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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Im Netz der selbsternannten Experten: Warum wir alle ein bisschen Arzt, Anwalt und Bundestrainer sind.

Ich hab‘ das gegoogelt

Ein Freund von mir, Arzt von Beruf, hat mir neulich sein Leid geklagt. Immer mehr Patienten kämen zu ihm, hätten ihre Symptome gegoogelt und seien der Meinung, sie könnten deshalb fachlich mit dem Arzt auf Augenhöhe sprechen. „Ich habe fast zehn Jahre für meine Ausbildung gebraucht“, echauffierte sich mein Freund, „habe viel Erfahrung in meinem Spezialgebiet, und da googelt sich einer in zehn Minuten etwas zusammen und glaubt, mitreden zu können.“

Nun ist der mündige Patient ja eine gute Sache, aber da habe ich meinen Freund schon verstanden. Denn, einmal umgekehrt betrachtet: Würden Sie einem Arzt vertrauen, der seine Expertise eben erst gegoogelt hat? Nein? Also!

Nun ist das Mitreden-Wollen bei gesundem Halbwissen ziemlich weit verbreitet. Jeder Fußballtrainer, allen voran der Bundestrainer, kann davon ein Lied singen. Sei es die Politik, Erziehungsfragen, die Probleme der Landwirtschaft, Verbraucherschutz, historische Fragen, wirtschaftliche Zusammenhänge, die Entwicklung der Börsen: Es wächst die Bereitschaft, dies nicht ausschließlich den Experten zu überlassen.

Das ist zunächst einmal nicht schlecht und zeichnet eine dynamische Diskussionskultur aus. Google macht es möglich: Alle Informationen sind in Reichweite eines elektronischen Klicks. Was früher einmal Privileg der Experten war, ist nun durch das Internet demokratisiert, nämlich die Verfügbarkeit fachlicher Information.

Doch Vorsicht: Man kann in zu viel Information auch ertrinken. Es braucht immer einen Filter, der die wichtige und richtige von der unwichtigen und falschen Information trennt. Diesen Filter stellt das Internet nicht zur Verfügung. Alle Information ist dem Internet gleich wichtig und gleich bedeutend, auch wenn ausgeklügelte Algorithmen dafür sorgen, dass sich in der Darstellung der Suchergebnisse Präferenzen bilden. Damit ist aber nichts über die Relevanz oder gar die Richtigkeit der Information ausgesagt.

Um diese beurteilen zu können, bedarf es des gesunden Menschenverstands (um beispielsweise Satire von einer Tatsachenbehauptung zu trennen), oder des Fachwissens und der Erfahrung, um Informationen vernünftig zu bewerten.
Manchmal sind dann die Dinge auch anders, als sie auf den ersten Blick erscheinen.

Als Fan der Medizinserie „Dr. House“ weiß ich, von was ich spreche. Das ist in der Politik mitunter nicht anders. Oft klärt sich ein Sachverhalt erst nach mühsamer Nachfrage und dem Ausklammern von solchen Informationen, die von interessierter Seite zur Verfügung gestellt werden. Dazu muss man die Quellen kritisch lesen. Das wiederum braucht ein wenig Erfahrung.

Manche wissenschaftlich daherkommende Aussage ist in Wirklichkeit durch Interessen geleitet und eben nicht rein objektiv, wie man sich Wissenschaft manchmal vorstellt.

Ein Beispiel: Bei der Anhörung zum Thema Mindestlohn gab es Ökonomen, die die Behauptung aufgestellt haben, die Einführung eines Mindestlohns koste Arbeitsplätze. Es waren aber Prognosen, die auf ganz bestimmten Annahmen beruhten – die sich im Nachhinein als nicht zutreffend erwiesen haben. Andere Experten haben dies auch angesprochen: Man könne allenfalls eine Wirkung im Nachhinein untersuchen, aber nie vernünftig prognostizieren. Anders formuliert: Voraussagen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Das ist beim Wetter nicht anders als bei den Ökonomen.

Meinem Arztfreund habe ich geraten, er solle doch einmal bei schwierigen Google-Patienten eine vorbereitete Erklärung aus der Tasche ziehen und sagen: „Wir können das auch so machen, wie Sie es wollen. Dazu unterzeichnen Sie mir bitte diese Erklärung, dass Sie meine fachliche Meinung ignorieren und mich von jeglicher Haftung befreien.“

Ich bin mir sicher, das würde wirken – auch wenn es natürlich so nicht geht. Verantwortliches Handeln sieht nämlich anders aus. Auch in der Politik. Dafür könnte ich viele Beispiele nennen. Die muss ich aber erst einmal googeln.
 

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