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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Was läuft schief in unserer Gesellschaft, wenn die letzten Tage zu Tagen von Einsamkeit und Verzweiflung werden?

Letzte Tage

Vor einiger Zeit war ich in einem Berliner Krankenhaus, reine Routine. Ich kam mit dem Arzt ins Gespräch; wir sind etwa ein Alter, und der Gesprächsfaden war schnell aufgenommen, zumal der Arzt auch etwas Zeit zu haben schien. Wie wir auf das Thema kamen, kann ich nicht mehr sagen. Vielleicht hatten wir über Familie gesprochen, vielleicht hatte ich ihm erzählt, dass mich die Frage interessiert, welche Konsequenzen viele Einpersonenhaushalte wie in Frankfurt für den sozialen Zusammenhalt einer Stadt haben.

„Schauen Sie“, führte er aus, „auf der Etage über uns liegen viele schwer kranke Patienten, einige davon dämmern ihrem Lebensende entgegen. Fast die Hälfte von ihnen hat in den Wochen, in denen sie hier im Krankenhaus sind, keinen Besuch bekommen.“
„Ist das nicht unsagbar traurig?“ fragte ich nach. „Was machen Sie mit solchen Patienten?“
„Wir können sie medizinisch versorgen und auch ein wenig Zuwendung geben“, erwiderte der Arzt, „aber die Versäumnisse in der Lebensplanung können wir nicht beheben.“

Nachdenklich fuhr ich vom Krankenhaus ins Büro. Ein Spruch kam mir in den Sinn: Es habe noch kein Mensch auf dem Sterbebett bereut, nicht mehr Zeit im Büro verbracht zu haben. Leben ist das, was passiert, wenn man arbeitet, dachte ich. Oder was man verpasst. Vielleicht sind unsere Prioritäten einfach etwas verrutscht?

Wir hatten vor einiger Zeit Klassentreffen, 35 Jahre nach dem Abitur. Einige von uns waren schon Großeltern geworden und trugen dies mit stolzem Selbstbewusstsein vor. Bei einer überschlägigen Berechnung stellte ich aber fest: Unser Abiturjahrgang hatte es noch nicht einmal geschafft, sich demographisch selbst zu reproduzieren. Viele von uns hatten gar keine Kinder, dafür schöne berufliche Karrieren. Dem einen oder anderen war über der Karriere auch der Partner oder die Partnerin abhanden gekommen. Kein Problem, versicherten sie in beinahe identischer Diktion, ich komme klar, mein Leben ist ausgefüllt. Viele waren froh, mal wieder in der alten Heimat zu sein; Studium und Beruf hatten sie in die unterschiedlichsten Ecken der Welt katapultiert.

Bei dem einen oder anderen vermutete ich eine leise Melancholie, die aber nicht manifest wurde. Es sollte ja ein schöner, ein ausgelassener Abend werden, an dem man sich wieder jung fühlen wollte.

Regretting motherhood, der neueste Trend, von einer israelischen Soziologin entdeckt. Mütter, die es nicht wieder tun würden – Kinder bekommen. Nein, weniger ein Trend als eine Form des Bedauerns, vorübergehend vielleicht, aber das scheint nicht sicher. Mütter, die ob der vielleicht verpassten Karriere enttäuscht sind, Mütter, die eine Wahl treffen mussten und mit der Entscheidung fremdeln.

Ich vermag es nicht nachzuvollziehen und habe viele Fragen, ja Einwände. Und mein stärkster Einwand bezieht sich auf jene letzten Tage, von denen der Berliner Arzt berichtet hat. Das Haus, die Karriere, das Auto: Wichtig, keine Frage, aber auch kein Trost für die letzten Tage. Wenn die Bilanz gemacht wird: Haben wir dann ein gutes Gefühl, wenn wir alleine im Krankenbett liegen? Schöner ist es doch aufgehoben zu sein, Zuspruch zu erfahren. Vielleicht durch Freunde, aber doch eher durch Familie. Ach ja, dafür hatten wir ja keine Zeit. Und wenn: Bedauern wir es dann auch, in diesem wichtigen Moment?

Ich höre hier einmal auf, zumal ich fürchte, wie Pastor Fliege zu klingen. Eine schreckliche Vorstellung, irgendwie. Politiker sollten sich nicht mit den letzten Dingen beschäftigen, nicht wahr? Schon gar nicht in einem Blog, der doch eher auf Unterhaltung und Zerstreuung angelegt ist.

Aber manchmal frage ich mich schon: Haben wir nicht alle eine Verantwortung für eine lebenswerte Gesellschaft? Politik soll und will den Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben, ob sie heiraten, Kinder bekommen oder eben auch nicht. Das ist die Entscheidung, die jeder selbst zu treffen hat. Aber was läuft in einer Gesellschaft denn schief, wenn die letzten Tage zu Tagen der Verzweiflung und der Einsamkeit werden?

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