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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Gegen das Urteil zum „Kükenschreddern“ sträubt sich bei mir jede Faser - gegen diese Vernichtungspraxis ohnehin.


Über Küken und den Respekt vor der Schöpfung
 
Ich hatte mir vorgenommen, hier keine aktuellen politischen Fragen anzugehen, doch diesen Vorsatz muss ich brechen. Unlängst hat ein Gericht entschieden, dass das so genannte „Kükenschreddern“ nicht gegen den Tierschutz verstößt. Dabei werden neugeborene männliche Küken vernichtet; man braucht sie nicht für den landwirtschaftlichen Produktionsprozess.

Ich bin mir sicher, dass die beteiligten Juristen eine juristisch saubere Begründung gefunden haben. Warum auch nicht, Juristen können schließlich alles begründen, und das Gegenteil auch.

Und doch sträubt sich bei mir jede Faser nicht nur gegen ein solches Urteil, sondern vor allem gegen eine solche Vernichtungspraxis. Ich lebe und gestalte Politik aus einem christlichen Grundverständnis heraus. Dazu gehört, dass man die Schöpfung respektiert. Man solle sich die Erde untertan machen, heißt es in der Genesis als Gottes Gebot; nicht als tyrannischer Herrscher, als Despot und Diktator, sondern wie eine Art guter Hirte. Die Schöpfung ist dem Menschen zur Hege und Pflege anvertraut.

Schon alleine die Tatsache, dass Gott dem Menschen die Tiere vorführte, damit er ihnen Namen gebe, zeigt: Er soll die Tiere nicht als bloße Sache behandeln, sondern einen Bezug zu ihnen herstellen.

Insofern habe ich es immer als falsch abgelehnt, das Töten von Tieren lediglich als eine „Sachbeschädigung“ juristisch zu ahnden. Die Schöpfungsgeschichte macht uns einen fundamentalen Sachverhalt nämlich sehr deutlich klar: Wir sind alle Teil der Schöpfung und sind nicht losgelöst von ihr. Wir sind nicht die Herren dieser Welt, die mit der Schöpfung nichts zu tun haben, sondern wir sind auf vielfältigste Weise in sie verstrickt, ja sogar von ihr abhängig: Wären wir alleine auf dieser Welt, wir würden nicht überleben. Wir brauchen die Schöpfung zu unserem eigenen Überleben.

Ich wünsche mir deutlich mehr Achtsamkeit mit der Schöpfung; das bedeutet aber auch, dass wir unsere Produktion und unseren Konsum nicht so anlegen dürfen, als sei alles unbegrenzt vorhanden. Das ist nicht der Fall; auf einer Welt, die begrenzt ist, kann ich nicht unbegrenzt Ressourcen verbrauchen. Diese eigentlich banale Einsicht zeigt den Holzweg auf, auf dem wir uns befinden. Wir sägen durch unsere Wirtschaftsweise auf dem Ast, auf dem wir sitzen.

Diese Rücksichtslosigkeit zeigt sich auch in anderen Bereichen. Unser Menschsein hängt davon ab, dass wir in die Schöpfung eingebettet bleiben und sie achtsam behandeln; der Ausweg, uns einen anderen Planeten zu suchen, wie es Stephen Hawking allen Ernstes vorgeschlagen hat, steht uns nicht offen. Bislang hat mir noch niemand erklären können, wie die industrielle Tierproduktion und die Tiervernichtung mit dieser geforderten Achtsamkeit vereinbar sein sollen. Sie sind es nicht.

Jaja, werden Kritiker jetzt einwerfen, man darf sich nicht durch das süße Aussehen von Küken in die Irre führen lassen. Sie sind nichts als Biomasse in einem Produktionsprozess, die entsorgt wird, Produktionsabfälle, gewissermaßen.

Entschuldigung, werde ich dann erwidern, auch die Art, wie wir etwas tun, sagt etwas über uns aus. Wenn wir etwas tun ohne Respekt, ohne Achtsamkeit, nur unseren selbst geschaffenen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten folgend, dann verlieren wir einen Teil unserer Menschlichkeit, unserer Seele.

In einer seelenlosen Welt ohne Menschlichkeit möchte ich nicht leben. Es ist eine Welt, die ein Prinzip über die Schöpfung hebt – hier das Prinzip des Marktes. Es ist eine Welt, die von der Hybris des Menschen zeugt – während von irgendwo her ein göttliches Gelächter, wahrnehmbar nur für das hörende Herz, die Urteilsverkündung über die Menschheit begleitet, deren erster Satz lauten könnte: Gewogen und für zu leicht empfunden.

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