Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Staatliche Festakte sind langweilig: getragene Musik, erwartbare Reden, leblose Gesichter. Wenn nichts in Erinnerung bleibt, war alles richtig.

Festakte, die auf allen politischen Ebenen stattfinden, haben immer zwei unverzichtbare Elemente: Die Festrede und die als würdige Umrahmung gedachte Festmusik. Ich vermute einmal, daran hat sich seit den Zeiten des Kaiserreichs nichts geändert.

Festakte gedenken häufig bedeutender Ereignisse; auch der Deutsche Bundestag kennt solche Veranstaltungen, etwa zur Erinnerung an die Vollendung der deutschen Einheit, an das Ende des Zweiten Weltkriegs oder an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Die Festreden, die dann gehalten werden, sind dem Anlass entsprechend ernst, getragen, in wenigen Fällen klug und nachdenkenswert – wie das bei Reden üblicherweise der Fall ist.

Aber die Musik, die dazu gespielt wird, ist – ich kann mich jedenfalls an kein gegenteiliges Beispiel erinnern – immer die so genannte klassische Musik. Mal Bach, mal Beethoven, vielleicht auch Brahms; in seltenen Fällen Musik von Komponisten, die verfolgt wurden, meist instrumental, manchmal auch als Chor.

In keinem Fall ist die Musik sakral, also für den kirchlichen Gebrauch geschrieben, ebenso verpönt ist die moderne Musik seit Schönberg, von den erwähnten Ausnahmen einmal abgesehen. Kein Jazz, kein Rock, kein Pop: obwohl mir noch in guter Erinnerung ist das Lied, das Elton John zum Tod von Prinzessin Diana gesungen hat. Er berührte, es „passte“.  Selbst Festakte, die von Erfreulichem künden, bleiben häufig auf der Ebene des musikalisch Erhabenen.

Entsprechend steif sitzen die Honoratioren im Publikum; für die meisten ist ein solcher Festakt verlorene Zeit, es gilt, ein feierliches, würdevolles, in jedem Fall dem Anlass angemessenes Gesicht zu machen. Nichts ist unangenehmer, als dabei ertappt zu werden, wie man die Augen schließt oder sich ein Grinsen nicht verkneifen kann, weil einem der Nachbar gerade etwas Amüsantes mitgeteilt hat.

Selten gibt eine Festrede Anlass zur Freude. Zumeist wird schwere Kost geboten, garniert mit dem unvermeidlichen Zitatenschatz europäischer Bildungsbürgerlichkeit. Der arme Referent, denke ich mir manchmal, der das hat zusammenschreiben müssen, der hat wirklich sein Brot sauer verdient. Denn es ist ja leider wahr: Die meisten Festreden sind schon wieder vergessen, ehe sie der Redner abgeschlossen hat. Man darf eben nur keinen Anstoß geben, etwa durch eine missverständliche Formulierung oder durch falsches Betonen – die Älteren erinnern sich an die Festrede des damaligen Bundestagspräsidenten Jenninger, die inhaltlich nicht falsch war, aber eben nur falsch betont. Darüber hat Jenninger dann sein Amt verloren.

Aber ansonsten bleibt alles folgenlos, und das ist auch so beabsichtigt. Eine Festrede soll nichts bewegen, sondern ist eine Art Buchhaltung des Zeitgeistes.

Dankbar bin ich offen gestanden dafür, dass wir nicht in einer Monarchie leben. Ich stelle es mir ziemlich grässlich vor auch noch royale Festakte begehen zu müssen: Den Geburtstag der Queen etwa, die Taufe des Thronfolgers oder was sonst noch so in einem royalen Terminkalender an Festlichkeiten auftaucht.

Ganz eigentümlich wird es aber bei Beerdigungen. Fans der alten TV-Serie „Yes Minister“ werden wissen: Beerdigungen gerade hoher Würdenträger sind ein willkommener Anlass, sich einmal informell auszutauschen. Sie können also durchaus eine konfliktdämpfende Wirkung haben, zumal dann, wenn es der Verstorbene war, der Anlass für den Konflikt gegeben hat. Beerdigungen haben ihre eigenen Rituale, gerade in der Politik – darüber aber ein andermal.

Zur Startseite Mehr aus Matthias Zimmer - Am Rande der Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse