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Kleiner Mann, große Welt

Von In Schneeberg fällt Weihnachten dieses Jahr aus.
Das Christkind dürfte sich über so manches wundern ... Unser Blogger Daniel Waldschik schildert das mit einem Augenzwinkern. (Foto: dpa) Das Christkind dürfte sich über so manches wundern ... Unser Blogger Daniel Waldschik schildert das mit einem Augenzwinkern. (Foto: dpa)
Mit Scheuklappen auf den Augen und der NPD an den Zügeln: Vor etwa einer Woche demonstrierten nach einem Aufruf der rechtsextremen Partei im sächsischen Schneeberg rund 1800 Leute gegen eine Asylunterkunft in einer ehemaligen Kaserne am Stadtrand. Jetzt fühlen sich die Schneeberger von den Medien zu Unrecht in die „braune Ecke“ gestellt. Unter anderem in der Facebook-Gruppe „Schneeberg wehrt sich“ äußern etwa 3600 Mitglieder ihre „Meinung“, die, natürlich, mit Nazi-Ideologie nichts zu tun hätte.
 
Dass bei der Facebook-Gruppe ausgerechnet drei NPD-Vertreter als Gruppenadministratoren aussortieren, wer in der Gruppe aufgenommen wird und welche „Meinungen“ erwünscht sind, scheint trotz aller „Wir haben mit Nazis nichts am Hut“-Bekundungen ganz offensichtlich niemanden zu interessieren. Oder hat nicht kapiert, wie leicht er sich zum Spielball der geschickt agierenden NPDler machen lässt: Denn scheinbar nur nebenbei statt mittendrin stacheln Stefan Hartung, Rico Hentschel und Rico Illert mit eigenen Beiträgen zu abfälligen Kommentaren der Gruppenmitglieder an, denen möglicherweise gar nicht bewusst ist, wie weit „nach rechts“ sie sich durch die provozierten „Meinungsbeiträge“ nach rechts drängen lassen. Ach ja: Unter dem Deckmantel „Wir sind das Volk“ mobilisieren Hartung und Gefolge schon jetzt für den nächsten Protestzug, der am 16. November sein soll.
 
 
 
Für alle völlig überraschend hat es jetzt allerdings jemand geschafft, trotz strikter Selektion und Kontrollen in die Gruppe einzudringen und sich selbst mal ein Bild von den „Meinungen“ der Schneeberger zu machen: Das Christkind.
 
Von den dortigen Beiträgen entsetzt, hat es einen Brief an die etwa 3600 Gruppenmitglieder verfasst und beschlossen, sich dieses Jahr zu Weihnachten bei Ihnen nicht blicken zu lassen. Der Grund: Das Christkind, das selbst als Flüchtlingskind geboren wurde und auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen war, will die Doppelmoral einiger Schneeberger nicht unterstützen. „Es kann nicht sein, dass Leute Flüchtlinge und Asylsuchende aus ihrem Ort vertreiben wollen, aber zugleich die Geburt eines Flüchtlingskindes mit Geschenken und ganz viel geheuchelter Mildtätigkeit feiern“, äußerte sich das Christkind auf seiner Homepage www.nach-schneeberg-komm-ich-dieses-jahr.net.
 
 
„Liebe Mitglieder der Gruppe 'Schneeberg wehrt sich',
 
mit großem Bedauern habe ich Eure 'Meinungen' über Flüchtlinge und Asylanten gelesen – zumal ich, wie Ihr bestimmt alle wisst, ja selbst als Flüchtlingskind geboren wurde. Nur mit viel Glück haben meine Eltern Maria und Josef damals den einen barmherzigen Wirt gefunden, der ihnen in seinem kleinen Stall in Bethlehem Asyl gewährte.
 
Sicherlich habt ihr in der Bibel auch gelesen, dass ich bereits als kleiner Junge fast ständig auf der Flucht war, weil mir zum Beispiel einige Staatsoberhäupter etwas Böses antun wollten. Ich war sozusagen der erste politisch verfolgte unbegleitete Minderjährige, wie man in Deutschland sagen würde.
 
Aber lasst mich mal zum Punkt kommen: Wisst Ihr noch, vor etwa zehn Jahren, als die Flut in Euren Kellern stand und Euer schönes Lichtelfest ins Wasser zu fallen drohte? Das war im Jahr 2002, kurz vor Weihnachten. Menschen, die Ihr nicht kanntet, spendeten Euch daraufhin Geld und seelischen Beistand. Heute lauft ihr mit Fackeln durch den Ort wie einst die Nazis im Dritten Reich und wollt Asylanten und Flüchtlinge vertreiben.
 
Gratulation. Zumindest bei einem Flüchtling habt Ihr es geschafft. Diesen Jahr werde ich mich bei Euch nämlich nicht blicken lassen. Weihnachten fällt in Schneeberg dieses Jahr aus.
 
Ich bitte, meine Entscheidung zu akzeptieren und verbleibe
 
Mit Empörung
Euer Christkind
 
PS.: Wer unter Anleitung von Mitgliedern einer rechtsextremen Partei hilfe- und asylsuchenden Flüchtlingen die Tür vor der Nase zuschlägt oder ihnen unterstellt, den Sozialstaat aushöhlen zu wollen, braucht sich nicht wundern, wenn er in die rechte Ecke gestellt wird.
 
 
In der Facebook-Gruppe gab es nach kürzester Zeit etliche Reaktionen auf die Nachricht vom Christkind. Dessen Vorwurf, blind den Rechtsextremen zu folgen, sei völlig haltlos. Mit Nazis habe man nichts zu tun.
 
Adi_Lover: „Mir Schoch egal, was das Christkind sagt. Ich feier trotzdem Sommersonnenwen... ähhh... Weihnachten.“
 
Patr(id)ot: „Mutschmann ja nicht alles glauben, was so geschrieben wird...“
 
Polen'39: „Das stinkt doch zum Himmler. Eine ganz miese Kampagne der sogenannten demokratischen Medien.“
 
SachsenSändy: „Wir sind nicht rechts. Eine Mengele von uns sind halt einfach nur anti-links.“
 
Hetzgebirgler: „*Johst* Achtung, Kameraden. Antifanten-Alarm. Der Brief kann niemals vom Christkind sein. Das gibt’s doch überhaupt nicht...“
 
08Mitläufer15: „Die Bibel lügt. Ich kann's beweisen. Die Frau vom Joseph hieß nämlich Magda und nicht Maria. Und geflüchtet sind die auch nicht. Steht in Wikipedia. GLAUBT DEM KIND VON DIESER CHRIS-TUSSE KEIN WORT!!!“
 
MeinOpaSeit1933: „Blind der NPD folgen? Wehrmacht in Schneeberg denn sowas?“
 
Damalswarsbesser: „Jemanden in die rechte Ecke stellen, weil man nur seine Meinung sagt, Heß früher nicht gegeben!“
 
Ein_Seher: „Schade. Das Christkind, das ja in einem Stall zur Welt kam, hätte sich unter den vielen braunen Eseln hier bestimmt wohl gefühlt.“


PS: Der Brief vom Christkind und die Reaktionen darauf entstammen selbstverständlich der Fantasie des Autors und sind frei erfunden. Die Kommentare in der Facebook-Gruppe "Schneeberg wehrt sich" sind in Wahrheit nämlich noch viel dämlicher...

In diesem Sinne: Weltoffen bleiben!!!

Ihr
Daniel Waldschik



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