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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Man müsste Klavier spielen können. Es hilft einerm, nicht aus dem Takt zu geraten.

Neulich fiel mir in einem Antiquariat ein wunderschönes Notenbuch in die Hand: Sang und Klang im 19. Jahrhundert, ein schwerer Foliant mit einem Jugendstileinband, aufwändig gemacht, aber schon ein wenig in die Jahre gekommen. Darin enthalten waren Klavierstücke, Transkriptionen aus Opern und Operetten, Lieder; ein Relikt aus einer Zeit, in der man Musik noch nicht einfach über Tonträger oder elektronisch abspielen konnte, sondern sich selbst erarbeiten musste.

Nun will ich nicht eine kulturkritische Melodie anstimmen, wie viel besser die damalige Zeit gewesen sei. In der Gesamtbetrachtung war sie es sicher nicht, und ich fühle mich im Hier und Jetzt schon ganz wohl.

Aber auf eine Frage hat mich das schon gebracht: Wer macht eigentlich heute noch Hausmusik? Ich meine damit nicht die Eleven der vielen Musikschulen, die keine andere Wahl haben, sondern die schon Erwachsenen. In meinem nun nicht kleinen Freundes- und Bekanntenkreis kenne ich gerade mal zwei, die das Singen als Hobby praktizieren, in größeren Chören.

Gemeinschaftlich musizieren ist nämlich eine feine Sache. Man muss zuhören, darf seinen Einsatz nicht verpassen und muss Taktgefühl bewiesen – alles Dinge, die auch im richtigen Leben durchaus vorteilhaft sein können. Meist aber bleibt es, wenn man das Gespräch auf die musikalische Erziehung bringt, bei der leicht resignierten Auskunft, man habe ja früher – in einer Musikschule, womöglich – dieses oder jenes Instrument gelernt, aber man sei völlig aus der Übung.

Es liegt ja nicht daran, dass diese Menschen alle unmusikalisch sind. Einige hatten Helikopter-Eltern, die vom pränatalen Hörtraining bis zum prophylaktisch gekauften Konzertflügel für alles gesorgt hatten. Andere hatten in ihrer Jugend tatsächlich Spaß daran, mit der Gitarre Songs zu spielen und dazu zu singen, haben es aber dann in der reifen Ernsthaftigkeit des Erwachsenenlebens als pubertäre Verwirrung abgetan.

Recht häufig höre ich aber auch den Satz: „Man müsste mal …“, das früher Gelernte auffrischen und repetieren oder überhaupt mal ein Instrument lernen. Und nun mache ich ein Geständnis: Ich spiele nach wie vor leidenschaftlich gerne Klavier. Es gibt nichts, was den Kopf so frei macht wie, sagen wir, sich einer Bach’schen Fuge hinzugeben oder sich in das Studium einer Sonate von Schubert oder Beethoven zu vertiefen.

Häufig höre ich auch eine neue CD mit Komponisten, die ich nicht kannte (mein Lieblingspianist Marc-André Hamelin hat hier eine besondere Begabung, musikalische Schätze zu heben) und besorge mir dann die Noten – um dann häufig festzustellen: Viel zu schwer.

Aber die Mühe war es häufig wert, denn ich bekomme einen Eindruck davon, wie viel Arbeit in der Erarbeitung eines Klavierstücks als Pianist stecken kann. Musik ist für mich nicht nur ein passives Zuhören, sondern ein aktives Tun: Manchmal zur Bewältigung von Stress, manchmal meditativ, manchmal als Hilfe beim Nachdenken, oder als Mittel, von allem Ärger abzuschalten. Musizieren entschleunigt. Es hat eine spirituelle Dimension. Es hat etwas Subversives. Musizieren zeigt an: Die Wirtschaft, das Geld, der Markt sind nicht alles. In der Musik entdecken wir manchmal das Humanum und einen Funken des Göttlichen. Manchmal denke ich mir: Wo finden Menschen dies, die die Musik nicht kennen? Waren unsere Vorfahren mit ihrer Hausmusik nicht ein wenig klüger als wir?

Ich denke weiterhin über die Frage nach, werde aber in der Zwischenzeit ein wenig Musik machen. Der große Foliant steht auf dem Notenpult. Und ich werde jetzt etwas aus einer Wagner-Oper spielen und lauthals dazu singen. Wem das nicht passt, der möge die Fenster schließen.

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