Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Eine haarige Angelegenheit: Was in Frankreich niemanden schert, würde in Deutschland Volkszorn hervorrufen...

Eine haarige Angelegenheit

Der französische Präsident, so hat es der Elysee-Palast unlängst bestätigt, hat einen fest angestellten Frisör, dem er über 9000 Euro im Monat bezahlt. Nicht er zahlt persönlich, sondern die Staatskasse.

Was in Deutschland zu Eruptionen des Volkszorns führen würde, scheint man in Frankreich eher achselzuckend zur Kenntnis zu nehmen. Allenfalls wird bemängelt, der Haarschnitt des Präsidenten sehe nicht nach einem Vollzeitjob aus, aber das sind kleinliche Nörgler, die nichts von der Repräsentation der grande nation verstehen. In Frankreich ist alles Repräsentation. Besser noch: In Frankreich ist Repräsentation alles.

In Deutschland hingegen scheint man zu erwarten, dass Frau Schadt der wallenden Kopfmähne des Bundespräsidenten am besten noch eigenhändig mit einem Frisierset zu Leibe rückt. Undenkbar, auch nur auf Staatskosten frisiert zu werden. Soll er entweder selber machen oder selber bezahlen.

Diese durchaus deutsche Kleinlichkeit hat Geschichte. Als der damalige saarländische Ministerpräsident Lafontaine einen Spitzenkoch in der Landesvertretung des Saarlands in Berlin einstellte, war die Empörung groß. Nun muss man Lafontaine nicht mögen und auch nicht seinen durchaus vorhandenen Hang zum guten Leben, aber ich fand das einen guten Schachzug. Liebe geht durch den Magen, und wenn Investoren bei einem guten saarländischen Essen ihre Liebe zu dem Bundesland entdecken, warum nicht?

Auch so mancher politische Konflikt verdaut sich besser bei einem guten Essen. Es sind die Asketen, mit denen man nicht gut Kirschen essen kann, auch im übertragenen Sinn.

Aber zurück zu den Haaren des Präsidenten. Anders als ein französischer oder amerikanischer Präsident (die ja auch noch Exekutivgewalt haben), muss ein deutsches Staatsoberhaupt unprätentiös sein. Kumpelhaft wäre auch schön, so wie Johannes Rau. Volkstümlich wie der singende Walter Scheel, auch wenn er als Altbundespräsident durch Luxuseskapaden ins Gerede kam, die er sich im Amt nie geleistet hätte. Oder wandern muss er wie weiland Karl Carstens.

Undenkbar, sich Francois Hollande in Wanderkleidung auf verschlungenen Pfaden in der französischen Provinz vorzustellen, noch dazu in permanenter Begleitung eines Frisörs.

Das ist ein wenig das preußisch-protestantische Erbe. Die Bayern (die ja überdies katholisch waren), waren da unbefangener. Zwar wurde Ludwig II. wegen seiner sagenhaften Verschwendungssucht unter Kuratel gestellt, aber angeben kann man heute mit Neuschwanstein und Bayreuth schon ganz gut. Und bei den katholischen Habsburgern ging's zwar sittenstreng zu, aber sehr repräsentativ.

Die Preußen hingegen schätzen heute noch die abgewetzte Uniformjacke von Friedrich II. und seinen Hang zum Understatement. Preußen, das ist immer ein wenig Biedermeier. Das wuchtige Barock oder das verspielte Rokoko passen hier nicht so recht ins Selbstbild. „Wir müssen nicht repräsentieren, wir sind was“! – so könnte die Botschaft lauten. Das Repräsentative erwächst aus der gefestigten Innerlichkeit, nicht dem äußeren Glanz. Deswegen ist das Staatsoberhaupt in Deutschland in der friderizianischen Tradition eher der erste Diener des Staates. In Frankreich wäre das undenkbar: „Der Staat bin ich“, dieser selbstbewusste Ausruf Ludwig XIV. prägt – bis in die Haarspitzen, möchte man lästernd anmerken – Art und Selbstverständnis der dortigen Repräsentation. Ein Monarch aber, der hatte seine eigene Dienerschaft, Köche inklusive, und eben auch: Einen Coiffeur. Diese Tradition verpflichtet – selbst dann, wenn Aufwand und Ertrag in keinem erkennbaren Verhältnis zueinander stehen.

Der Luxus der Repräsentation liegt darin, keinerlei unmittelbare Nützlichkeit zu haben, für sich selbst zu stehen. Zu diesem Mut zum Luxus beneide ich unseren Nachbarn manchmal. Bei uns ist alles effizient, „down to business“, irgendwie praktisch, ohne Verzierung, direkt. Nichts ist verspielt, überhöht, nichts ist pompös, wenig durchsetzt von formaler Würde. Das ist aber eine andere Geschichte.

Wenn ich persönlich gefragt würde: Ich würde einen Koch einem Friseur durchaus vorziehen.
 

Zur Startseite Mehr aus Matthias Zimmer - Am Rande der Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse