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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Als es in der Politik noch ums große Ganze ging: Erinnerungen an Jakob Kaiser, eines meiner Vorbilder.

Wenn ich heute darüber Auskunft geben wollte, wer mich als Politiker beeindruckt hat, dann wäre einer der vorderen Plätze wohl Jakob Kaiser vorbehalten. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, er starb im Mai 1961.

Wenn man heute seine Reden hört, ist man leicht befremdet über das Pathos, das uns heutigen Zuhörern parlamentarischer Debatten unvertraut ist. Doch die Generation Kaisers (er wurde im Dreikaiserjahr 1888 geboren) war hier noch anders aufgestellt; Politik hatte für sie nach der Diktatur des Dritten Reiches auch eine existenzielle Bedeutung.

Jakob Kaiser war Mitglied des letzten frei gewählten Reichstages 1933 geworden. Der im fränkischen Hammelburg geborene, gelernte Buchbinder hatte sich aus kleinen, bescheidenen Verhältnissen nach oben gearbeitet. Im Dritten Reich gehörte er dem Widerstand an. 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet und saß mehrere Monate im Gefängnis. Kaiser gehörte zum engeren Kreis der Widerstandsbewegung vom 20. Juli 1944. Nach dem missglückten Anschlag versteckte er sich bis Kriegsende in einem Keller in Berlin. Seine Frau und seine Tochter kamen in Sippenhaft; viele seiner Freunde aus der christlichen Gewerkschaftsbewegung wurden hingerichtet.

Kaiser gehörte im Frühsommer 1945 zum Gründerkreis der CDU in Berlin. Für ihn war das eine der Lehren aus der Machtergreifung der Nazis: Eine nur katholische Partei wie das Zentrum war nicht stark genug, das zu verhindern. Union hieß für ihn: Eine Gemeinschaft der Religionen, eine Gemeinschaft der sozialen Schichten. Im Dezember 1945 wurde er Parteivorsitzender – durchaus mit gesamtdeutschem Anspruch, aber faktisch auf die Sowjetische Besatzungszone beschränkt. Hier entwickelte er seine berühmte Brückenkonzeption.

Nach dem Krieg war Deutschland von den Alliierten besetzt. Die ersten Spannungen zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion machten sich rasch bemerkbar. Kaiser spürte, dass diese Spannungen Deutschland zerreißen könnten. Deswegen sollte Deutschland zur Brücke zwischen Ost und West werden. Das hatte für ihn zwei Aspekte. Zum einen sollte sich Deutschland keinem der Blöcke anschließen, sondern eine Art neutrale Zone bleiben. Zweitens: Deutschland sollte einen christlichen Sozialismus als sozial- und wirtschaftspolitisches Leitbild einführen, eine Art Dritten Weg zwischen dem Sozialismus in der Sowjetunion und dem Kapitalismus amerikanischer Prägung. Diese Konzeption verfocht er mit Leidenschaft, aber ohne Erfolg. Der Konflikt zwischen den Siegermächten ließ keine Neutralität zu.

Kaiser geriet durch die Sowjetische Besatzungsmacht immer mehr in Bedrängnis und wurde Ende 1947 abgesetzt. Er wurde 1949 Mitglied im Deutschen Bundestag und Vorsitzender der CDU-Sozialausschüsse, der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft. Im ersten und zweiten Kabinett Adenauer war er Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen. Dem zwölf Jahre älteren Adenauer hatte er sich nur widerwillig gebeugt. Beide waren in Temperament und politischer Programmatik sehr unterschiedlich. Das zeigte sich immer wieder auch in Kaisers Jahren als Minister; häufig musste der Bundeskanzler seinen Minister intern oder gar öffentlich zurechtweisen.

Kaisers Themen waren das Nationale und das Soziale. Er kämpfte leidenschaftlich für die deutsche Einheit. Als Gewerkschafter kämpfte er ebenso leidenschaftlich für einen Interessenausgleich von Kapital und Arbeit. Der christliche Sozialismus war ein Schlagwort, das aus der Not der Nachkriegsjahre geboren war. Inhaltlich erfüllt die Soziale Marktwirtschaft viele der Grundideen, die damit angesprochen waren. Deswegen hatte Kaiser seinen Frieden mit der Sozialen Marktwirtschaft gemacht. Nicht aber mit der deutschen Teilung, die er wieder und wieder anprangerte. Den Bau der Berliner Mauer hat er nicht mehr erlebt.

Ich kam mit Kaiser als Politiker erstmals in Kontakt, als ich über seine Brückenkonzeption eine Seminararbeit schrieb; später habe ich auch meine Magisterarbeit über ihn geschrieben. In einem anderen Zusammenhang habe ich dann auch Weggefährten von Kaiser sprechen dürfen, unter anderem Heinrich Krone, den langjährigen Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag in den 1950er Jahren, und Hans Katzer. Dieser war einer von Kaisers Nachfolgern im Amt des CDA-Vorsitzenden und mit Kaisers Tochter verheiratet. Daraus ergab sich auch ein persönliches Bild des Politikers.

Wir können heute nicht mehr ermessen was es heißt, in einer Diktatur zu leben, um sein Leben zu fürchten, seine Freunde durch staatlichen Terror zu verlieren, die Familie gefährdet zu wissen – und trotzdem Haltung zu bewahren. Kaiser war durch diese Prüfungen gegangen, und sie prägte seinen Politikstil. Politik war damals existenzieller. Es ging um etwas. Die deutsche Demokratie war nicht gefestigt, die sowjetische Bedrohung war real. Auch hier hatte Kaiser erleben müssen, wie Freunde und Weggefährten von der sowjetischen Besatzungsmacht eingeschüchtert, eingesperrt, ja verschleppt wurden. Er hatte die totalitäre Erfahrung zweimal gemacht. Nun, in der jungen Bundesrepublik, musste es gelingen.

Diesen Ernst, das Pathos, teile er mit vielen seiner Generation. Man kann sich Menschen wie Kaiser nur schwer in einer Talkshow heutigen Formats vorstellen. Er hätte es als Trivialisierung von Politik empfunden. Die etwas steife Würde, die nicht nur er mitunter ausstrahlte, war nicht untypisch für eine Zeit, in der die Fallhöhe politischer Entscheidungen eine andere war als heute. Ich glaube, Kaiser hätte sich über die Entwicklung der Bundesrepublik gefreut, und erst recht über den Fall der Mauer und die deutsche Einheit.

Die nationale und soziale Frage sind heute zufriedenstellend beantwortet, auch dank ihm. Er war ein überzeugter Vertreter eines Engagements für die Arbeitnehmer aus einer christlichen Grundüberzeugung heraus. Nicht Konflikt und Klassenkampf war sein Motto, sondern die soziale Integration, die soziale Gerechtigkeit. Gleichzeitig wusste er, wie wichtig die nationale Frage war. Nicht wegen eines latenten Nationalismus, davon war er weit entfernt, aber weil er um die enge Verbindung von nationaler und sozialer Frage wusste. Dafür hat er sich eingesetzt, hat er gekämpft, sich aufgeopfert.

Ein solches politisches Leben finde ich vorbildlich; und es ist eine schöne Anerkennung seiner Rolle in der deutschen Geschichte, dass der Deutsche Bundestag das riesige, aus acht einzelnen Häusern bestehende, verbundene Bürogebäude nach diesem außergewöhnlichen Politiker benannt hat.

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