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Braucht Deutschland Steinbrück?

Der SPD-Kanzlerkandidat läuft verbal Amok. Und wir schauen peinlich berührt zu Boden.
Jetzt mal Klartext: Am Peer liegt’s nicht, dass dieser Wahlkampf gut sechs Monate bevor der Stecker wieder gezogen wird, nicht unter Strom steht. Peer glüht. Denn selbst wenn er Rosen verteilt denkt er nicht im Traum daran, seine Botschaften durch die Blume unters Volk zu streuen. Er hört nicht auf damit, den von ihm geprägten Begriffen neue Bedeutungen zu geben. Aus „Beinfreiheit“ wird die Option, möglichst vielen Genossen vors Knie zu treten, und Steinbrück-Schnauze hinterlässt eine schockgefrustete Partei und gefrorene Mienen – das also versteht er unter „Polarisieren“. Der Mann kann sagen, was er will, am Ende ist es meist vor allem eins: richtig ... falsch.

Dabei unterscheidet sich die öffentliche Meinung stark von der veröffentlichten. Viele sind der gleichen Ansicht und raunen sich zu: „Endlich sagt’s mal einer.“ Aber statt Applaus gibt es eine Klatsche und öffentliche Schelte. „Wie kann man nur...?“ Verbaler Amokläufer, beratungsresistenter, arroganter, eitler Fatzke. Dabei hat er zuletzt viele seiner Ur-Positionen verlassen und ist auf das, was so verlogen „Parteilinie“ genannt wird, gegangen (worden). Gegen den Parteistrich bürstet er aber mit dem individuellen Auftritt, seinem gesprochenen Wort, das lässt er sich nicht nehmen. Dann lieber scheitern. Einst genügte dies, um Politikern „Charisma“ zu attestieren, das Etikett „echter Typ“, „scharfzüngiger Beobachter“, „ehrlich Haut“, „verwegener Hallodri“, anzuheften. Und immer war es bewundernd gemeint und ranschmeißerisch gedacht.

Eine Ikone wird Peer Steinbrück nicht mehr werden. Eher eine tragische Figur. Steinbrücks Ego ist unstrittig, seine Kompetenz auch. Nur gelingt es dem Mann im wahrsten Wortsinn nicht, sein(e) P.S. auf die Straße zu bringen. Während Angela Merkel genüsslich sitzt und schaut, wittern und twittern die hauptberuflichen Beobachter in allem was der Kandidat von sich gibt ein enorm hohes Aufregerpotenzial. Da werden aus Fakten Forderungen und aus launigen Bemerkungen, Emotionen und Frechheiten. Skandalisierung allenthalben. Die Betroffenheitsmaschinerie auf Hochtouren.

Auch deshalb kann sich der Problempeer vor Titel nicht mehr retten. Der Spiegel hat ihm einen gewidmet: „Der Dilettant!“. Die New York Times auch. (Diese Ehre wird aber dadurch relativiert, dass dies nun auch eine gewisse Cindy aus Marzahn geschafft hat.) So kennen wir nun auch die englische Vokabel für Fettnapf: „Gaffe“.

Auf seine Chancen kommt es längst nicht mehr an. Der einseitig ausgerufene Wahlkampf wirft die Frage auf: Welche Politiker wollen wir? Stromlinienförmige, sprachgeregelte? Warum sehnen wir uns nach Ehrlichkeit und eigener Meinung und schauen peinlich berührt zu Boden, wenn da einer das Gewünschte im Übermaß frei Haus liefert?

Der SPD-Kandidat macht es zu leicht, in den Chor der Steinbrück-Wadenbeißer einzustimmen. Es sind die gleichen politischen Beobachter, die sich ob der Sprüche und verbaler Aggressivitäten von Wehner, Strauß und Co. nach den guten alten Zeiten sehnen, nach Typen, nach Debatten in denen die Gürtellinien das obere Ende der Gesprächskultur bedeuteten. Dieselben Romantiker heben nun den Zeigefinger und senken den Daumen. „Ja, ... aber das sagt man doch nicht.“
Die Frage ist nicht, ob Deutschland Steinbrück braucht. Die Frage ist: Wieviel Steinbrück braucht die Politik? (Bernd Reisig)
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