dennis, "die hat es nicht nötig, eine große Klappe zu haben oder sich groß aufzudonnern. Bei ihr steckt garantiert mehr dahinter, als alle denken."

Ich war ehrlich baff und erstaunt. Schemenhaft erinnerte ich mich an die Kleine, die kaum älter als 20 gewesen sein konnte. Schwarzer Kaputzenpullover. Kurze, hellblonde Haare. Fast ungeschminkt. Das an sich ist ja auch völlig okay. Aber diese Schüchternheit! Diese Schweigsamkeit! Das spricht gegen alles, was ich glaubte, über weibliche Attraktivität zu wissen. Ich fand sie sehr nett. Aber sexy ist doch eine Spur mehr. Geist ist sexy! Esprit! Ein Busen und ein Lachen aus vollem Hals. Dass die beiden diese Kleine so toll fanden, geht auch jetzt, einige Tage später, noch völlig über mein Verständnis.

Halten wir also fest: Ich dachte, ich hätte halbwegs verstanden, was Männer an Frauen mögen. Doch ich habe mich getäuscht, und zwar auf ganzer Linie. Also alles wieder auf Anfang, auf Null, auf unerfahren und ahnungslos. Wir Frauen müssen einfach anerkennen: Sexuelle Anziehungskraft und Attraktivität werden ein ewiges Mysterium bleiben. Also machen wir am besten einfach, was wir wollen, ziehen an, worin wir uns wohlfühlen und sagen, was wir denken - oder eben auch nicht. Aber all das tun wir künftig nicht mehr, weil irgendwelche Frauenzeitschriften uns einreden, wir seien nur dann sexy, wenn wir authentisch sind. Sondern, weil sowieso niemand weiß, was sexy ist. Also lassen wir's künftig einfach, uns für Männer besonders hübsch zu machen und vor Geist nur so zu sprühen. Es lohnt sich überhaupt nicht! Und in den meisten Bars ist es sowieso stockdunkel.

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