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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Das Parlament ist eine Bühne. Nur wer auffällt, wird gesehen. Manche Kollegen sind darin wahre Meister.

Platzhalter, Platzhirsche

Häufig werde ich gefragt: Gibt es im Bundestag eigentlich eine feste Sitzordnung? Wo sitzt Du eigentlich? Die Frage ist verständlich, denn schon im Begriff des „Hinterbänklers“ versteckt sich ja die Vermutung, dass der Abgeordnete mit zunehmender Bedeutung auch nach vorne rutscht und somit stärker ins Licht der Öffentlichkeit.

Wenn man dann vorne sitzt, hat man es geschafft: Die Kameras haben die vordere Reihe fest im Fokus, hier sitzen die Helden des Parlaments, und in den hinteren Reihen das parlamentarische Fußvolk, die Schwenkmasse.

Tatsächlich ist die Sitzordnung sehr flexibel und mitunter keinesfalls festgelegt. Die Tische in den ersten drei Reihen weisen Namensschilder auf: Fraktionsvorsitzender, die Stellvertreter, die parlamentarischen Geschäftsführer. Alles andere ist nicht festgelegt: Es gilt das Mallorca-Prinzip, nicht mit Handtuch und Liegestuhl, aber doch mit Akten und Sitzungstisch. So mancher Kollege kommt eine halbe Stunde vor Sitzungsbeginn, drapiert seine Akten auf einen der vorderen Plätze und geht dann erst einmal frühstücken.

Tatsächlich ist der Plenarsaal aber nur selten ganz voll, und das liegt ein wenig an der Arbeitsweise des Parlaments. Es gibt herausragende Tagungsordnungspunkte wie eine Regierungserklärung der Bundeskanzlerin, da ist eine hohe Präsenz selbstverständlich. Ansonsten aber debattieren häufig die Fachpolitiker der Ausschüsse unter sich, und dann sind auch die vorderen Reihen freigegeben, ja man sitzt dann in der ersten Reihe.

Die Grünen etwa haben ein kleines Ritual: Die ersten beiden Reihen sind möglichst immer besetzt, und wenn ein Redner aus der ersten Reihe zum Pult geht, rückt ein anderer Kollege nach. Das ist bei der Union und der SPD nicht so; manchmal sieht die parlamentarische Präsenz der Fraktion deshalb etwas ungeordnet aus, aber das ist eine andere Geschichte.

Die vorderen Plätze sind natürlich auch deshalb beliebt, weil diese bei den TV-Übertragungen meist ins Bild kommen. In der so genannten Kernzeit (donnerstags vormittags), die 1995 eingeführt wurde, werden die wichtigsten Debatten geführt, die dann auch live übertragen werden. In der Kernzeit sprechen zu können, ist wie ein Ritterschlag; wenig attraktiv ist es hingegen, sagen wir, abends gegen 21 Uhr zu sprechen, weil dort auch der hartnäckigste Parlamentsaficinado schon längst erlahmt ist, die Kameras abgeschaltet sind und auch die Besuchertribünen sich bis auf den letzten Platz geleert haben.

Häufig habe ich festgestellt, dass man nach einer Rede in der Kernzeit unmittelbare Reaktionen über die elektronischen Medien bekommt, weil viele Menschen Debatten tatsächlich bei Phoenix verfolgen. Im Parlament „gesehen“ zu werden zahlt sich also irgendwie aus, und deshalb sind die Plätze in den bevorzugten Sichtachsen der Kameras beliebt. Das gilt auch bei namentlichen Abstimmungen. Diese sind häufig besonders wichtig und werden deshalb auch von den Pressefotografen immer wieder gerne eingefangen.

Bei den namentlichen Abstimmungen entnimmt man einem Schränkchen vor dem Plenarsaal die Abstimmungskarte, die mit dem Namen des Abgeordneten und einem Barcode versehen ist. Jeder Abgeordnete hat in seinem Fach mehrere Abstimmungskarten liegen: Rot für „Nein“, blau für „Ja“ und weiß für „Enthaltung“.

Bei der Abstimmung selbst werden mehrere Wahlurnen im Plenarsaal aufgestellt. Pressebilder, die gerne genommen werden, zeigen dann natürlich gerne die Kanzlerin, wie sie, von Bundestagskolleginnen und -kollegen umringt, ihre Stimme abgibt. Deswegen ist ein Platz in der Nähe der Kanzlerin bei der Stimmabgabe immer gut, vielleicht ist man dann am nächsten Tag auf der Titelseite der – nein, ich werde da jetzt keine Zeitung nennen. Und häufig sieht man dann auch, von oben fotografiert, eine Traube von Abgeordneten, in der Mitte die Kanzlerin, und kann erahnen, wo die Wahlurne steht.

Und einer der Kollegen hat es tatsächlich geschafft, über Monate bei jeder Abstimmung just hinter der Kanzlerin zu stehen, gut erkennbar und wiedererkennbar. Spötter haben schon gesagt: Der einzige Kollege, der immer hinter der Kanzlerin steht, aber das ist eben manchmal das Problem mit einer bildlichen Sprache: Sie verleitet leicht zu Fehlinterpretationen.

So zahlt es sich häufig aus, die Nähe der Regierungschefin zu suchen, gerade in einer doch sehr öffentlichen Versuchsanordnung wie dem Plenarsaal. So kann man bei einer Sitzungsunterbrechung eben mal beiläufig an die Regierungsbank treten, auch wenn man eigentlich nichts zu besprechen hat, und darauf hoffen, dass sich ein Fotograf für das Motiv begeistert; oder, höchste Steigerung, man hat tatsächlich etwas zu besprechen und es gelingt, die Kanzlerin in eine der hinteren Reihen zu locken. Der Abgeordnete im Gespräch mit der Kanzlerin – eine bessere Werbung kann es kaum geben, vorausgesetzt aber, ein Fotograf entdeckt diese lauschige Zweisamkeit.

Der Plenarsaal ist ein transparenter Raum, der durch die öffentliche Aufmerksamkeit gut ausgeleuchtet wird. Das erklärt so manches Verhalten, auch während einer parlamentarischen Rede. Manchen habe ich schon um seine oder ihre schauspielerischen Talente beneidet.

Einer meiner Lieblingskollegen in der SPD konnte das in meiner ersten Wahlperiode besonders gut. Damals war die SPD noch in der Opposition, und der Kollege hat uns wort- und gestenreich vom Rednerpult aus angegriffen, hat ein Feuerwerk an rhetorischen Funken sprühen lassen, um dann bisweilen nach der Rede durch unsere Reihen zu gehen und halb entschuldigend zu sagen: „Hoffe, es war nicht zu schlimm für euch.“

Eine andere Kollegin konnte sich im Plenum herrlich aufregen, sie gestikulierte wild, rief laut dazwischen und schien ganz offensichtlich emotional mitgenommen. Dachte ich zumindest, bis mir ein Kollege erklärte: „Macht sie nur, wenn Kameras da sind. Sonst ist sie ganz normal.“ Und tatsächlich, es wirkte: Die Kameras fingen sie und ihre Reaktionen häufig ein, sie „schaffte“ es mitunter damit in die Nachrichten – und ist ansonsten eine der liebenswürdigsten Kolleginnen im Deutschen Bundestag, von der ich noch nie ein lautes Wort gehört habe – außerhalb des Plenarsaals.

Der Plenarsaal ist eine Bühne, und manche behaupten: Eine Bühne der Eitelkeiten. Das würde ich so nicht teilen. Aber die Währung in der Demokratie ist die Aufmerksamkeit, und die ist an einem Ort, an dem die Kameras der Republik zuhause sind, leichter zu bekommen als anderswo. Man muss es eben nur verstehen, sich selbst ins rechte Bild zu rücken!

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