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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Wir sollen den Terroristen mit Liebe begegnen, sagt Margot Käßmann. Ein nachdenkenswertes Ansinnen - und ein ärgerliches.

So ein Käß, Mann!

Die deutsche Erregungskultur hat wieder ein neues Opfer. Margot Käßmann hat gefordert, man solle Terroristen mit Liebe begegnen. Und halb Deutschland, würde Tucholsky sagen, sitzt auf dem Sofa und nimmt übel. Zumal ganz andere Vorstellungen kursieren, wie man Terroristen begegnen sollte, aber das ist eine andere Frage.

Darf die das? Ich meine: Ja, die darf das. Käßmann nimmt eine theologische Position ein. Die Botschaft der Bibel ist ziemlich eindeutig. Liebe Deinen Nächsten so wie Dich selbst. Ohne Ausnahme. Ohne Vorbehalt. Und auch nicht unter der Einschränkung: Na gut, solange er kein Terrorist ist.

Niemand wird zum Terroristen geboren. Jedes Kind ist ein Versprechen der Unschuld. Erst durch die Berührung mit dem Leben kann jemand zu einem Terroristen werden. Vielleicht ist es ein Gefühl verletzter Ehre, eine tief empfundene Ungerechtigkeit, der Wunsch nach Rache nach einem erlittenen Unrecht, der einen Menschen zum Terroristen werden lässt.

Niemand aber, der nur Liebe erfahren hat, wird zu einem Terroristen. Deswegen bleibt die Botschaft des Christentums so universal wie richtig: Liebe Deinen Nächsten – dann wird die Welt besser. Eine schöne Utopie, aber eben leider eine Utopie.

Als Politiker kann ich so eine Konsequenz in der Haltung nur bewundern. Doch als handlungsleitende Idee darf ich sie nicht akzeptieren. Max Weber hat dies einmal mit der Gegenüberstellung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik als handlungsleitenden Motiven auf den Punkt gebracht. Aus reiner Gesinnung zu handeln ist ehrenwert, kann aber mitunter mich selbst und andere in Gefahr bringen.

Immanuel Kant hat das in einem Beispiel einmal auf die Spitze getrieben. Ich darf nicht lügen – so sagt es ein moralisches Gebot. Wir halten das auch für richtig. Nun bringt Kant ein Beispiel, das zwei moralische Gebote gegeneinanderstellt. Wenn ein Mann vor einem anderen flieht, der ihn umbringen will, darf ich dann den Täter darüber belügen, wo sich sein Opfer aufhält? Kant meint: Nein. Denn die Pflicht zur Wahrhaftigkeit ist grundsätzlich. Sie steht sogar über dem Hilfegebot für Menschen, die verfolgt werden.

Gerne hätte ich selbst den Königsberger Philosophen gefragt: „Wie? Ich soll Anne Franks Versteck verraten?“ Das zeigt ein wenig die Absurdität einer reinen Pflichtenethik, die aus der Gesinnung erwächst. Wir sind auch für die Konsequenzen unseres Handelns verantwortlich. Ein reines Gewissen kann aus meiner Sicht aus einer reinen Gesinnungsethik nicht erwachsen. Aber dummerweise auch nicht aus einer verantwortungsethischen Haltung. Wer dem Übel nicht widersteht ist für sein Überhandnehmen in der Welt mit verantwortlich, heißt es.

War es richtig, Hitler aufzuhalten? Natürlich, würden wir sagen. Der Preis dafür war aber ein Krieg mit vielen Millionen Toten. Das ist das Tragische an vielen Situationen: Man wird schuldig, so oder so. Wegschauen, wenn Menschen unterdrückt und ermordet werden, macht mich schuldig, aber die Unterdrückung gewaltsam beenden, auch. Und abwägen darf ich eben auch nicht, nach dem Motto: Durch mein Handeln sind zwar viele Menschen gestorben. Hätte ich aber nichts getan, wären es sehr viel mehr gewesen.

Terroristen mit Liebe zu begegnen wird künftige Opfer nicht verhindern. Es wird die Mordgesellen nicht davon abhalten, ihre Pläne umzusetzen. Aber eine Debatte darüber zu führen, finde ich richtig. Vielleicht ist die Ethik der Bibel eine für eine perfekte Welt. Und wir brauchen immer wieder Menschen, die uns daran erinnern, wie wir gerne wären: Menschen, die den christlichen Imperativ der Liebe ernst nehmen.

Deswegen finde ich den Vorstoß von Margot Käßmann nachdenkenswert – und gleichzeitig für die politische Praxis untauglich. Und letztlich auch ärgerlich: Denn der Gesinnungsethiker macht sich manchmal einen schmalen Fuß auf Kosten desjenigen, der die schwere Last einer Verantwortung trägt.

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