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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Einheitskanzler Kohl in Stein gemeißelt? Undenkbar in Deutschland! Wir entwickeln lieber unsere eigene Denkmalskultur, wie drei Beispiele in Frankfurt zeigen.

Wenn man durch den amerikanischen Kongress geht, ist man verwundert über die vielen Denkmäler, die es dort zu sehen gibt: Viele Präsidenten, das versteht sich, aber auch bedeutende Persönlichkeiten, über die man außerhalb der Vereinigten Staaten wenig weiß.

Rosa Parks etwa, die durch ihre Weigerung, von einem für Weiße reservierte Plätze in einem Bus aufzustehen Geschichte schrieb; Jeannette Pickering Rankin, die erste Frau im amerikanischen Kongress, gewählt 1916 und 1940; oder die ungewöhnliche Bronzestatue von Father Damien, einem belgischen Jesuiten, der in Hawaii als Lepra-Priester bekannt wurde.

Sicherlich, wir Deutschen haben auch unsere Ruhmeshalle würdiger Gestalten, die Walhalla in Regensburg, die dem athenischen Parthenon nachempfunden ist. Aber, offen gestanden, die finde ich reichlich altbacken und aufgesetzt.

Im amerikanischen Kongress kommt das alles viel selbstverständlicher rüber. Da spiegeln sich unterschiedliche Bildhauermoden ebenso wie die verschiedensten regionalen Einflüsse. Und es spiegelt sich häufig auch der Stolz der Bundesstaaten oder der Städte, die die Werke in Auftrag gegeben haben, um an eine bedeutende Persönlichkeit zu erinnern. Damit tun wir Deutschen und schwer.

Denkmäler sind so eine Sache. Ein Politiker in Gedanken versunken wie Lincoln im berühmten Lincoln-Memorial in Washington? Nie und nimmer. Leicht ausschreitend wie de Gaulle, oder auf einen Stock gestützt wie Churchill? Eher nicht.

Wir Deutschen haben zu der figürlichen Darstellung bedeutender Persönlichkeiten ein gespaltenes Verhältnis. Denkmäler müssen abstrakt sein, den Betrachter rätseln lassen, oder besser noch: den Betrachter in die unmittelbare Anerkennung der Intelligenz des Entwurfs hineinziehen.

In Deutschland gedenkt man nicht des Ereignisses oder der Person, der das Denkmal zugeschrieben ist, sondern ergründet die Bedeutung des Ganzen. Das war wohl auch der Grund, warum die Entscheidung von Helmut Kohl so heftig kritisiert wurde, in der Neuen Wache eine Skulptur von Käthe Kollwitz aufzustellen.

Die Neue Wache ist die zentrale Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Die darin ausgestellte Skulptur ist von beeindruckender Schlichtheit: Eine Mutter mit ihrem toten Sohn. Den professionellen Kunstkritikern war das zu wenig, zu konkret, vielleicht auch zu kitschig. Überhaupt: Gedacht wird in Deutschland nur noch des Krieges und seiner Opfer, der Verfolgung und den Verfolgten, den Opfern der Diktaturen. Ein Denkmal für den Kanzler der Einheit, hoch zu Ross? Nie und nimmer!

Diese Eigenart der Denkmalkultur wird durch drei Denkmäler in Frankfurt besonders hervorgehoben. Da ist zum ersten das von Hans Traxler entworfene Denkmal „Ich“ in der Mainuferanlage. Ein Piedestal, hinten drei Stufen, vorne ein goldenes „Ich“ aufgeprägt: Jeder Mensch ist einzigartig und kann für 15 Minuten Ruhm haben und Denkmal sein.

Dann das Sondermann-Denkmal in Bonames, nach der absurden Comic-Figur von Bernd Pfarr; man sieht einen Kopf mit Hut und Brille sowie dicker Knollennase gleichsam aus der Stele herauswachsen; an der Seite steht vermerkt: „Wieder ist eine attraktive Dame an mir vorüber gegangen.“

Und, ein letztes, das wohl bekannteste neuere Denkmal in Frankfurt, man findet es vor dem Karikaturenmuseum: Ein stehender Elch in langem Mantel und Hut, darunter der berühmte Spruch: „Die größten Kritiker der Elche/ waren früher selber welche.“ – ein Denkmal, gewidmet der Neuen Frankfurter Schule.

Na bitte, möchte man meinen, geht doch, so etwas Tolles haben die Amerikaner nicht. Und das lässt doch irgendwie hoffen: Auf eine entspannte Wiederbelebung der Denkmalkultur, um die uns die Welt beneidet.

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