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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Offene Briefe sind eine Form der Nötigung. Ich werde keinen unterschreiben oder beantworten.

Briefe zu schreiben, war einmal eine schöne Sache: Mit Schreibfeder und schönem Papier wurde mitgeteilt, was mitzuteilen war. Heute noch ist dann lesenswert, was sich etwa die Romantiker geschrieben haben (das wird im neu entstehenden Romantikmuseum in Frankfurt zu bestaunen sein), oder was Thomas Mann, Hermann Hesse und andere Literaten der Mitteilung würdig befanden.

Manchmal macht die veröffentlichte Fassung der Briefe auch ausgesprochen Freude, wie man sich etwa bei Harry Rowohlt überzeugen kann, aber in aller Regel ist der Brief das Medium einer vertraulichen Kommunikation mit einer anderen Person, ebenso wie das Tagebuch Medium des Selbstgesprächs ist und nur die großen Narzissten davon ausgehen, dass der Bericht über die Innenausstattung der Innenwelt einer größeren Öffentlichkeit mitteilenswert sein könne.

Streng davon abzutrennen sind der Brief, der auf die Erledigung oder Abwicklung von geschäftlichen Beziehungen zielt, und der Brief einer Verwaltung (der kommunikative Albtraum schlechthin), der auf die Erledigung eines administrativen Vorgangs gerichtet ist. Gemeinsam ist beiden, dass sie, ebenso wie der romantische Brief, eine Form der Kommunikation darstellen, in der das Flüchtige des gesprochenen Wortes durch die höhere Verbindlichkeit des geschriebenen Wortes ersetzt wird. „Wer schreibt, der bleibt“, heißt es gerade in der Verwaltung häufig, was für Verwaltungsvorgänge sicherlich eher zutrifft als für Liebeshändel, aber das ist eine andere Baustelle.

Von Konrad Adenauer wusste man, dass er widerborstige Kabinettsmitglieder bisweilen brieflich zur Räson rief, und das macht diese Briefe (die nach den höchsten editorischen Grundsätzen auch publiziert worden sind) noch heute lesenswert. Heute würde die Bundeskanzlerin eher zum Telefonhörer greifen oder vielleicht eine E-mail schreiben (lassen), aber Briefe waren und sind eben auch eine Form der politischen Kommunikation.

Vor allem aber lieben Historiker Briefe, weil sich das geschriebene Wort historisch dokumentieren, kommentieren und einordnen lässt. Das Gespräch auf dem Golfplatz, es sei denn, es wäre durch einen Tagebucheintrag dokumentiert, ist da weniger ergiebig; läuft es ganz dumm, weiß kein Historiker um dieses Gespräch, läuft es weniger dumm, hat man zumindest eine Quelle (Tagebuch!), die aber auch nicht überprüft werden kann. Misslich ist dann auch, wenn man zwei Quellen hat (zwei Tagebücher!), die deutlich voneinander abweichen. Da Historiker nicht würfeln, müssen sie dann entweder die Sache offen lassen oder im Lichte der späteren Entwicklung beurteilen, in der meist der Gewinner der Auseinandersetzung auch die historische Oberhand hat. „Ex post“-Interpretation nennen das die Historiker, was nichts mit der Post zu tun hat, sondern die einfache Tatsache spiegelt, dass die Sieger auch irgendwie die Interpretationshoheit über die geschichtliche Entwicklung haben.

Eine Sonderform der politischen Kommunikation ist der offene Brief. Üblicherweise gibt es zwischen dem Briefeschreiber und dem Adressaten eines Briefes die Regel der Vertraulichkeit. Das geschriebene Wort ist als exklusive Mitteilung vor dem Zugriff Dritter besonders geschützt: Artikel 10 des Grundgesetzes bezeichnet das Briefgeheimnis als „unverletzlich“. Das will der offene Brief nicht, denn hier geht es nicht um die Mitteilung oder das Argument, sondern um die Öffentlichkeit.

Der wohl berühmteste offene Brief stammt von dem französischen Schriftsteller Emile Zola. Unter dem Titel „J’accuse!“ („Ich klage an“) löste Zola eine breite öffentliche Debatte über die Affäre Dreyfuss aus. Bei Zola war es vielleicht ein literarischer Kunstgriff; die Anklage hatte die Form eines Briefes an den Präsidenten der Französischen Republik und erschien in der Zeitung L‘Aurore.

Offene Briefe heute sind weniger dramatisch, sowohl in der Diktion wie in der Wirkung. Sie haben aber einige andere Gemeinsamkeiten. Von einem offenen Brief wird nicht erwartet, dass man auf ihn antwortet; er hat mit der öffentlichen Versendung bereits das kommunikative Anliegen erfüllt. Der offene Brief will nicht das Argument zur Geltung bringen, sondern den Absender erhöhen – auf Kosten des Empfängers. Er ist eine Art postalischer Kreuzzug und dient den Absendern – häufig sind es mehrere, die sich als Gruppe zur Abfassung eines offenen Briefes zusammenfinden – als eine Art argumentativer Triebabfuhr. Offene Briefe sind eine Form der versuchten Nötigung, in der es nicht um den Austausch von Argumenten geht, sondern um die Mobilisierung von Öffentlichkeit.

Das legt den Verdacht nahe, dass vielleicht die Argumente aus sich heraus nicht stark genug sind, um bestehen zu können. Dann muss die Quantität der Unterstützer die mangelnde Qualität der Argumente ausgleichen. Oder aber offene Briefe erfüllen eine exkulpatorische Funktion; die Unterzeichner machen damit deutlich, dass sie für bestimmte Entscheidungen nicht in Mithaftung genommen werden wollen. Ich mag Briefe, in denen die Mitteilung noch Exklusivität hat. Briefe sind keine Mitteilungen auf dem Marktplatz. Sie sind ein Medium des Austausches zwischen Menschen, die sich ernst nehmen. Deswegen werde ich keine offenen Briefe unterschreiben – und auch nicht auf solche antworten.

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