Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Kleiner Mann, große Welt

Man begegnet ihm immer wieder, dem Homo Webicus Motzki.
Vom heimischen Rechner aus ist gut Meckern. (Symbolbild: dpa) Vom heimischen Rechner aus ist gut Meckern. (Symbolbild: dpa)
Mal Hand aufs Herz: Was können wir Deutschen am besten? Außer Autos bauen! Richtig: Nörgeln, meckern, motzen. Zu jeder Tag- und Nachtzeit. Über alles und jeden. Ohne Wenn und Aber. Auf der Arbeit, beim Stammtisch, am Gartenzaun – und natürlich im Internet. Is’ ja auch einfach. Und verlockend.

Schritt 1: Artikel auf der Webpage seiner Zeitung lesen.
Schritt 2: Aufregen, weil der Schmierfink leidenschaftslos unter Zeitdruck gähnend langweiliges Faktengeblubber hinrotzt oder zum x-ten Mal eine überarbeitete Story bringt, die einem schon beim ersten Mal lesen den Kragen schwellen und die Galle hochkommen ließ.
Schritt 3: Kommentar-Button klicken.
Schritt 4: Einloggen.
Schritt 5: Diesem Zeitungsheini – und überhaupt allen, die so denken wie der – mal so richtig die Meinung geigen.

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Der Typ, der Sie da so selbstgefällig vom rechten Bildrand angrinst, ist übrigens ein ganz besonders Exemplar der Gattung „schimpfender Rohrspatz“. Am liebsten krittel ich übrigens an denen rum, die unter Artikeln meiner Lieblingszeitung, der BILD, ihren Senf abgeben, aber höchstens mit Uninformiertheit glänzen. Allein der Gedanke an solche Netz-Nörgler treibt meinen Puls nach oben.

Beispiel gefällig? Gern. Dauerbrenner: der neue Rundfunkbeitrag, ehemals GEZ. Dass sich der Deutsche gerne mal über Dinge beschwert, die er nicht bestellt hat und die er deshalb auch nicht bezahlt, ist ja bekannt. Außer vielleicht, wenn ein saftig gebratenes, 400 Gramm schweres Rumpsteak statt des billigen Pressfleisch-Schnitzels unter den Kroketten hervorlugt. Wobei. Dann würde er sich vielleicht sogar noch über die fehlende Kräuterbutter beschweren. Sei es drum. Über die Rundfunkgebühr zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks lässt sich streiten. Unstrittig aber sind seine Funktion und die Aufgabe, die der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland etablierte Rundfunk erfüllen sollte.

Politische Unabhängigkeit und Staatsferne standen nach dem Sieg über Nazi-Deutschland ganz oben auf der Liste der Alliierten. Ich will hier ja nicht den Zeigefinger erheben und alles schönreden, liebe GEZ-Motzkis: Dass sich diese Ziele aber nicht durch ausschließliche Finanzierung durch Werbeeinnahmen umsetzen lässt, war damals klar. Und sollte es heute auch noch sein, hm? Trotzdem schafft es gerade die BILD-Zeitung immer wieder, gekonnt gegen das zu hetzen, was eigentlich elementar für eine Demokratie ist: politisch unabhängige und staatsferne Berichterstattung, ein TV-Programm, das nicht (oder nur in geringen Umfang) von Werbeeinnahmen abhängig sein soll, sondern ermöglicht wird durch die Beträge, die die Rundfunkempfänger entrichten. Laut Staatsvertrag zentral: Information, Beratung, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Die Seh- und Hörgelüste aller gesellschaftlichen Schichten befriedigen also.

Interessiert den gemeinen BILD-Leser aber nicht. Wurde nicht bestellt, wird nicht bezahlt. Auf die Barrikaden. In diesem Zusammenhang war es übrigens das erste Mal, dass ich in einem User-Kommentar die Hoffnungen auf „eine Steigerung der Ausländerquote auf über 50 Prozent“ gelesen habe. Schließlich gingen die Ausländer ja auf die Straßen, wenn denen was nicht passe. Und weiter: ARD, ZDF und die Dritten seien „Zwangsfernsehen“, der Rundfunkbeitrag eine „Zwangssteuer“. Immer wieder gibt es auch Meinungen á la „Ein Rundfunksender reicht doch aus!“ Willkommen in Nord-Korea, Genosse! Oder den anderen Ländern, die ihrem Volk gelenktes Staatsfernsehen bieten. Da bekäme dann auch der Spitzname Gerhard Schröders als „Medien-Kanzler“ eine ganz neue Lesart.

Profitieren können hätte er da von der Erfahrung eines Silvio Berlusconi, Ex-Staatspräsident Italiens und ganz beiläufig Medienmogul. Manche Motzer verlangen sogar, die Öffentlich-Rechtlichen zu verschlüsseln und fordern, wer die Sender sehen wolle, könne die ja abonnieren. Nur wolle das ja keiner. Hä? Ein anderer kluger Kopf fordert geistreich ein Gesetz das verbiete, Dinge bezahlen zu müssen, die man nicht konsumiert und von denen man selbst nichts hat. Gratulation, Schweinchen Schlau. Das ist die Lösung für alle, die kein Bock mehr haben arbeitsfaule Gesellen wie Florida-Rolf oder Arno Dübel haufenweise Hartz-IV-Kohle in den Piieeeeeep zu stecken. Echt mal.

Gemeinwohl ist völlig überbewertet. Naja. So ein Streifzug durch die Blutdruck steigernde Welt der Kommentare hat manchmal aber auch was Lustiges. Vor allem, wenn sich die User in einem Anflug von geistiger Umnachtung – sorry: geistigen Ideenreichtums – wahnwitizg kreative Pseudonyme einfallen lassen, unter denen ihre Meinung dann in die Netz-Welt posaunen. Da schimpfte zum Beispiel eine Frau in guter Rohrspatz-Manier darüber, wie unverschämt doch die Herabstufung des weiblichen Geschlechts im Zeitalter der Emanzipation durch billige, frivole Herrenwitze sei. War ja eigentlich gar nichts Komisches dran, an der Sexismus-Debatte. Trotzdem von Herzen „Vielen Dank“ für die ehrliche Meinung, Tangamaus_123. (Daniel Waldschik)
Zur Startseite Mehr aus Daniel Waldschik - Aufregend

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse