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Der Grantler vom Main

Christian Preußer über Wilhelm Genazinos „Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“.
Ist Frankfurt wirklich ungenießbar? (Bild: dpa) Ist Frankfurt wirklich ungenießbar? (Bild: dpa)
Schon klar – Frankfurt ist nicht München, nicht Berlin, nicht Hamburg. Aber trotzdem ganz schön. Sagt zumindest Stadtzyniker Wilhelm Genazino, immer wieder, in jedem Interview, in jedem seiner Bücher. Er schreit es der Welt entgegen. Und weil viele Menschen diesen ausdauernden Werbe-Ruf noch immer nicht gehört zu haben scheinen, hat der Wahl-Frankfurter jetzt ein kleines Bewusstseinsstrom-Bändchen geschrieben, einen eigenwilligen Liebesbrief, in dem er all das Schöne, Gewinnende, Bezaubernde der Stadt auf den Punkt bringt: „Die meisten Personen, die mich kennen, wundern sich, dass ich in Frankfurt lebe. […] Frankfurt sei hässlich, abstoßend, ordinär, spießig, kurz: ungenießbar.“

Ach wie schön, denkt man sich da als Leser des schmalen Bändchens – ein herrschaftlicher Thomas-Bernhard-Moment – und liest schleunigst weiter: „Wer sich vor Augen führen will, wie antigroßstädtisch, fast betulich selbst das Stadtgebiet Frankfurts ist, braucht sich nur die Straßen im Umfeld der Zeil anzuschauen, zum Beispiel die Töngesgasse oder die Stephanstraße, die dann in die Stiftstraße einmündet. Man staunt nicht schlecht, wie schlicht, bieder, provinzlerisch und beinahe leer sich diese Straßen präsentieren.“

Kaum hat man die ersten zwanzig Seiten dieses schmalen Büchleins gelesen, da hat Genazino auch schon seinen Grantler-Groove gefunden. In knappen Kapiteln und großen Betrachtungen skizziert Wilhelm Genazino Frankfurt am Main, entlarvt die Einheimischen, nörgelt über die Provinzler in der Großstadt, denn er weiß – und wer bitteschön sollte es besser wissen als Genazino – dass das unvergessliche Bodo-Kirchhoff-Zitat niemals seine Gültigkeit verlieren wird: „Übermenschliche Kräfte scheinen nötig, um sich in einer Stadt wie Frankfurt seine Heimat zu schaffen.“

Gerade erst hat Genazino seinen 70. Geburtstag gefeiert, sich selbst, so kann man das verstehen, hat er dieses Buch geschenkt, das er „Tarzan am Main“ nennt. Bei ausgedehnten Spaziergängen durch die Stadt sei dieses Buch entstanden, Reflexionen beim Flanieren, im Kopf, sozusagen. Und liest man es auch nicht gleich heraus, aus diesen scharfen Sätzen, so stellt man doch schon bald fest: „Tarzan am Main“ ist ein strammes Buch über eine stramme Stadt von einem strammen Autoren. Die vielleicht schönste literarische Liebeserklärung an Frankfurt seit „Ein Regenschirm für diesen Tag“. Geschrieben hat auch dies: Wilhelm Genazino. Wilhelm Genazino: „Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“. Carl Hanser Verlag: München 2013. 140 Seiten, 12,99 Euro. (Christian Preußer)
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