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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Die Kirchen verlieren seit Jahren Mitglieder. Ich sehe darin einen Verlust. Schließlich suchen immer mehr Menschen Orientierung.

In Goethes Faust gibt es die berühmte Stelle, in der Margarete die Hauptfigur Faust fragt: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“

Diese Frage ist als „Gretchenfrage“ bekannt geworden. Instinktiv hatte Margarete gespürt, dass hier die verwundbare Stelle von Faust ist; denn dieser hatte ja einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Margarete hatte, um einen weiteren Begriff aus dem Faust aufzugreifen, des Pudels Kern entdeckt, was also den Faust im Inneren zusammenhält – oder eben auch nicht.

In den USA gilt eine solche Frage als unfein. Man redet nicht über Religion und Politik; die Konversation soll all diese schwierigen und potenziell konfliktträchtigen Themenfelder weiträumig umschiffen; man will sich ja seine Cocktailparty nicht unnötig vermasseln.

In Deutschland redet man über Politik, aber nicht so gerne über Religion. Mein Eindruck ist: Viele haben dazu auch wenig zu sagen. Die christliche Religion ist vielen fremd, vor allem in den neuen Bundesländern; und andere Religionen, vor allem der Islam, sind unheimlich.

Dazu trägt zum einen die Berichterstattung in den Medien bei, aber es sind in unserer säkularen Welt vielen Menschen, wie es Jürgen Habermas einmal formuliert hat, die religiösen Antennen abhanden gekommen. Religion steht grundsätzlich unter Verdacht. Archaische Riten, altertümlich anmutende Denkfiguren, Verbote, Zwänge, die Einschränkung legitimer Freiheitsräume: All das verbindet man bisweilen mit Religion, und das ist meilenweit entfernt von dem modernen, aufgeklärten Denken.

Dieses aufgeklärte – oder besser: aufgeklärt tuende – Selbstverständnis unserer Gesellschaft macht es schwer, Religiosität zu verstehen. Der Islam? Nicht aufgeklärt, nicht in der Gegenwart angekommen. Gleichzeitig fühlen wir uns diffus bedroht: Das Abendland sehen wir in Gefahr, und die Werte, für die es steht. Freilich, und darauf hat Angela Merkel jüngst süffisant hingewiesen: Wenn man in Deutschland nach der Bedeutung des Pfingstfestes fragt, wird man auf eine weit verbreitete Unkenntnis stoßen. Vielleicht ist das bei den selbst ernannten Verteidigern des Abendlandes besonders weit verbreitet – zumindest hat man nicht den Eindruck, dass die segensreiche Wirkung des Heiligen Geistes dort angekommen sein könnte.

Aber: Wir kehren selbst Religion und Kirche den Rücken. Beide Kirchen verlieren seit Jahren Mitglieder. Sie sind nicht mehr modern – oder für einige andere schon zu modern. Mein Eindruck ist aber, dass die Kirchenaustritte nicht anzeigen, dass die Menschen den Wunsch nach Orientierung verloren haben, nach Sinnstiftung, nach Identität; sie scheinen ihn nur anderswo zu suchen.

Aus meiner Sicht ist das ein Verlust. Woher soll denn die Orientierung kommen, der Wertekompass? Kann er aus sich selbst heraus tragen, oder braucht er eine Letztbegründung? Es ist schon richtig: Wenn ich beispielsweise glaube, dass der Mensch ein Ebenbild Gottes ist, dann hat das unmittelbar auch für meinen Wertehorizont Folgen.

Wenn ich glaube, dass die Schöpfung uns von Gott anvertraut ist, gehe ich vielleicht anders damit um als wenn ich der Meinung bin, dass alles erlaubt ist. Religion kann wichtige normative Leitplanken setzen, sie kann aber auch missbraucht werden. Diese Unsicherheit prägt. Und ist für viele Menschen vielleicht auch der Grund, warum sie auf die Gretchenfrage keine Antwort geben wollen oder können.

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