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Freaky Frankfurt

Von Rund ums Bornheimer Uhrtürmchen spielen sich gruselige Szenen ab.
Nicht 1950, sondern vor gut zehn Jahren entstand dieses Bild des Uhrtürmchens. Blind Dates waren damals gerade schwer in Mode. (Archivfoto: Martin Weis) Nicht 1950, sondern vor gut zehn Jahren entstand dieses Bild des Uhrtürmchens. Blind Dates waren damals gerade schwer in Mode. (Archivfoto: Martin Weis)
Wenn ich mich mit meinem Freund Viktor in Bornheim treffe, verabreden wir uns immer am Uhrtürmchen. Sie kennen es bestimmt, das ist dieses recht unspektakuläre graue Türmchen an der U-Bahnhaltestelle Bornheim Mitte, dieses Ding mit dem spitzen Dach und dem schwarz-weißen Ziffernblatt, von dem man sich so gut vorstellen kann, wie es drumherum in den 50er Jahren aussah. Viktor ist ein alter Freund, unsere Freundschaft ist wunderbar unaufgeregt und normalerweise mache ich mich für Abende mit Viktor nicht besonders schick. So sind wir eben, wir sitzen dann in unserem liebsten Asia-Imbiss, ich trage Jeans, Uggs und einen Pulli, und rede mit ihm ganz so, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Das ist ungefähr das Gegenteil von einem Blind Date, bei dem man sich noch gar nicht kennt, kaum etwas essen kann und sich von seiner allerbesten Seite zeigen will. Deshalb klopft mein Herz auf dem Weg zum Uhrtürmchen höchstens vor Vorfreude und nicht unbedingt, weil ich aufgeregt bin.

Doch als wir uns das letzte Mal trafen, war ich ein bißchen schicker als sonst. Grund war ein wichtiger Pressetermin, den ich am selben Tag gehabt hatte, weshalb ich doch mal hohe Absätze, Blazer und Bluse trug. Schon, als ich auf das Uhrtürmchen zusteuerte, sah ich, dass Viktor noch nicht da war. Stattdessen legten sich aus gleich mehreren Augenpaaren verstohlene Blicke auf mich, während ich über den Platz ging. Ich spürte so richtig, wie sie mich musterten, und zog, fast ohne es zu merken, die Schultern an. Ich lief am Uhrtürmchen vorbei und stellte mich gegenüber in einigem Abstand hin. Verstohlen sah ich mich um. Warum stand an einem Freitagabend hier gleich eine ganze Reihe nervöser Männer herum, die jeden musterten, der auch nur vorbei ging?

"Hallo", hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir. Ich fuhr zusammen und sah hoch. Ein dunkelhaariger, grünäugiger Mann mit einem Kinn, das von der frischen Rasur noch feucht glänzte, stand vor mir und lächelte schüchtern. "Bist du Jessica?"
Ich schüttelte den Kopf und bedauerte fast, nicht Jessica zu sein. Sie hatte einen Abend mit einem hübschen Ausblick vor sich. Mein Gegenüber senkte den Kopf. "Bist du sicher? Oder sagst du das jetzt nur, weil ich dir nicht gefalle?"

In diesem Moment fiel bei mir der Groschen. Natürlich! Das Uhrtürmchen war nicht nur unser Treffpunkt. Hier verabredeten sich auch andere Freunde - und solche, die es werden wollten. Und so merkwürdig verhielten sich auch fast nur Menschen, die auf dem Weg zu einem Blind Date waren und schreckliche Ängste durchlebten.

Blind Dates! Hatten Sie schon mal eins? Ich war früher die Königin der Internet-Verabredungen. Und trotzdem immer, wirklich immer unglaublich aufgeregt. Dieses Gefühl, dort am verabredeten Treffpunkt zu stehen, ist einfach unvergleichlich. Schaurig-schön irgendwie. Denn jeder, der auf mich zu lief, hätte es sein können; der großartige Mann, mit dem ich mich stunden- und nächtelang in irgendwelchen Chatforen über mein Leben unterhalten hatte. Würde er mir gefallen? Würde ich ihm gefallen? Würde es peinlich werden? Oder war es vielleicht diesmal wirklich die eine, ganz ganz große Liebe? Denn die Hoffnung hört ja doch nie ganz auf, egal, wie viele Reinfälle man schon erlebt hat ...

Und bis man sich da überhaupt gefunden hatte! Eine weiße Rose als Erkennungsmerkmal am Revers oder einen ganz bestimmten Bestseller in der Hand zu tragen, ist zwar schön melodramatisch, aber sowas tut man in der Wirklichkeit irgendwie dann doch nicht. Stattdessen steht man dumm und dusselig nebeneinander und kann nur hoffen, dass man wenigstens Handynummern ausgetauscht hat, um sich irgendwann gegenseitig anzurufen. Wenn dann das Handy in der Tasche des schweigenden Nebenmannes klingelt, weiß man: Er ist es. Oder könnte es zumindest sein. Ganz großes Kino.

Der grünäugige, braunhaarige Mann neben mir sah mich noch immer an, verunsichert, aufgewühlt, ängstlich. "Ich bin nicht Jessica", sagte ich - und wollte ihm plötzlich unbedingt einen Gefallen tun, weil er mir leid tat. "Aber ich würde trotzdem gern mit dir ausgehen."
Er starrte mich aus großen, kugelrunden Augen an. "Das geht nicht! Ich warte doch auf Jessica!"

Ich sah ihm nach, wie er wieder an seinen Platz direkt neben dem Uhrtürmchen zurücktrabte, und war froh, dass er auf meine kleine Neckerei nicht eingegangen war. Es begann zu regnen, und bald kam Viktor. Erst, als ich sein vertrautes Gesicht sah, merkte ich, wie aufgewühlt ich plötzlich innerlich war. Vielleicht, weil mir in den letzten Minuten meine vielen Blind Dates durch den Kopf gegangen waren? Meistens sind diese Treffen ja schön gewesen, auch wenn letztlich nicht aus allen etwas wurde - und nur aus zweien eine ernstzunehmende Beziehung. Aber trotz all des freundlichen Geplauders und der interessanten Menschen war auch bei mir damals immer diese Angst da, ungenügend zu sein, als nicht hübsch genug, nicht schlank genug, nicht toll genug empfunden zu werden. Denn bei Blind Dates hält sich niemand lange mit jemandem auf, der ihm nicht erfolgsversprechend erscheint. Dafür ist die Zeit zu knapp und das Daten heute zu gewinnorientiert. Das ist wie in dieser Dating-Show "Next", die irgendwann mal auf MTV lief. Frauen warten in einem Bus, und draußen steht ein Typ, der eine Partnerin sucht. Je eine Frau steigt aus, um mit ihm auf ein Mini-Date zu gehen. Doch wenn ihm ihr Aussehen, ihre Figur oder sonst etwas an ihr nicht gefiel, rief er einfach "Next!" - und schon wurde die Eine aussortiert und die Nächste durfte aussteigen. Was für eine Demütigung! Ein Alptraum für die Genextete!

Ich weiß nicht, ob Blind Dates heute immer noch so angesagt sind. Ich jedenfalls mache das nicht mehr. Ob das wohl daran liegt, dass die Zeiten sich geändert haben? Oder bin ich einfach älter, weiser und weniger abenteuerlustig geworden? Ich hatte mein letztes Blind Date vor ein paar Jahren - und statt "Next" zu rufen oder mich von einer Freundin retten zu lassen, bin ich mit dem Typen heute immer noch zusammen. Und auch, wenn ich gelegentlich mal heimlich, still und leise "Next!" denke, meine ich das nicht so. Denn es klappt wirklich erstaunlich gut mit uns.

Und bei aller Dating-Angst bin ich stolz darauf, zu sagen, dass in all den Jahren nur einmal ein Mann von mir und unserem Blind Date weggerettet werden musste, mit einem schlecht inszenierten Anruf à la "Oh Gott, was ist passiert? Wo bist du? Ich komme sofort!". Damals musste ich fast schmunzeln, während ich ihm gegenüber stand, auch wenn sich das gar nicht nett anfühlte. Aber viele andere Blind Dates waren sehr schön und lustig. Ein paar gute Freundschaften sind auch daraus entstanden.

Viktor kenne ich übrigens nicht aus dem Internet. Aber das ist eine andere Geschichte.

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