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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Er ist nie da und doch immer zur Stelle, wenn man ihn braucht: der phänomenale Parlamentarier Jakob Maria Mierscheid.

Der virtuelle Abgeordnete

Der Bundestag hat in der 18. Wahlperiode bekanntlich 631 Abgeordnete. Wie aber seit vielen Legislaturperioden gibt es einen zusätzlichen Abgeordneten, der sich großer Beliebtheit erfreut. Es ist der Kollege Jakob Maria Mierscheid. Er stammt aus dem rheinland-pfälzischen Morbach und ist seit 1979 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er soll sich schwerpunktmäßig mit den Problemen der geringelten Haubentaube in Mitteleuropa sowie dem Nord-Süd-Gefälle in Deutschland befassen. Als einer der wenigen Abgeordneten des Deutschen Bundestages soll er seine Nebeneinkünfte mit der Bemerkung verschwiegen haben, er wolle ja nicht angeben. Und als Präsident Norbert Lammert ihm 2013 zum 80. Geburtstag gratulierte, versäumte der Bundestagspräsident nicht darauf hinzuweisen, dass es sich bei Mierscheid um einen sehr geschätzten und verzweifelt gesuchten Kollegen handele, der auch dieser Sitzung aus dringendem Anlass fernbleibe.

Sie ahnen es schon: Mierscheid ist eine Erfindung, eine Kunstfigur. Sie wurde 1979 von zwei SPD-Kollegen erfunden und bereichert seither das Parlament. Auch der „Kürschner“, das Handbuch der Bundestagsabgeordneten, führt ihn mittlerweile auf. Mierscheid ist der Spezialist für Skurriles, Menschliches; er macht den Bundestag weniger ernst und zeigt ein wenig die Fähigkeit des Parlaments, sich selbst auf die Schippe zu nehmen.

Manchmal wird er gerne mal nach vorne geschoben wie vor einigen Jahren, als er von Franz Müntefering abgemahnt wurde. Der Abgeordnete Mierscheid habe nämlich, so Müntefering, „Ulla Schmidt“ als Unwort des Jahres vorgeschlagen. Man sagt, Mierscheid sei Fernschachpartner des legendären Verfassungsjuristen Friedrich Gottlob Nagelmann gewesen, und mit dem Diplomaten Edmund Friedemann Dräcker verbinde ihn der Widerstand gegen die heute in vielen europäischen Staaten verbotene, tierquälerische Praxis des Aufbindens von Bären.

Aber: Auch Nagelmann und Dräcker sind, ebenso wie Mierscheid, fiktive Gestalten. Medialer Aufmerksamkeit erfreuen sich aber alle drei, gerade in Zeiten des Internet.

Vor einigen Jahren sollte der hohe Brückensteg zwischen dem Paul-Löbe-Haus und dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus im Deutschen Bundestag nach Mierscheid benannt werden, unter großem publizistischem Interesse. Leider erwiesen sich die Bolzen zur Befestigung des Namensschildes als Nieten, wie der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbauministerium, Sperling, damals betrübt verkündete. Zumindest im Falk-Stadtplan Berlin von 2005 ist der Steg aber als Jakob-Mierscheid-Weg gekennzeichnet. Und mittlerweile ist es vollbracht: Gut sichtbar prangt an dem kleinen Steg seit 2015 der Name dieses ungewöhnlichen Abgeordneten. Damit wird, so steht zu hoffen, der traditionelle Berliner Name für diesen kleinen Steg – die höhere Beamtenlaufbahn – endgültig abgelöst.

Ich selbst habe diesen fiktiven Abgeordneten das eine oder andere Mal zitiert, gerade dann, wenn es sich um so genannte „Reden zu Protokoll“ handelte. Reden zu Protokoll werden nicht gehalten, sondern nur in schriftlicher Form dem Sitzungsdienst überreicht. Danach werden sie umstandslos in die Protokolle aufgenommen, eine Beerdigung zweiter Klasse.

Einmal, ich gestehe es offen, habe ich ein wenig den Atem angehalten. Das war, als Heinz Riesenhuber die erste Parlamentssitzung der neuen Legislaturperiode 2013 mit der Frage eröffnete, ob es einen älteren Abgeordneten als ihn im Hohen Haus gebe. Mierscheid ist zwei Jahre älter als Heinz Riesenhuber; er schien aber der konstituierenden Sitzung aus wichtigem Anlass fern geblieben zu sein. Schade, dachte ich bei mir, was hätte wohl Mierscheid als Alterspräsident uns für die Große Koalition mit auf den Weg gegeben…

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