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Freaky Frankfurt

Von Warum auch eine Fast-Verlobung manchmal ein Grund für Cocktails ist.
Prost! Unsere Bloggerin und ihre Mädels trinken darauf, wie schnell das manchmal gehen kann mit der Verlobung. (Foto: Viacheslav Baranov - Fotolia.com) Prost! Unsere Bloggerin und ihre Mädels trinken darauf, wie schnell das manchmal gehen kann mit der Verlobung. (Foto: Viacheslav Baranov - Fotolia.com)
Meine Freundin Kristin hat sehr genaue Vorstellungen, wie der Mann ihrer Träume zu sein hat. Und ziemlich hohe Ansprüche. Das führt dazu, dass sie die meiste Zeit, seit ich sie kenne, Single war. Wir anderen verliebten uns, verlobten uns, manche heirateten sogar, trennten sich wieder oder wurden schwanger. Wenn wir uns trafen, erzählten wir stundenlang von unseren Beziehungen, während Kristin geduldig lächelte und immer ein wenig den Eindruck machte, als schwebe sie über den Dingen. Vielleicht stimmte das sogar, denn sie ließ sich nie aus der Ruhe bringen. "Der Richtige kommt schon noch, und auf halbe Sachen habe ich keine Lust", sagte sie einmal. Das musste zur Erklärung für alle Zeit reichen, und Kristin blieb weiter allein, geduldig wartend auf den Einen, den einzig Wahren. Bewundernswert und erschreckend war das, beides gleichzeitig.

Dabei ist es nicht so, dass es zwischendrin nie Interessenten gegeben hätte. Kristin ist hübsch und klug, warmherzig und lustig, beruflich erfolgreich und eigenständig. Oft wird nur sie angesprochen, wenn wir in der Gruppe unterwegs sind, und auch auf der Arbeit gibt es den ein oder anderen Mann, der sich Hoffnungen macht. Kristin bräuchte nur zu wählen - und könnte vielleicht sogar glücklich sein, wenn sie sich mit etwas weniger als dem zufrieden geben würde, was ihr als das Absolute erscheint. Doch daran denkt sie nicht mal. Vielleicht ist ja sogar genau diese Einstellung ihr Geheimnis, diese Ausstrahlung, niemanden zu brauchen, kein verzweifeltes kleines Häufchen Elend zu sein, das nur mit Mann glücklich ist. "Needy", sagt der Engländer zu solchen Frauen, also "brauchig". Kristin braucht niemanden - und manchmal denke ich, sie braucht nicht einmal uns. Macht sie uns womöglich etwas vor mit ihrer gelassenen Warterei auf Mr. Right?

Es ist vielleicht sechs Monate her, es war Sommer und ein heißer, stickiger Abend, da saßen wir gemeinsam mit unseren Freundinnen Lisa und Jo im Nordend in einem schnuckeligen, atmosphärischen und vor allem klimatisierten kleinen vietnamesischen Restaurant, als plötzlich ihr Handy klingelte. Kristins Handy klingelt generell eigentlich eher selten, sie hat nicht mal ein Smartphone, sondern so ein altes Teil, mit dem man kaum etwas anderes machen kann als im Notfall die Polizei zu rufen und ansonsten damit nach dem Angreifer zu werfen. Deshalb zuckten die Mädels und ich über unseren exotischen, mit Orchideenblüten verzierten Gerichten zusammen, als der fremde Klingelton plötzlich unser Gespräch zerriss. Kristin kramte in ihrer Tasche, warf einen Blick auf den Display und schaltete das Klingeln lautlos.

"Wer war denn das?", fragte ich neugierig.
"Ach, so ein blöder Typ, ein Kollege", antwortete sie unbeeindruckt und sah uns genervt an.
"Ein Mann?", zog Lisa sie auf und sah aus, als würde sie ihr am liebsten in die Wange kneifen und sagen: Du unanständiges kleines Mädchen! Warum hast du uns nicht vorher erzählt, dass du jemanden kennengelernt hast? Lisa ist selbst glücklich verheiratet und kann nicht verstehen, warum nicht auch alle anderen einfach endlich sesshaft werden.
Kristin zog eine Grimasse und fühlte sich sichtlich unwohl. "Der ist gar nichts", sagte sie, was nicht besonders sympathisch formuliert war. "Menschlich ist er ja ganz nett, aber optisch ein richtiges Ekel. Er ist groß und dürr und hat fast keinen Zahn mehr im Mund. Als ob ich mit dem was anfangen würde!"
Einen Moment herrschte Schweigen. Ich war mir nicht sicher, weshalb die anderen still waren. Ich schwieg, weil ich es unmöglich fand, dass sie Menschen derart nach ihrem Äußeren aburteilte - und weil ich vom Selbstbewusstsein des jungen Mannes beeindruckt war. Männer haben wirklich gar kein Gespür für irgendeine Art von Attraktivitätsgefälle.

Als der peinliche Moment vorbei war, wechselten wir das Thema. Und eigentlich hätte ich das so viele Monate zurückliegende Gespräch schon lange vergessen, wenn nicht Kristin von sich aus wieder auf den Zahnlosen zurückgekommen wäre. Gestern trafen wir uns beim Mexikaner auf der Berger Straße. Und statt einer Begrüßung sagte sie, während sie ihre Jacke auszog: "Er ist verlobt!"
Die anderen beiden Mädels waren wohl genauso verwirrt wie ich. "Wer jetzt?", fragte Jo schließlich und klang dabei irgendwie irritiert. Schließlich ist Kristin nicht dafür bekannt, mit einer verzehrfertigen Männergeschichte bei unseren Treffen aufzutauchen.
"Mein zahnloser Kollege", antwortete Kristin, während sie sich hinsetzte, tief seufzte und die Cocktailkarte aufschlug. "Ist es nicht unfassbar, wie tief Frauen sinken können?"
Ich schüttelte ungläubig den Kopf, während sie einen Cocktail bestellte. "Er kann sie doch unmöglich länger als ein halbes Jahr kennen, wenn er im Sommer noch hinter dir her war."
"Korrekt", bestätigte Kristin und lehnte sich zurück. "Fünf Monate, sie haben sich kurz danach kennengelernt."
Selbst Lisa schien das etwas zu schnell zu gehen, denn sie murmelte ein leises: "Na da hat es aber jemand eilig."
Und dann sagte Kristin etwas, das ihr eigentlich gar nicht ähnlich sah. "Ich könnte jetzt verlobt sein." Sie sah nachdenklich aus dabei, nicht unbedingt traurig, aber sehr verwundert. "Verlobt mit einem Scheusal. Aber immerhin. So nah dran war ich noch nie."
Lisa sah plötzlich sehr traurig aus, vielleicht dachte sie an ihre eigene romantische Verlobung. Doch vom einen auf den anderen Moment brauch sie plötzlich in ein lautes Lachen aus, und auch wir anderen mussten grinsen. "Auf deine Fast-Verlobung!", rief Lisa und hob ihren Erdbeer-Daiquiri. "Beim nächsten Mal klappt es!"

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