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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Kommt die Frage nach Vorbildern, nennen Politiker meist große Vorgänger. Ich würdige heute einen leidgeprüften Humanisten, der im Verborgenen Großes geleistet hat.

Vorbilder: Fred Engelmann (1921-2008).

Dann und wann werde ich gefragt, welche Vorbilder ich hatte; wer mich besonders geprägt hat. Und da ist man als Politiker immer gleich geneigt, die großen politischen Stammväter zu nennen oder andere gewichtige Namen.

Ich will das hier einmal nicht tun, sondern an den einen oder anderen Menschen erinnern, der für mich wichtig war. Und einer der ganz wichtigen war Fred Engelmann. Es war im Januar 1994, als ich ihn kennenlernte. Ich war gerade in Kanada angekommen, um eine Lehrtätigkeit an der University of Alberta anzunehmen. Fred war vor einigen Jahren emeritiert: Ein hoch angesehener Politikwissenschaftler, ehemaliger Präsident der Vereinigung der kanadischen Politikwissenschaftler, gebürtig aber in Wien. Die Familie war 1938 in die USA geflohen, sie waren Juden. Sie kamen nach Los Angeles; Fred war damals 17 Jahre alt.

Bei unserer ersten Begegnung war ich, wie es sich für einen Deutschen gehört, sehr förmlich. „Herr Professor Engelmann“ sprach ich ihn – in Deutschland durchaus formal korrekt - an. Fred musste das amüsiert haben. Er war nicht professoral, und Titel bedeuteten ihm nicht allzu viel. Wenig später waren wir beim „Du“, gingen regelmäßig zum Mittagessen in den Faculty Club der Universität. Fred kannte fast jeden, und so wurden unsere Gespräche häufig unterbrochen von mir fremden Menschen, die freundlich grüßend ein paar Worte mit Fred wechselten.

Das ging so über viele Jahre; kein Thema blieb dabei ausgespart, und viele hilfreiche Ratschläge gab er mir auf den Weg. Sein Deutsch hatte eine Wiener Akzentfärbung behalten. Obwohl er schon viele Jahrzehnte in Kanada lebte, sprach er seine Muttersprache noch perfekt. Aber in sein Englisch hatte sich die unverwechselbare Sprachmelodie eingeschlichen, die die Wiener auszeichnet. Er verbrachte viele Sommer in Wien; er kannte wohl Bruno Kreisky persönlich, hatte auch gute Kontakte in das Präsidialamt.

Später habe ich ihn einmal in Wien besucht, und er hat mir voller Stolz seine Heimatstadt gezeigt. Beim Heurigen in Grinzing wurde er melancholisch. Das Fiakerlied sang er mit, und bei dem Lied „Mei Mutterl war a Weanerin“ war er zu Tränen gerührt. Man merkte: Das Herz war in Wien geblieben, trotz allem.

Häufig sprach er über die Zeit vor dem Anschluss. Ich bekam einen Eindruck über die Stimmung in Wien: Die selbstbewusste urbane Kultur, den latenten und offenen Antisemitismus, die schwierige Beziehung zu Deutschland, den bürgerlichen Lebensstil.

Wenn er erzählte, ging meine Fantasie mit mir durch, und ich sah ihn als kleinen Jungen in seinem Elternhaus, wie er berühmten Gästen die Tür öffnete: Karl Kraus und Sigmund Freud, Hugo von Hoffmannsthal und Karl Popper, Max Reinhardt und Erich Wolfgang Korngold. So hätte es sein können.

Wie viele der illustren Möglichkeitsgäste war er gezwungen sein Heimatland zu verlassen. Fred ging mit seiner Familie nach Kalifornien und studierte dort. Nach Deutschland kam er mit der Ersten US-Armee zurück. Seine Aufgabe war es, Interviews zu führen. Die amerikanischen Truppen wussten nämlich nicht, was sie in Deutschland erwartete. Wie würden die Deutschen reagieren? Wie war die Gefahr von Partisanenanschlägen einzuschätzen? Wem konnte man vertrauen wenn es darum ging, Deutschland wieder aufzubauen?

Heute wissen wir: Die amerikanischen Truppen haben gute Arbeit geleistet, als sie eine neue Führungselite für Deutschland identifiziert haben: In der Politik, den Medien, den Universitäten. Fred stand gewissermaßen an der Wiege unserer Nachkriegsdemokratie. Wenn er über diese Zeit erzählte, konnte man eine seltsame Mischung aus Spannung, Neugier und Abscheu spüren: Spannung, weil jeder Tag ein Kampf ums Überleben war, bis zur Kapitulation, die Fred in Thüringen erlebte; Neugierde, weil niemand wirklich wusste, was in Deutschland und den Deutschen vor sich ging; und Abscheu, weil auch die Befragung der Überlebenden aus den Lagern zu seinen Aufgaben gehörte.

Er selbst hatte ebenfalls Angehörige in den Vernichtungslagern der Nazis verloren. Als er in die USA zurückging war er 25 – und hatte schon mehr erlebt als viele Menschen in einem ganzen Leben. Fred ging zum Studium nach Yale und schloss mit einer Promotion über kanadische Parteipolitik ab.

Bevor er an die kanadische University of Alberta kam, hat er an der Alfred University im Staat New York gelehrt. Sein Spezialgebiet war die kanadische Politik, später dann auch Politik und Regierungssystem von Österreich. Er war aber auch politisch aktiv, in der New Democratic Party, am ehesten mit der SPD zu vergleichen.

Noch in hohem Alter fand man ihn bei Demonstrationen, auch in eisiger Kälte. Er hatte politische Überzeugungen, war aber kein Eiferer. Er wusste um meine politische Orientierung, aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals einen Dissens gehabt hätten. Seine unaufgeregte, beinahe pädagogische Art, seine intellektuelle Großzügigkeit ließen keinen Raum für eine Debatte oder politische Frontstellungen; er achtete nur auf die Qualität der Argumente und half sanft nach, wenn er glaubte, dass in der Begründung einer Position noch Luft nach oben war.

Er wusste um die menschlichen Dummheiten und hat sie ironisch lächelnd kommentiert; Dummheit allein betrachtete er nachsichtig, aber nicht, wenn sie mit politischen Überzeugungen verbunden war, die mit dem demokratischen Gedanken und der Würde des Menschen nicht vereinbar waren. Dann hat er deutlich Position bezogen; er war schließlich Zeitzeuge der Gefährdungen, die daraus erwachsen können.

Der Glaube seiner Väter war schon längst nicht mehr der seine. Er war einer protestantischen Kirche beigetreten. Schon sein Elternhaus war wenig religiös geprägt; aber bei ihm wurde mit Freunden und Gästen das Weihnachtsfest gefeiert, wurden deutsche und amerikanische Lieder gesungen. Sie vereinten sich im Geist der Jahreszeit wie die kanadischen, österreichischen, amerikanischen, deutschen Gäste an seinem Tisch. Im Kleinen waren dies vielleicht wie die Wiener Abendempfänge, die ich mir für seine Jugendzeit ausgemalt hatte; ein fröhliches Spiel mit Argumenten, mit neuen Ideen, mit Witz, dabei alles spielerisch und doch ernst.

Fred war eine Liberalität eigen, die nur jemand hat, der sich und anderen nichts mehr beweisen muss. Als ich meine Abschiedsvorlesung an der University of Alberta hielt, beendete ich sie mit einem Dank an Fred. Er habe in mir den Verdacht geweckt, so sagte ich damals, dass die deutsche Geschichte glücklicher verlaufen wäre, wenn 1871 die Einigung von Österreich und nicht von Preußen vollzogen worden wäre. Ob es stimmt, weiß man nicht. Aber Fred war ein Vertreter einer ruhigen, unaufgeregten, gebildeten und kulturell reichen Bürgerlichkeit, die mit der Herrschaft der Nazis brutal abgeschnitten worden ist. Das machte jede Begegnung mit ihm zu etwas Besonderem. Dass er sich den Glauben an das Humanum trotz allem bewahrt hatte, machte ihn aber zu einem Vorbild für mich.

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