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Kleiner Mann, große Welt

Von In ihrem Schusswaffen-Fanatismus scheinen Amerikaner unübertrefflich.
Kann man noch von Recht sprechen, wenn die Waffenlobby schon Kinder als Kunden wirbt? Darüber macht sich unser Blogger Daniel Waldschik Gedanken. (Symbolbild: Archiv) Kann man noch von Recht sprechen, wenn die Waffenlobby schon Kinder als Kunden wirbt? Darüber macht sich unser Blogger Daniel Waldschik Gedanken. (Symbolbild: Archiv)
Na, mit welcher Knarre haben Sie Ihr Kind heute in den Hort geschickt? So ein kleiner Colt Cobra oder die Glock passen doch locker in die Brotbüchse. Bei Gewehren wird’s da schon schwieriger. Außer Ihr Knirps ist der nächste Paganini und trägt ständig einen Geigenkoffer mit sich rum. Wie, mit so was dürfen Ihre Kleinen nicht spielen? Hm. Liegt vermutlich daran, dass Sie keine Amerikaner sind. Gut so. Dann erschießt ihr fünfjähriger Sohn auch ganz sicher nicht seine kleine Schwester, wie jüngst im US-Staat Kentucky geschehen.
 
Solche Tragödien kümmern John Waynes Erben aber offenbar nicht, wenn es um ihre Rechte geht. Bei denen gehören Ballermänner nämlich zur Kultur. Meinen zumindest Ex-Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin und die zehntausende Möchtegern-Djangos, die sich kürzlich zur Jahrestagung der Waffenlobbyisten der National Rifle Association (NRA) in Houston (Texas) getroffen haben. Stürmisch und eindringlich haben sie sich zu „Freiheitskämpfern“ in einem „Kulturkampf“ stilisiert. Geht ja auch um nicht weniger als den Zweiten Verfassungszusatz, der jedem Ami das Recht zum Waffentragen erlaubt. Und deshalb hat auch früh zu üben, wer ein kleiner Billy-the-Kid werden will. Die passende Waffe der Marke „My First Rifle“ („Mein erstes Gewehr“) gibt’s frei Haus von der Firma Keystone unter dem Werbemotto „Qualitätswaffen für Amerikas Jugend“. Nur Rabeneltern scheinen der kleinen grünen Grille mit dem orangenen Hut und dem Karabiner im Anschlag widerstehen zu können, mit der die Firma auf ihrer Internetseite um die Mini-Cowboys wirbt. Ei der Daus! Die is’ aber auch süß.

Gut. Wir haben uns früher auch als Cowboys und Indianer verkleidet durch den Wald gejagt. Oder mal Soldat gespielt. Unser „Rattergewehr“ – ratatatatatatat – war aber nicht mehr als irgendein halbmorscher Holzzweig. Im Besten Fall in der Form eines „Y“, wodurch er zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt wenigstens etwas nach Pistole aussah. Einer aus unserer Gruppe übrigens war der Sohnemann eines Heizöllieferanten – klar, dass wir da auch mal „Ölprinz“ gespielt haben. Karl Mays Geschichten und die Filme waren aber auch klasse. Aber auch hier kamen die draufgängerischen Meisterschützen aus den USA – unvergessen Lex Barker oder auch Stewart Granger. Deren vernünftiger und oft überlegter – wenn auch etwas trotteliger – Begleiter wurde hingegen von einem Deutschen gemimt (Ralf Wolter).
 
Die Forderung der NRA lautet übrigens: Jeder Amerikaner muss zu jeder Zeit in der Lage sein, sich mit (s)einer Waffe verteidigen zu können. Is’ klar, der gemeine Amerikaner gehört ja auch zu einer stets bedrohten Art – hinter jeder Hecke, jedem Buchsbäumchen droht Gefahr. Und damit der Feind aus dem Nachbargarten einem nicht das Rosenbeet vermint, wird mit der Hand am Abzug auf der Veranda patrouilliert. Bei so einem Szenario denke ich als Politologe natürlich sofort an den Hobbes’schen Naturzustand: Jeder hat ein Recht auf alles, weshalb jeder um seinen Besitz fürchten muss. Der Mensch ist dem Mensch halt ein Wolf.

Und deshalb, so Hobbes, muss jeder sekündlich um sein Leben bangen. Das Überlebensmotto: Sei schneller als der Tod – töte, sonst wirst du getötet. Ein Hauch von Wildem Westen, den der englische Staatsphilosoph da zur Zeit des Bürgerkrieges zwischen Parlament und Krone Mitte des 17. Jahrhunderts skizziert hat. Erst mehr als hundert Jahre später übrigens, parallel zur Sturm-und-Drang-Zeit in der deutschen Literatur, feierten die Amerikaner 1776 ihre Unabhängigkeit. Freiheitskämpfer hüben wie drüben. Nur dass es hierzulande eben darum ging, sich im Sinne der Aufklärung von den Fesseln der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. „Sapere aude! – Wage es, vernünftig zu sein!“ Oder auch: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
 
Ob es den Amerikanern an Aufklärung und den Waffennarren an Vernunft fehlt? Da schweig’ ich mal besser. In ihrem Schusswaffen-Fanatismus scheinen sie allerdings unübertrefflich – und nach Ereignissen wie jüngst in Kentucky oder dem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown vor fünf Monaten auch ganz offensichtlich völlig ohne Verstand. Oder wie lässt es sich erklären, dass Obamas Vorschläge für ein schärferes Waffengesetz abgeschmettert wurden? Vielleicht, weil der Amerikaner dem Amerikaner halt ein Amerikaner ist...

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