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Freaky Frankfurt

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Ein Klavier steht mitten im Wald. Was auf viele Leute kurios wirken dürfte, löst bei unserer Bloggerin Anne Zegelman ganz andere Gefühle aus. Foto: dpa Ein Klavier steht mitten im Wald. Was auf viele Leute kurios wirken dürfte, löst bei unserer Bloggerin Anne Zegelman ganz andere Gefühle aus. Foto: dpa
Meine Mutter sagt, ich sei eine Gruscheltante. Oder gerne auch: Sperrmüll-Liese. Das hört sich erst mal nicht besonders schmeichelhaft an, aber ich kann es nicht leugnen. Berge von alten Möbeln, ausrangierten Bildern, ungeliebten Topfpflanzen und wer-weiß-nicht-alles üben eine magische Anziehungskraft auf mich aus. „Sperrmüll ist mein Lieblingsfeiertag“, sagte ich immer zu Björn, sobald die ersten alten Schränke und durchgesessenen Möbel am Straßenrand auftauchen. Und nicht nur meiner: Bis das ganze Gerümpel von der Stadt abgeholt wird, kreisen Abend für Abend große weiße Lieferwagen mit polnischen und rumänischen Nummernschildern und riesigen Rostflecken durch die Straßen. Mit den Kollegen der Sperrmüll-Mafia liefere ich mir gerne ein Wettrennen, wer die wahren Schätze zuerst entdeckt und aus dem ganzen restlichen Müll zieht. Da bin ich furchtlos. Denn dass zwischen allerlei Mist immer wieder ein Juwel zu finden ist, daran zweifle ich keine Sekunde lang.
 
Sperrmüll ist doch wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Lauter tolle Dinge, die ihr Besitzer nicht mehr haben will – und deshalb der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. Wie Shoppen, nur ganz ohne Bezahlen. Ja, es ist mir bewusst, dass es verboten ist, Sperrmüll mitzunehmen. Aber mal ehrlich, wem schadet das denn? Die Einen wollen ihn loswerden. Die Anderen freuen sich drüber. Das ist doch eine Win-Win-Situation. Und je mehr wir fleißigen Bürger vorher wegschaffen, desto weniger muss die Stadt am Ende entsorgen. Und das wiederum spart Geld. Im Grunde genommen also sogar eine Win-Win-Win-Situation. Genial, oder? Warum verbietet man etwas, bei dem eigentlich alle Beteiligten nur gewinnen?
 
Jetzt gibt es ja viele, die sich vor Sperrmüll ekeln. Weil es per Definition Müll ist und weil sie nicht wissen, aus welchem Haushalt er stammt und wie sauber es dort ist. Ich nicht. Ich nehme die Sachen mit nach Hause, wische sie ab, desinfiziere sie notfalls von oben bis unten. Einen Stuhl habe ich mal komplett abgeschliffen und neu lackiert, bei einem Sessel in einem schmerzhaften Kraftakt die Polsterbezüge abgemacht und heiß gewaschen. Das Argument, dass man ja nie weiß, woher das Zeug stammt, lasse ich nicht gelten. Bei Ebay weiß man das doch meistens auch nicht.
 
Egal ob geschenkt, vom Sperrmüll geräubert oder günstig gekauft: Es macht mir nichts aus, wenn man einem Gegenstand seine Geschichte ansieht. Schrammen bekommt der neue Holztisch sowieso irgendwann. Dann ersteigere ich ihn eben schon mit ein paar Macken und ärgere mich dann nicht, wenn ich schließlich meine erste dazu beisteuere. Bei mir ist das eine Art Lebenseinstellung. Neue Dinge bedeuten mir nicht so viel wie alte. Das ist bei Möbeln genauso wie bei Mänteln und Handtaschen, wie bei Büchern und Autos.
 
Makellose Gegenstände in ihrer glatten, gesichtslosen Neuheit zu sehen macht mich traurig, denn sie sind wie schöne, junge Models, die ein perfektes Gesicht haben – und dahinter herrscht gähnende Langeweile. Dass etwas schon vor mir einen Besitzer hatte, ärgert mich genausowenig wie es mich wundert oder mir unheimlich ist. Auch Menschen haben doch ihre Vorgeschichten. Ab einem gewissen Alter gibt es niemanden mehr, der nicht schon einmal geliebt hat und verletzt worden ist. Und wenn doch, dann hat das einen Grund, der auch nicht unbedingt besser ist als die Tatsache, dass jemandem schon einmal das Herz gebrochen worden ist.
 
Auch ich habe eine Geschichte, ich habe Macken im Holz und Narben auf der Seele. Dazu stehe ich. Ich bin eben keine 15 mehr – und würde auch nicht nochmal 15 sein wollen. Genauso, wie ich dadurch erst interessant und wertvoll geworden bin, ist das doch auch mit Dingen. Ich will Möbel mit Kratzern, Vintage-Kleidung mit Geschichte und Bücher mit Eselsohren, denn genauso wie ich es verdient habe, dass man meine wahre Schönheit erkennt, so haben es auch diese Dinge verdient, geliebt zu werden – trotz ihres Alters und ihrer Makel oder gerade deswegen.
 
Gebrauchte Dinge haben Seele und eine Geschichte – und wir schulden ihnen Respekt. Wir sollten ihnen zuhören und von ihnen lernen, statt sie auszumustern und einen großen Schatz achtlos fortzuwerfen.
 
Übrigens: In einem Fall macht es mir dann doch Spaß, etwas neu zu kaufen. Nämlich dann, wenn ich ein verbeultes, zerkratztes und reduziertes Einzelstück bei IKEA in der Fundgrube entdecke. Das kaufe ich dann meistens schon aus Prinzip, weil mir das hässliche Entlein, das keiner haben will, schrecklich leid tut. Ist das übertrieben emotional? Vielleicht. Aber gegen eine innere Überzeugung kann man eben nichts machen.
 
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