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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Ein Lob der Ochsentour: Ohne sie wäre Demokratie nicht überlebensfähig.

Lob der Ochsentour

Kaum ein Begriff in der Politik ist schillernder, vielleicht auch anrüchiger (und damit wären schon zwei Sinnesorgane angesprochen) als der Begriff der Ochsentour. Gemeint ist, dass es Quereinsteiger in der Politik schwer haben, zumal in den großen Parteien; dass man mögliche Kandidaten für Führungsämter erprobt, bevor man ihnen Verantwortung überträgt. Doch Ochsentour ruft ein ganz anderes Bild hervor: Dass einer gebeutelten und unterdrückten Kreatur, die im Joch steht und mühsam etwas in Bewegung hält, schnaubend und immer mal versuchend, nach der Seite auszubrechen.

Gut, das war jetzt etwas poetisch-übertreibend. Den Ochsen in der Politik zwingt keiner, er macht es freiwillig. Das nennt sich dann Ehrenamt, und nicht deshalb, weil es besonders viel Ehre einbringt: Die Anzahl der Menschen, die einen für korrupt, doof, verkommen, unfähig oder unwissend hält und dies auch kundtut, steigt rapide an. Man tröstet sich damit, dass dies alles Nörgler seien, die nur meckern anstatt sich selbst einzubringen. Das ist richtig. Und es wird auch im weiteren Verlauf der Ochsentour richtig bleiben. Die Anzahl der Nörgler nimmt zu, und das gilt es auszuhalten.

Gleichzeitig steht man parteiintern unter Beobachtung. Abweichendes Verhalten wird ebenso wenig begrüßt wie mangelnde Präsenz in den Gremien oder bei öffentlichen Terminen. Die Erwartungshaltung ist hoch. Teamspiel ist gefragt, nicht das virtuose Spiel eines selbstverliebten Ballkünstlers. Politik, so heißt es dann, ist wie Fußball, nicht wie Golf. Es ist immer eine Mannschaftsleistung. Jeder Einzelne zählt, aber entscheidend ist das Mannschaftsergebnis und was der Einzelne dazu beitragen kann. Ein wenig wie in einem Sinfonieorchester. Es nutzt wenig, wenn der außergewöhnlich begabte Cellist eine virtuose Interpretation einer Beethoven-Sinfonie hinlegt, während alle anderen Mozart spielen. Das Orchester punktet zunächst als Ganzes, und erst dann jeder Einzelne. Und bitte fragen Sie mich nicht, wer in diesem Vergleich der Dirigent ist. Ich finde, die werden ohnehin überbewertet.

Politik zum Beruf machen zu können, setzt in einer Volkspartei in der Regel viele Jahre einer solchen Ochsentour voraus. Das ist grundsätzlich auch in Ordnung, mehr noch: Es ist notwendig. Es verhindert, dass gnadenlose Populisten durch einen Appell an die niedrigsten Instinkte des Menschen in politische Führungspositionen kommen können. Die Ochsentour soll garantieren, dass man das politische Spiel kennt und seine Regeln beherrscht. Aber auch, dass man die Fähigkeit hat, schwierige Entscheidungen zu treffen. „Ich muss wissen, ob einer notfalls bereit wäre, den roten Knopf zu drücken“, hat mir ein sehr erfahrener Kollege einmal gesagt. „Nicht aus Übermut, sondern im Wissen um die Konsequenzen.“

Nun haben wir in Deutschland keinen roten Knopf, aber der Sinn der Aussage war klar: Man will nicht den stromlinienförmigen Opportunisten (oder die Opportunistin), sondern jemanden, der für etwas einsteht. Das kann dann manchmal übrigens auch heißen, sich gegen die eigene Partei zu positionieren – wenn es gut begründet ist und nicht allzu oft vorkommt, dann ist das auch in Ordnung und kein Nachteil.

Das ist auch der Grund, warum Karrieren von Hörsaal in den Plenarsaal ungerne gesehen werden. Nichts erdet so sehr wie berufliche Erfahrung oder die Verantwortung für eine Familie. Zudem weiß man dann auch, was man zu verlieren hat. Schneidige Entscheidungsfreude mag in einigen Fällen eine Tugend sein, in der Politik ist sie es nicht. Das alte lateinische Wort „respice finem“ – bedenke das Ende (besser: die Konsequenzen) – gilt gerade für die Politik. Zocker haben hier nichts verloren. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Diese Personalauswahl ist nichts anderes als das, was große Firmen ebenfalls tun: Den eigenen Nachwuchs für Führungspositionen ausbilden und aussuchen. Nur gilt es dort als nicht anrüchig, sondern als selbstverständlich. Schließlich vertraut man keinem Management, das keine Erfahrung hat. Was nicht immer heißt, dass ein Management mit Erfahrung alles richtig macht – aber Erfahrung ist schon ein wichtiger Indikator für die Erwartungen, die man an Führung haben kann.

Das gilt auch für die Politik. Wenn Parteien ihre Aufgabe ernst nehmen, bei der politischen Willensbildung auch durch die Auswahl von Führungspersonal mitwirken zu wollen, ist die Bewährung in Verantwortung unverzichtbar. Aber nur in der Politik wird das als „Ochsentour“ geringgeschätzt. Ich meine hingegen: Es ist eine Zusatzausbildung. Die Bereitschaft, sich dies neben Beruf und Familie „anzutun“, zeichnet den Bürger aus. Eine Demokatie ohne ein solches Engagement wäre auf Dauer nicht überlebensfähig.

 

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