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Freaky Frankfurt

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Gern von Trophy-Wifes und anderen getragen, die es sich leisten können: Handtasche und Portemonnaie der französischen Edelmarke Louis Vuitton. Foto: dpa Gern von Trophy-Wifes und anderen getragen, die es sich leisten können: Handtasche und Portemonnaie der französischen Edelmarke Louis Vuitton. Foto: dpa
Lebensziele sind etwas Wunderbares. Auch wenn sich nicht alles erreichen lässt, was wir uns in jungen Jahren so vornehmen, helfen gewisse Eckpunkte, Hoffnungen und Träume doch dabei, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Finde ich. Allerdings führt das dann auch manchmal zu Enttäuschungen. So wie bei meiner Freundin, die unbedingt vor ihrem 30. Geburtstag verheiratet sein wollte. Irgendwie hatte sie sich verliebt in die Idee, an Pfingsten zu heiraten. „Das ist ein schönes langes Wochenende, so dass man quasi drei Tage durchfeiern kann“, hatte sie mir mal erklärt, als wir uns vor vier Jahren gerade besser kennenlernten und unsere Lebensideen voreinander ausbreiteten.

Damals war noch einige Jahre Zeit, und dass sie Single war, fiel nicht weiter ins Gewicht. Doch mittlerweile wird es eng, denn irgendwie hat meine Freundin bis heute niemanden gefunden, mit dem sie sich eine Ehe oder wenigstens eine Hochzeit vorstellen könnte. Nächsten Sommer nun wird sie 30 - und die dreitägige Hochzeit, die sie sich in den wunderschönsten Farben ausgemalt hat, kann nach ihrer Logik nur noch am Pfingstfest unmittelbar davor stattfinden. „Warum heiratest du nicht einfach in Ruhe dann, wenn du jemanden gefunden hast?“, habe ich sie einmal gefragt. „Ist doch egal, ob du dann 31 oder 35 bist.“
„Das wäre doch irgendwie nicht das Gleiche“, seufzte sie. „Das wäre nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.“ Und obwohl es bis dahin nur noch wenige Monate sind, hat sie die Hoffnung irrsinnigerweise, man muss es tatsächlich so sagen, noch nicht aufgegeben.

„Möchtest du deinen zukünftigen Mann nicht wenigstens ein paar Monate kennen, bevor du ihn heiratest?“, fragte ich sie letztens, als wir uns im Bockenheimer Café Albatros über unsere Kaffeetassen hinweg ansahen.
Sie lachte und zwinkerte mir zu. „Fändest du es sehr verrückt, schon einmal mit der Planung zu beginnen? Die Einladungskarten brauchen ja auch ihre Zeit, bis sie gedruckt sind.“
Ich weiß aus sicherer Quelle, dass sie völlig normal tickt. Deshalb nehme ich ihr nicht übel, dass sie in dieser einen Hinsicht irgendwie nicht mehr alle Espresso-Tässchen im Schrank hat. „Du kannst ja eine gestrichelte Linie drucken lassen und den Namen des Bräutigams später handschriftlich eintragen“, schlug ich vor und war erschüttert, als sie das einen Moment lang tatsächlich in Betracht zu ziehen schien.

Ich habe mir das entsprechende Pfingstwochenende jedenfalls schon einmal im Kalender markiert. Und ich weiß genau, dass sie leicht angesäuert sein wird, wenn ich sie kurz vorher fragen werde, um wie viel Uhr die Trauung denn beginnt. Für sie ist ihre Hochzeit eine ernste Sache, über die andere gefälligst nicht zu spotten haben. Dementsprechend weit ist sie in der Vorbereitung. Die Location hat sie schon ausgewählt, ein wildromantisches Weingut im Rheingau. Und nachdem sie in den vergangenen Jahren online zahlreiche Caterer und deren Preise verglichen hat, hat sie sich auch beim Büffet schon halbwegs festgelegt. Auch der Schnitt des Brautkleides („Ich werde ein schulterfreies Kleid tragen“) steht bereits fest. Am liebsten würde ich sie an den Schultern packen, kräftig durchrütteln und anbrüllen: „Such dir doch lieber mal einen Mann, statt deine Hochzeit zu planen!“ Doch in einem ganz kleinen Eckchen meines Herzens verstehe ich, warum sie immer noch ganz irrational hofft.
 
Diesen Wunsch, um Schlag Mitternacht meines 30. Geburtstages einen Kassensturz zu machen, hatte ich zwar selbst nicht. Als ich 30 wurde, habe ich das mit ein paar guten Freunden gefeiert und mir nicht groß Gedanken darum gemacht, dass ich nicht verheiratet bin und keine Kinder habe. Doch etwas nagte trotzdem an mir: Ich hatte, seit ich mit 14 anfing zu schreiben, den großen Herzenswunsch, vor dem 30. Geburtstag mein erstes Buch zu veröffentlichen. Doch natürlich schluckte ich die Enttäuschung herunter und sprach nicht mehr darüber. Was sollte ich auch sagen? Es wäre einfach auf eins hinaus gelaufen: Ich hatte vor mir selbst versagt. Und das gibt niemand gerne zu.
 
Doch warum war mir das eigentlich so wichtig? „Ist doch egal, ob du 31 oder 35 bist, wenn du dein Buch veröffentlichst“, sagte Björn damals zu mir. Und da merkte ich, wie dumm sich das eigentlich anhört. Mit 30 mein Ziel erreicht zu haben, hätte mir selbst verdeutlicht, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Dass ich den Zeitplan einhalte, den ich mir selbst gesteckt habe. Im Prinzip eine Art Statussymbol im wahrsten Sinne. Ein Symbol, um meinen Status im Leben zu zeigen, mich daran festzuhalten, mich darauf zu retten wie auf eine kleine Insel auf hoher See. Seht her, ich habe das erreicht, was ich mir damals vorgenommen habe.
 
Dabei lege ich auf echte Statussymbole eigentlich keinen besonderen Wert. Ich habe keinen Porsche, keine Rolex, nicht einmal ein iPhone. Woher sollte ich das alles auch haben? Und wozu? Doch obwohl ich keinen großen Wert auf Marken lege und erst recht nicht darauf, mich über deren Kostenfaktor zu definieren, brauche natürlich auch ich meine Statussymbole. Zum Beispiel sage ich gern: Ich bin Journalistin. Ich mag den Klang dieser Worte, die schöne, gute Bedeutung, die ich mit diesem Beruf verbinde und die Bewunderung, die mir von Nicht-Journalisten entgegen schlägt. Ich lege Wert darauf, klarzustellen, dass ich Vegetarierin bin, meist sogar vegan lebe. Geht es ums Reisen, erzähle ich gerne, wo ich schon war und was ich dort Abenteuerliches erlebt habe. Und manchmal, ja manchmal kaufe ich mir eine Handtasche, die für meine Verhältnisse eigentlich viel zu teuer ist. Aber nicht, weil die Marke groß darauf steht, sondern weil ich es mag, wie sie sich anfühlt, weil ich die Form schätze und eine Tasche wie eine gute Freundin ist.
 
Bei diesen Dingen geht es aber nicht darum, bei anderen Eindruck zu machen. Sondern mir selbst in Erinnerung zu rufen, wie schön mein Leben eigentlich ist und wie glücklich ich bin. Denn mir geht es da wie allen anderen, manchmal vergesse ich das einfach.
 
In ganz seltenen Situationen geht es dann aber vielleicht doch um die Anderen. Zum Beispiel bei meinem Klassentreffen im vergangenen Jahr. Zehn Jahre Abitur – und einen ganzen Abend Zeit, sich miteinander zu vergleichen. Ich streifte mir also meinen tollen Beruf über und fühlte mich so halbwegs gewappnet, zwei andere, mittlerweile Investmentbanker, kamen direkt aus New York und Shanghai eingeflogen und prahlten ordentlich – und natürlich trugen sie fast alle teure Sonnenbrillen, Uhren, Kleidung, Schuhe. Und eine ehemalige Schulfreundin hatte ihr wenige Wochen altes Baby dabei. Ja, sie hat einen Mann, der einen Abend auf den Sohn hätte aufpassen können. Und sie hat Eltern. Bestimmt auch Geschwister oder Freundinnen, die mal eingesprungen wären für die paar Stunden. Aber nein, sie brachte den Kleinen mit. Und nicht nur das, sie weckte ihn auch immer wieder auf, kaum, dass er eingeschlafen war, so dass er anfing zu weinen und sie ihn hochnehmen musste. Das Kind als Statussymbol an die Brust gepresst, unterhielt sie sich lächelnd mit den Umstehenden, die ihr genauso wie mir fremd geworden waren wie mir. Ich bin eine Mutter, schien ihr Lächeln zu sagen. Das ist mein Status. Hier kann niemand behaupten, ich hätte nichts erreicht im Leben.
 
Wenn ich mir meine persönlichen Statussymbole so anschaue, bin ich froh, dass ich keinen Porsche und keine Ray Ban brauche, um mich und meinen Status zu definieren. Und ein bisschen auch, dass ich kein reicher alter Sack bin, der sich ein blutjunges Model an seine Seite holt, eine sogenannte Trophy-Wife, also Trophäen-Frau. Sie wird dann vorgezeigt wie eine hübsche Auszeichnung, und ihre teure Designerkleidung (nicht sie selbst, wohlgemerkt!) scheint den anderen reichen alten Säcken zu sagen: Seht her, dieses junge Mädchen steht auf mich. Ich habe genug Geld, damit sie mich sexy findet.

Ich finde ja, auch eine bestimmte Art, sich zu kleiden, oder eben die Ernährung sind in gewisser Weise Statussymbole. Doch egal, ob es eine teure Uhr, ein Baby, die Hochzeit im Rheingau, ein veganer Burger oder eine bevorzugte Musikrichtung ist, Statussymbole haben alle etwas gemeinsam. Sie beruhigen uns und die Menschen, die mit uns zu tun haben. Denn sie ordnen ein und legen fest, sie zeigen, für welchen Weg wir uns entschieden haben und machen uns letztlich kalkulierbar. Und ob eine vorübergehend mit Louis Vuitton ausgestattete 20-Jährige oder eine Fliegersonnenbrille für 350 Euro sinnvoll oder nur profan sind, darüber darf ein Außenstehender eigentlich nicht urteilen.
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