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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Vom zweifelhaften Verdienst, prominent zu sein: Oder warum der Innenminister besser nicht bei „Let's Dance" das Tanzbein schwingen sollte.

Eigentlich hatte ich immer gedacht, das Wörtchen „prominent“ habe – so steht es ja auch im Duden – nicht nur etwas mit „Berühmtheit“ zu tun, sondern auch mit einem gewissen Vorbildcharakter, der sich aus der Maßgeblichkeit des Handelns, das zu der Prominenz geführt hat, ergibt. Ein langer Satz, aber kürzer ging es nicht. Prominent wäre also jemand, der sich außerordentliche Meriten erworben hat, der es durch Ruhm zur Berühmtheit gebracht hat.

Nun, das stimmt leider nicht, wie ein Blick in die deutschen Fernsehkanäle leicht offenbart. Beim Zappen blieb ich neulich beim „Promi-Dinner“ hängen und stellte zu meiner Betrübnis fest, dass ich keinen der dort anwesenden Promis kannte, weder dem Namen noch den Verdiensten nach. Ähnlich ging es mir bei einem Gang durch das Vorabendprogramm von ARD und ZDF. Das ZDF leistet sich mit „leute heute“ und „Hallo Deutschland“ zwei Boulevardmagazine, die ARD nennt das ihre „Brisant“. Es sind teilweise dieselben Geschichten, die dort erzählt werden, und wieder stellte ich fest: Die „Verdienste“ so genannter Promis erschöpfen sich nicht selten darin, mit einem anderen Promi das Bett zu teilen oder von jenen 15 Minuten Berühmtheit zu zehren, von denen Andy Warhol einmal gesprochen hat.

Dann erzählte mir ein Freund, es gebe ja eine Rangfolge bei den Promis: A, B und C. So tröstlich es in diesem Fall ist, dass über das Alphabet noch 23 weitere Buchstaben zur Kategorisierung zur Verfügung stehen, scheint doch die spannende Frage zu sein: Warum muss ich es wissen, wenn jemand aus der Kategorie B oder C über den roten Teppich gelaufen ist, geheiratet hat, eine Ehekrise durchlebt oder gerade auf Diät ist? Warum soll ich es mir anschauen, wenn diese Leute füreinander kochen oder im Dschungelcamp sich zum Affen machen?

In diesem Moment war ich dankbar, dass zumindest in der Politik offensichtlich noch ein Sinn für Schicklichkeit und Stil vorhanden ist. Es wäre ja ein Leichtes, seine Wiederwahlchancen dadurch zu erhöhen, dass man sich mit dem Boulevard gemein macht. Also Ursula von der Leyen mit Rainer Calmund um die Wette kocht oder Thomas de Maiziere beim Promi-Tanzen die Preise abräumt.

Doch sieht man gerade in der Politik hier eine gewisse Zurückhaltung. Gut, der verstorbene Guido Westerwelle war mal bei Big Brother im Container zu Besuch, und Heide Simonis hat sich die Haxen heiß getanzt, aber das waren und blieben Ausnahmen.

Nun mag man einwenden, Politiker seien schon deshalb nicht prominent, weil es an Vorbildcharakter und Maßgeblichkeit des Handelns mangelt, und wer wäre ich, jetzt eine Lanze für die Politik zu brechen: Vermutlich nur jemand, der für sich selbst spricht, was man der Politik ja ohnehin immer vorwirft, und deswegen lasse ich das.

Aber: Auch Fußballstars sieht man selten unter den medial inszenierten Promis (mit der Ausnahme von Lothar Matthäus), ebenso wenig wie Schriftsteller oder berühmte Wissenschaftler. Einen Jürgen Habermas auf dem roten Teppich vor der Bambi-Verleihung empfänden wir als vollkommen deplatziert, und deswegen hatte Marcel Reich-Ranicki recht, nach einer Schrecksekunde des Erkennens, in welche Gesellschaft er da geraten war, den deutschen Fernsehpreis abzulehnen.

Prominent, das ist die Lehre, hat nichts mit Verdiensten zu tun, einem tugendhaften Leben oder dem Ruhm einer besonderen Tat. Es speist sich aus der Aufmerksamkeit derjenigen, die ein zufälliges Erscheinen auf dem TV-Bildschirm bereits als Verdienst zu würdigen bereit sind.

Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Warum sich aber die öffentlich-rechtlichen Sender an diesem Wettlauf um Aufmerksamkeit beteiligen müssen, ist mir aber immer noch nicht klar. Vielleicht sollte man die Intendanten einfach einmal ins Dschungelcamp schicken.

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