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Kleiner Mann, große Welt

Von Diesmal: Neonazis contra Firmen-Werbung – ein Journalist auf Spurensuche.
Kein Sex mit Nazis forderte bei einer Demo in Wiesbaden gegen die rechtsextreme NPD die DGB-Jugend.  (Foto: Waldschik) Kein Sex mit Nazis forderte bei einer Demo in Wiesbaden gegen die rechtsextreme NPD die DGB-Jugend. (Foto: Waldschik)
Na, schon gesehen, mein neues Foto? Ganz schön erfrischend fröhlich, das Kerlchen, oben rechts im Eck. Wieso? Ich glaube, weil es derzeit nichts gibt, worüber ich mich aufrege. Bei BILD verschwinden die besten Geschichten hinter der Bezahlschranke, an den RTL-Mist habe ich mich mittlerweile gewöhnt – und lass mich auch nicht mehr mit dem geklonten Schrott auf Pro7 und Co. aus der Ruhe bringen –, und Ärger mit Werkstätten und Kundendiensten hatte ich seit der vergangenen Woche auch nicht. Ohje. Lauf ich heute Gefahr, den ersten Langweilig-Blog meiner noch so jungen FNP-Blog-Karriere zu schreiben? Da hilft mir wohl auch nicht das neue Foto aus der Patsche. Muss es zum Glück nicht. Aus dem Schlamassel helfen mir andere „Bilder“.
 
Vielleicht haben Sie ja meine Geschichte „Die ‚linke Tour’ der Neonazis“ gelesen, die einen Tag vor der NPD-Demo am 1. Mai in Frankfurt in unserer Zeitung gedruckt wurde. Nein? Dann klicken Sie hier! Darin habe ich mich mal mit Erkennungsmerkmalen von Rechtsextremen und Neonazis beschäftigt. Unter anderem ging es um Zahlen-Codes, die für bestimmte Buchstaben im Alphabet stehen und zusammengesetzt die Ideologie oder Namen wiedergeben. So wie die „18“, für A und H, Adolf Hitler symbolisiert.
 
Eine gute Woche ist es her, da habe ich etwas entdeckt und auf meiner privaten Facebook-Seite gepostet: „Vergesst Lonsdale, Consdaple, Fred Perrys Lorbeerkranz und Thor Steinars Runenzeugs: Der Neonazi von heute trägt Tchibo...“ Wer den sarkastisch angehauchten Unterton nicht mitgelesen hat: In dem Satz schwingt ein leicht sarkastisch angehauchter Unterton mit! Das Anti-Rechts-Portal Publikative.org hat den Kaffeekonzern ähnlich auf die Schippe genommen.
 
Was war passiert? Tchibo wollte über seinen Online-Handel Turnschuhe verkaufen. Soweit ja nichts dran auszusetzen. Das „Problem“ war, dass den Schuhen eine fette „18“ aufgedruckt war. Was folgte, war ein heftiger Shitstorm, der das Unternehmen dazu nötigte, die „Nazi-Schuhe“ aus dem Sortiment zu nehmen. Man habe bei der Gestaltung der Turnschuhe nicht bedacht, dass die „18“ ein ideologisches Erkennungssymbol bei den Rechten sei, sagte ein Sprecher gegenüber der „Welt“.
 
Schwieriges Ding, oder? Unstrittig: Neonazis die Möglichkeit geben, ihr widerwärtiges Weltbild auf eine so simple Weise offen zur Schau tragen zu können, geht gar nicht – und sollte, wenn irgendwie machbar, verhindert werden. Auf der anderen Seite: Wie viele Menschen können schon mit den Nazi-Codes etwas anfangen? Trotzdem meine ich: Rechtsextremismus hat in unserer gesellschaftlichen Mitte nichts verloren. Deshalb ist es umso wichtiger, seine Leser darüber zu informieren.
 
Auf einen weniger witzigen Fall „peinlicher“ Drucke bin ich im vergangenen Jahr gestoßen, als ich für meine Bachelor-Arbeit zur NPD recherchiert habe. Da fiel mir eine Traueranzeige in den „Niederrhein Nachrichten“ auf – eine, laut eigener Darstellung, „qualitativ hochwertige Anzeigenzeitung“ mit einer wöchentlichen Gesamtauflage von knapp 300.000 Exemplaren. Fast auf den Tag genau, am 18. August, erschien die Traueranzeige. Gewidmet: Alfred Horn, geboren: 26. April 1894, gestorben: 17. August 1987. „Gleichgültig was Menschen tun, dereinst stehe ich vor dem Richterstuhl des Ewigen. Ihm werde ich mich verantworten, und ich weiß, er spricht mich frei“, stand in der Anzeige. Unterzeichnet haben „Deine Getreuen am Niederrhein“.

E-kel-haft!

Das Abartige: Das Zitat stammt von Rudolf Heß, Adolf Hitlers Stellvertreter, Massenmörder, von den Neonazis glorifiziert als Kriegsheld, der sich, wie die NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ einmal schrieb, „so gut wie nichts zu schulden kommen lassen [hat]“. Soviel schon mal dazu. Aber wer war Alfred Horn? Einfache Erklärung: Rudolf Heß persönlich. Das Pseudonym „Hauptmann Alfred Horn“ soll er sich bei seinem Flug nach Schottland gegeben haben, wo er später gefangengenommen werden konnte. Dann ist auch erklärt, wer denn die ach so „Getreuen am Niederrhein“ sind: Neonazis, die die geschichtliche Unwissenheit der Redaktionsmitarbeiter scheußlich ausgenutzt haben, um ihrem Vorbild zu huldigen. Danach rieben sie sich freudig die Hände. „Dem aufmerksamen Leser der Niederrhein Nachrichten, die im Kreis Kleve kostenlos an alle Haushalte zugestellt wurde, wird  vielleicht in der Ausgabe vom 18. August eine Todesanzeige ins Auge gefallen sein, die einer ganz besonderen Person gewidmet ist…“, schrieb der NPD-Kreisverband Kleve auf seiner Internetseite am 19. August 2012. Ich habe dafür ein dreisilbiges Wort übrig: E-kel-haft!!!!
 
Bei dem Anzeigenblatt rief ich übrigens an. Als damals noch freier Journalist, dachte ich, sei das meine Aufgabe. Fragen sind erlaubt. Auch Kritische. Die Dame am Telefon wusste allerdings schon bescheid. Ihr und der Redaktion sei die Sache, wie sie sagte, unheimlich peinlich. Man wolle alles dransetzen, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Wenn Journalisten auf solche Vorkommnisse stoßen, so meine Erfahrung, die ich mittlerweile berichten kann, sorgt das immer wieder für Anspannung.
 
Hallo Nazi-Kätzchen

Spannend – eher: angespannt –, war kurze Zeit mein Verhältnis zur Sanrio GmbH in Hamburg. Kennen Sie nicht? Das ist ein Tochterunternehmen der japanischen Mutter Sanrio. Tipp: Weißes Kätzchengesicht, süße Mimik, rote Schleife. Sanrio ist Erfinder der „Hello Kitty“-Figur. Wie ich an die gelange? Weil die Autonomen Nationalisten – der äußerst gewaltbereite Neonazi-Nachwuchs – nicht davor scheuen, auch Kinderspielzeug für ihre Zwecke zu missbrauchen. Im Freien Netz Hessen, dass als Internetplattform die Bündelung aller neonazistischen Kräfte in Hessen bietet, bin ich auf einen Aufkleber gestoßen, der für einen Euro verkauft wird: Weißes Kätzchengesicht, grimmiger Blick, Maschinengewehr im Anschlag – ich sag nur: Hallo Nazi-Kätzchen!

Grund genug, mal in Hamburg anzurufen und herauszufinden, was die dazu sagen. Zusammengefasst: Erstmal nix. Herr H, der mir als Ansprechpartner vermittelt wurde, war nämlich erstmal platt und bestrebt, sich in aller Form von der Ideologie zu distanzieren. Von der Verunglimpfung der Marke, die laut einem Frankfurter Rechtsanwalt nicht mehr in die (straffreie) Kategorie Marken-Satire fällt, hörte H. ganz offensichtlich zum allerersten Mal. Wir sind dann so verblieben, dass ich meine Links zu den Aufklebern und Buttons unter der Bedingung zusende, dass ich ausführliche Auskünfte darüber bekomme, wie der Konzern gegen die Verunglimpfung und Verbreitung – Stichwort: Imageschaden – vorgehen wird. Die mündliche Zusage gab mir Herr H. am Telefon, zudem die Nummer der Justitiarin. Zunächst verliefen die Telefonate – sie erklärte mir, wie man in Urheberechtsfragen etc. vorgeht, welche Strafen möglich seien und und und –, sehr gut. Als ich ihr dann meine Mail mit den Links schickte, sie abklärte, die Sache laufe in Absprache mit Japan künftig über die Sanrio-Anwälte in Deutschland, war Schluss mit Informationen für mich.
 
In die Hand gebissen, die sie füttert

Ich dachte, ich hör’ nicht recht. Beißen die tatsächlich in die Hand, die sie füttert. Am liebsten hätte ich aus Wut über deren unkooperative Art bei einem so heiklen Thema eine Nachricht in die Zeitung gesetzt. Was das denn bringe, besänftigte mich ein Kollege. Da verliere eher ich mein Gesicht, der gekränkte Journalist, der sich bei den Lesern wegen der bösen Japaner ausweine, als Hello Kitty. Ich hab’s eingesehen. Mein Frust verflog schnell. Recherchiert habe ich nicht mehr. „Is’ ja nicht meine Marke, die durch den Dreck gezogen wird“, dachte ich. Geht mir übrigens immer noch so. Klar. Ich schaue manchmal, ob die Aufkleber auf der seite noch abgebildet sind. Sind sie. Deshalb habe ich kürzlich auch noch mal mit Sanrio Hamburg telefoniert. Wasserstandsmeldung erfragen. Wie zu erwarten: Keine Neuigkeiten. Auf die Unterlassungserklärung habe sich der Vertreiber der Aufkleber nicht gezuckt. Jetzt wolle man den Internetseitenbetreiber ausfindig machen, der in den USA sitzt. Viel Erfolg!
 
Den wünsche ich mir übrigens auch bei meinen aktuellen Recherchen. Da hat ein Möbelhaus bei seiner Werbekampagne mit dem gleichen Model geworben, wie es der „Ring nationaler Frauen Sachsen“, ein Landesverband der Frauenorganisation der NPD, auf einem Flyer getan hat. Ganz offensichtlich haben das Möbelhaus und der rechtsextreme Frauenverein das gleiche Bild aus der gleichen Internet-Bilddatenbank gekauft. „Peinlich“, wie ich meine, ist der Fall für das Möbelhaus deshalb: Schon vor einem Jahr habe ich sie darauf hingewiesen. Auch hier hieß es damals zunächst, ich bekäme alle nötigen Infos. Man brauche aber den Beleg. Die Foto-Gegenüberstellung ihrer Plakataktion zur Neueröffnung mit dem Flyer-Foto des RNF Sachsen ließ ich denen umgehend zukommen. Urplötzlich hieß es dann: Keine Auskunft an Journalisten. Heute, gut ein Jahr später, wirbt das Unternehmen wieder mit dem Foto. Ahnen Sie, wer noch? Genau: Der RNF Sachsen. Ich bleib dran…

Nazi-Code-Paranoia?

Nochmal zurück zur „18“: Ich kann verstehen, dass man so seine Probleme damit hat, dass Tchibo genötigt wurde, die Treter aus dem Sortiment zu nehmen. Ich finde die Entscheidung übrigens vorbildlich. Tchibo hat die Kritik, wenn auch nur von wenigen, ernst genommen und gehandelt.
 
Aber spinnen wir die 18er-Prolematik doch mal weiter. Niemand würde auf die Idee kommen, seinen Nachbarn anzuschwärzen oder als Rechten einzustufen, weil der in der Hausnummer 18 wohnt. Niemand würde Wintersportler als verkappte Neonazis abstempeln, weil sie eine „Helly Hansen“-Jacke tragen, nur weil die Marke mit „HH“ (die ja für „Heil Hitler“ stehen könnte) abgekürzt wird. Wobei, schlechtes Beispiel: Die Wintersportmarke war tatsächlich mal in der Szene beliebt.
 
Aber wo würde die Nazi-Code-Paranoia, wie manche sagen, hinführen? Kaufen jetzt alle Neonazis, die zugleich Fans des FC Bayern München sind (oder auch nicht), jetzt das Trikot von Mario Götze? Es würde niemals jemand auf den Gedanken kommen, den Jungen als verkappten Neonazi abzustempeln, weil seine Rückennummer künftig die „18“ ist. Oder ihn dazu drängen, sich eine andere Nummer auszusuchen. Selbst dann nicht, wenn er von Trainer Pep Guardiola auf einer Position eingesetzt würde, auf der Götze, wie finde, immer ganz gut war - am „rechten Flügel“.
 

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