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Keine Gnade

Von "Ihr könnt's mein Hirn haben", sagt er noch. Dann schneidet er sich in die Stirn.
Rainald Goetz mit blutender Stirn beim Ingeborg-Bachmann-Preis 1983. Ein eindringlicher Moment der Literatur. (Bild: ORF, Screenshot: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=_BEjgp9MAEY" target="_blank" style="text-decoration:underline;">www.youtube.com</a>) Rainald Goetz mit blutender Stirn beim Ingeborg-Bachmann-Preis 1983. Ein eindringlicher Moment der Literatur. (Bild: ORF, Screenshot: www.youtube.com)
„Ihr könnt’s mein Hirn haben“, sagt er noch, dann nimmt er eine Rasierklinge und schneidet einen sauberen Schnitt in seine Stirn. Das Blut tropft und tropft und hört damit auch gar nicht mehr auf, es tropft bis zum Ende dieser hastigen, polternden Lesung, über die Marcel Reich-Ranicki von seinem Jury-Stuhl herunter wenige Minuten später urteilt: „Mich hat dieses provozierende Prosastück beeindruckt. Ich bin dafür.“

Der Autor Rainald Goetz hält sich derweil ein Taschentuch an die Stirn und gibt sich einigermaßen unbeeindruckt. Es ist die wohl schillerndste Geschichte des Klagenfurter Wettlesens, des sagenumwobenen Ingeborg-Bachmann-Preises, und sie hat 1983 stattgefunden, vor einem sichtlich überforderten Publikum. Wenn man sich heute dieses aus der Zeit gefallene Video auf Youtube anschaut, dann kann man es kaum glauben, dass die Texte von Rainald Goetz, dem 59-jährigen Hektiker, noch immer zur zeitgeistigsten Literatur zählen, die es in Deutschland zu lesen gibt.

Dieser Auftritt von Goetz jedenfalls ist auch 20 Jahre später noch immer eine große Freude, und es ist eine Freude, dass es dieses Wettlesen gibt, weil es den Literaturzirkus doch einigermaßen transparent macht, und wenn es auch nur ein winziger Ausschnitt ist. Denn im Gegensatz zum Deutschen Buchpreis, wo seit 2005 in der Hauptsache bräsige Generationenromane ausgezeichnet werden, da ist das Klagenfurter Wettlesen eine große Chance für das Publikum, zu entdecken, zu verstehen, wie Literaturkritik funktioniert und warum welcher Text für welche Qualitäten ausgezeichnet wird.

Der ganze Prozess ist aufgegliedert: Der Autor betritt die Bühne, beginnt zu lesen, die prominent besetzte Jury zerreißt oder bejubelt den Text, das Publikum applaudiert. Der Sieger des Wettlesens wird demokratisch ermittelt. Und daraus, das beweist der Auftritt von Goetz, wird großartige Unterhaltung. Jedes Jahr. Diesmal vom 3. bis zum 7. Juli. Am Montag hat die Jury um Burkhard Spinnen die 14 Autoren bekanntgegeben, die in diesem Jahr in Klagenfurt um die Wette lesen werden.

Würde ich Geld wetten, oder besser: Geld wetten dürfen, dann auf Heinz Helle und Roman Ehrlich. Das wird groß. Wette ich. bachmannpreis.eu/de/autoren

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