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Manager mit Weltblick

Dabei sind wir in der Regel keine Staatsanwälte, keine Verteidiger und keine Richter.
Ganz Deutschland redet über Uli Hoeneß und seine nicht gezahlten Steuern. (Foto: dpa) Foto: dpa Ganz Deutschland redet über Uli Hoeneß und seine nicht gezahlten Steuern. (Foto: dpa)
Bombastisch. Die Bayern hauen eben mal gerade den FC Barcelona mit 4:0 im Halbfinale der Champions League weg. 4:0!!! Und ich sitze auf meiner Couch, Fernbedienung und die obligatorischen Chips neben mir. Springe auf, freue mich, als wenn es in diesem Moment nichts Wichtigeres geben würde.

Und die Tage zuvor wurde über alles geredet, nur nicht über Barca. Da ist der Fußball-Experte ganz schnell mit einer gern genutzten These am Markt: „Kann die Mannschaft sich überhaupt noch aufs Sportliche konzentrieren?“ Und wie so oft stellen sich Besserwisser nicht nur eine Frage, die liefern gleich die Antwort selbst hinterher.

Wäre das Spiel gestern Abend schief gelaufen, was gegen die weltbeste Mannschaft auch schon mal vorkommen soll, dann wäre Uli Hoeneß nicht nur ein Steuerbetrüger, sondern auch noch Schuld am sportlichen Untergang des FC Bayern gewesen.
 
Seit Samstag hat die Nation nur noch ein Thema. Wir sitzen nicht mehr an den deutschen Stammtischen und streiten über Abseits oder nicht. Nein, wir befinden uns alle im virtuellen Gerichtssaal. Wir werden Staatsanwälte, Verteidiger und Richter. Sprechen Urteile, wagen Prognosen und wissen meistens schon mehr als die ermittelten Behörden.
 
Kein neuer Trend, sondern ein scheinbar inniges Bedürfnis der Menschen. Statt „Gerichts“verhandlungen gibt es neuerdings die „Medien“verhandlung. Da wird mal Andreas Türck, einst Hoffnungsträger des deutschen Fernsehens, medial zum Tode verurteilt, dann folgt Michel Friedman, der sich wochenlang in deutschen Blättern und dem Volk die Moralkeule um die Ohren hauen lassen muss. Kachelmann, der tiefste Blicke in sein Schlafzimmer ertragen muss. Und eines haben sie alle gemeinsam. Niemand ist rechtskräftig verurteilt worden. Früher war ein Freispruch mal was wert – heute wird selbst dieser noch in der „Medien“verhandlung kommentiert und relativiert à la Freispruch zweiter Klasse.

Früher war ein Freispruch ein Freispruch. Man hat die Justiz ihren Job machen lassen und den nötigen Respekt vor der Drei-Gewalt unseres Staatssystems gehabt. Heute ist ein Freispruch völlig egal. Die öffentliche Verurteilung ist viel schlimmer als jedes Gefängnis, wenn es denn so gekommen wäre. Fragen Sie doch mal Ihre Freunde nach Andreas Türck. Sie bekommen mit höchster Wahrscheinlichkeit erzählt, das war doch der, der eine Frau zum Sex gezwungen hat. Kaum jemand bekommt den Freispruch und die Unschuld mehr mit. Die Brandmarkung fand vor Verurteilung statt und bleibt.
 
Deswegen habe ich auch keine Lust, einen Kommentar über Uli Hoeneß zu schreiben. Ich habe diesen Mann immer geschätzt für seine Lebensleistung. Und ich schätze ihn weiter, bis es zu einer Verhandlung kommt und vielleicht einem Schuldspruch. Dann äußere ich mich wieder und sage Ihnen, was ich über Uli Hoeneß denke.

Ich bin kein Staatsanwalt, kein Verteidiger und kein Richter - und das ist auch gut so. (Bernd Reisig)
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