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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Im Ruhestand entfaltet mancher Politiker staatsmännische Größe. Fatal aber, wenn's keinen interessiert. So mancher sah sich schon vor einem Scherbenhaufen.

 
Der Politiker im Ruhestand
 
Halt, was schreibe ich da: Ein Politiker ist immer im Dienst und nie im Ruhestand, auch nicht nach seinem Ausscheiden aus der Politik. Und dabei gilt: Je höher seine Position, desto weniger Ruhestand. Und man kann sich bei einem Altkanzler auch schwer vorstellen, dass er im Vorgarten die Rosen beschneidet und Interviewanfragen bescheidet mit einem: „Ach Kinder, lasst mich damit doch in Ruhe. Das sollen jetzt andere machen.“

Nein, das ist das erste Gebot des Ruhestands: Der Politiker a.D. bleibt immer informiert, immer auf der Höhe der Zeit. Er ist damit immer auskunftsbereit, auch wenn die Anzahl derjenigen, die von ihm eine Stellungnahme erbitten, sich seit seiner aktiven Zeit deutlich reduziert hat.

Es gibt aber Unterschiede, wie der Ruhestand und die neue Rolle ausgestaltet werden. Diese hängen von zwei Faktoren ab: Unter welchen Umständen man die Politik verlassen hat, und aus welcher Position. Ein Bundeskanzler oder Bundesminister hat einen anderen Stellenwert als ein einfacher Abgeordneter, und das macht sich auch im Ruhestand bemerkbar. Aber zunächst zu den Umständen, die zum Ende der politischen Karriere führten.

War das Ende in der Politik freiwillig, etwa, weil man eine andere berufliche Orientierung eingeschlagen hat oder aus Altersgründen nicht mehr kandidiert, ist der Abschied aus der Politik nicht schwer. Eine neue Aufgabe lässt die Politik wie einen Lebensabschnitt erscheinen, und so sollte es ja auch sein. Politik ist Verantwortung auf Zeit. In Deutschland wird allerdings misstrauisch beäugt, was in anderen Ländern häufiger und mit großer Selbstverständlichkeit vorkommt: Den beruflichen Wechsel in die Wirtschaft oder die Wissenschaft. Damit sinkt auch der Anreiz, sich außerhalb der Politik ein berufliches Betätigungsfeld zu suchen. Und dann führt so manche Karriere nicht nur direkt vom Hörsaal in den Plenarsaal, sondern endet auch dort. Das muss nicht immer von Nachteil sein, es fördert aber den Typus des Berufspolitikers, dessen Beruf eben nur die Politik ist.

Und gerade für einen solchen ist dann ein unfreiwilliger Abgang aus der Politik mitunter eine mittlere Katastrophe. Ein Skandal, der zu einem Rücktritt führt, oder ein plötzlicher Einbruch in der Wählergunst, und schon liegt das bisherige Leben in Scherben. Ein anderes hatte man nie. Wenn man Glück hat und war lange genug dabei, kann man in den Ruhestand gehen – wenn nicht, und es erwischt einen mit Mitte vierzig, wird man nur noch auf einen Versorgungsposten hoffen dürfen, was für diejenigen leichter ist, die einer Partei angehören, die in der Regierungsverantwortung ist. Ansonsten kann der Weg auch schnell über die politische Bedeutungslosigkeit in die materielle Not führen.

In jedem Fall: Der Ruhestand wird als ungerecht und unfair angesehen, von bösen Mächten erzwungen, gegen die man sich fortan wehrt. Man wird zu einer permanent beleidigten Leberwurst, neigt mitunter zu dunklen Verschwörungstheorien und ist in hohem Maße auskunftsfreudig über das verkannte politische Genie (man selbst) und die unfähigen Schranzen in Berlin (alle anderen). Aus psychoanalytischer Sicht mitunter spannend sind dann die autobiographischen Schriften, die aus einem solchen Politikweg entstehen können: Die alte Weisheit, dass zu viel Weihrauch selbst den Heiligen schwärzt, wird dabei ebenso souverän übersehen wie die Weisheit, dass man sich im Leben mehr als einmal trifft.

Aber zu einer solchen Reaktion gehört schon eine gewisse Fallhöhe, und die ist nicht immer gegeben. Ein einfacher Abgeordneter im Ruhestand ist nämlich weitgehend unproblematisch. Schon nach kurzer Zeit wird er auch auf der Straße nicht mehr erkannt und verschwindet in der Anonymität der Masse. Meistens war das auch schon vorher der Fall, aber das ist eine andere Geschichte. Keiner lädt ihn in Talkshows ein, er ist für die Lokalzeitung uninteressant geworden, allenfalls zu runden Geburtstagen erinnert man sich seiner und heftet ihm gegebenenfalls noch eine Ehrung an das Revers. Ansonsten lebt er vom Glanz vergangener Tage, und nicht selten wird er der Meinung sein, die Politik heute sei ja nur ein schwacher Abglanz dessen, was zu seiner glorreichen Zeit alles passiert sei. Er verlöscht langsam in der öffentlichen Wahrnehmung, was nicht immer von Nachteil sein muss, weder für ihn selbst noch die öffentliche Wahrnehmung.

Jemand, der Minister war, bewegt sich schon in einer anderen Preisklasse. Da musste man sich um nichts mehr kümmern, ob Reiseorganisation oder die Kenntnis der Telefonanlage. Ein Dienstwagen mit Fahrer stand immer bereit, Tag und Nacht, und notfalls konnte man auch mal  ziemlich betrunken einen Termin beschließen, denn die Heimfahrt war ja gesichert.

Deshalb ist es für den einen oder anderen schon eine Vertreibung aus dem Paradies, wenn man nicht mehr Minister ist, sondern nur einfacher Abgeordneter. Ist man aber komplett im Ruhestand, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man reift zum elder statesman, auf dessen Rat gehört wird, oder man wird zum Freizeitnörgler.

Fangen wir mit Letzterem an: Die Versuchung ist groß, auch im Ruhestand Politik zu kommentieren. Schließlich hat man als ehemaliger Minister oder sogar Kanzler da einiges an Fachwissen, das man einbringen kann, und Erfahrung hat man ohnehin. Nun ist man befreit von Zwängen und Rücksichten, und man kann unverfälscht seine Sicht der Dinge ausbreiten. Dumm nur, wenn der Widerhall, den man im offiziellen Berlin damit erreicht, umgekehrt proportional zu der Befreiung aus den Rücksichten ist – dann degeneriert die kluge Analyse schnell in allgegenwärtige Nörgelei. Vorbild hierfür sind die Figuren Waldorf und Statler aus der Muppet Show: Zwei alte Herren, die das Treiben auf der Theaterbühne von ihrer Loge aus mit abfälligen Bemerkungen kommentieren.

Es ist also nicht ohne Risiko, sich als Politiker im Ruhestand immer wieder zu aktuellen Themen zu äußern. Die Gefahr ist groß, dass man sich wünscht, die vorgebliche Klugheit hätte schon vor dem Ruhestand eingesetzt (was der Glaubwürdigkeit nicht hilft) oder hofft, dass die ewige Besserwisserei und Nörgelei an Resonanzraum verliert. Ob man ein Philosoph geworden wäre, hätte man geschwiegen, mag dahingestellt bleiben; der Ruf jedenfalls wäre nicht ramponiert.

Bleibt schließlich der elder statesman, und ich bitte hier die weibliche Form auch immer mitzudenken. Auch er kann mitunter nörgeln oder den Besserwisser spielen, und auch bei ihm möchte man gelegentlich wünschen, die Weisheit hätte schon früher eingesetzt. Aber der elder statesman hat Charisma, Ausstrahlung; er eifert nicht mehr, sondern urteilt in gemessener Abgeklärtheit. Er weiß sich rar zu machen und dosiert seine öffentlichen Stellungnahmen. Er führt ein unaufgeregtes, skandalfreies Leben, engagiert sich irgendwie für das Gemeinwohl und gilt auch moralisch als Autorität. Mögliche Fehlentscheidungen seiner Amtszeit sind durch das sanfte Abendlicht des partiellen Vergessens gemildert. Der elder statesman erscheint als überparteilich, ersatzkaiserhaft und damit glaubwürdig in einem Maße, wie er es in seiner aktiven Zeit nie war. Er ist dem politischen Streit enthoben, aber nicht der politischen Stellungnahme, er kann erklären, ohne belehrend zu sein (auch wenn er es tatsächlich ist), kurzum also: Der elder statesman ist eine Mischung aus der fachlichen Autorität eines Chefarztes, der umfassenden Bildung eines deutschen Universitätsprofessors, der moralischen Rechtschaffenheit eines evangelischen Synodalen und der kulturellen Zivilisiertheit eines Literaturnobelpreisträgers. Er hat also all die Stereotype eines Politikers in ihr Gegenteil verkehrt, indem er in den Ruhestand gegangen ist. Das lässt mich für meinen Ruhestand einigermaßen hoffen, auch wenn ich es selbst vermutlich nicht mehr bis zum Bundeskanzler schaffe.
 
 

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