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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Tipps für Politik-Einsteiger. Heute: Von der Kunst, Journalisten-Fragen nicht zu beantworten - dafür aber ausführlich!

Fragen und Antworten

Muss ein Politiker eigentlich Fragen von Journalisten konkret und sachbezogen beantworten, also auf ein spezifisches Auskunftsbegehren (nichts anderes sind Fragen) mit einer ebenso spezifischen Auskunft reagieren? Die Antwort ist ein klares „Nein“. Die Frage eines Journalisten ist für einen Politiker lediglich Aufforderung zu einer Antwort, aber nicht notwendig zu einer, die inhaltlich auf die Frage eingeht.

Journalisten fragen nicht, um die Öffentlichkeit aufzuklären. Sie stellen Fragen, um deutlich zu machen, dass sie gut informiert, klug und allemal besser sind als der Politiker. Politiker wiederum betrachten Journalisten als Stichwortgeber für das, was sie ohnehin sagen wollen. Nicht mehr und nicht weniger. Wie aber funktioniert das?

Einige Ratschläge also für angehende Politiker, die noch nicht so „journalistenfest“ sind:

Nehmen wir an, ein Journalist stellt eine konkrete Frage. Dann können Sie als Politiker die Frage souverän ignorieren und das erzählen, was Sie ohnehin erzählen wollen. Es muss aber einen sachlichen Zusammenhang mit der Frage haben. Wenn der Journalist also über ein außenpolitisches Thema fragt und Sie antworten mit einer Ausführung über die Entgeltungleichheit von Mann und Frau, ist das ungeschickt, es sei denn, beide Themen lassen sich miteinander verknüpfen.

Wenn der Journalist aber über die Konflikte innerhalb der Nato fragt und sie mit Ausführungen darüber antworten, wie gut die deutsch-französischen Beziehungen sind, ist das in Ordnung. Es merkt kaum jemand. In der Regel hat das Publikum die Frage schneller vergessen als Sie antworten können, also machen Sie sich darüber keine Gedanken.

Nun sind manche Journalisten hartnäckig und bemängeln an Ihrer Antwort, sie habe die Frage nicht beantwortet. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Sie können als Politiker dann rotzig werden und den Journalisten darauf hinweisen, dass Sie sich nicht vorschreiben ließen – und schon gar nicht von einem Journalisten – wie Sie Fragen zu beantworten gedenken. Oder Sie schauen dem Journalisten tief in die Augen und antworten: „Wenn Sie so tief im Thema drinsteckten wie es nötig wäre, dann wüssten Sie sehr wohl, dass damit die Frage beantwortet ist.“

Im ersten Fall haben Sie sich als unabhängiger Geist profiliert, im zweiten Fall als Eingeweihter. Beides ist nicht schlecht.

Sollte der Journalist aber trotzdem noch einmal nachfragen – und diese Penetranz haben einige Kollegen aus der schreibenden Zunft –, dann haben Sie zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit: Sie ziehen sich auf den Standpunkt zurück, Sie hätten diese Frage bereits beantwortet und sagen dies bzw. wiederholen stattdessen mit ernstem Gesicht ihre erste Antwort. Ersteres mag ein wenig schroff sein, aber manche Journalisten arbeiten ebenso, also keine falsche Scham.

Die zweite Variante ist eher für schauspielerisch begabte Politiker geeignet, die einem Journalisten bei der bloßen Wiederholung einen mitleidsvollen Blick zuwerfen können wie etwa der geduldige Pädagoge bei der erneuten Erklärung der binomischen Formeln. Einige brauchen halt etwas länger.

Die zweite Möglichkeit: Sie sagen: „Ich glaube, die eigentliche Frage ist…“, formulieren die Frage in Ihrem Sinn und wiederholen dann die erste Antwort. Das ist nur für fortgeschrittene Öffentlichkeitsarbeiter in der Politik geeignet, weil man so manipulativ die Frage stellen muss, dass die Antwort genau darauf passt.

Andererseits, wie oben schon beschrieben: In der Regel hat das Publikum eine Frage schneller vergessen, als Sie darauf antworten können, also machen Sie es lediglich, um dem Journalisten zu zeigen, wie er eigentlich, wäre er ein guter Journalist, seine Arbeit hätte machen müssen. Deswegen brauchen Sie kein schlechtes Gewissen zu haben. Journalisten stellen in der Regel ihre Fragen, um Ihnen zu zeigen, dass sie eigentlich die besseren Politiker wären. Ein kleines Revanchefoul ist da schon ganz in Ordnung.

Eine weitere Möglichkeit, einer unangenehmen Frage aus dem Weg zu gehen, ist der Verweis auf die höhere Autorität. Nehmen wir an, ein Journalist fragt Sie, wie Sie die jüngsten Streitigkeiten in der Nato beurteilen. Dann könnten Sie sich elegant aus der Affäre ziehen, indem Sie darauf hinweisen, dazu hätte die Bundeskanzlerin schon das Nötige gesagt, Sie müssten es nicht wiederholen.

Nun sollten Sie sicher sein, dass die Bundeskanzlerin etwas dazu gesagt hat, und sei es auch nur in der Vertraulichkeit der Fraktionssitzung, sonst kann dies böse enden. Hat sie aber etwas gesagt, wird ein guter Journalist dann verständnisvoll nicken, denn er will sich nicht die Blöße geben, bei Ihnen nachzufragen, was die Kanzlerin denn gesagt hat. Und damit wären Sie aus dem Schneider, weil Journalisten ja unter Beweis stellen wollen, dass sie besser sind als Sie. Allzu oft sollte man das allerdings nicht machen. Wenn Sie sich zu häufig auf die höhere Autorität berufen traut man Ihnen am Ende vielleicht gar keine eigene Meinung mehr zu.

Die biblische Variante – „Deine Rede sei „ja, ja, nein, nein“ (Matthäus 5:37) – empfiehlt sich nur in Ausnahmefällen. Zumal man sich bei einem nicht wohlmeinenden Journalisten (und fast alle Politiker gehen davon aus, dass es keine anderen gibt) damit ganz schnell sein eigenes Grab schaufelt. Willy Brandt hat es einmal in einem Interview mit Friedrich Nowottny vorgemacht, aber erstens hatte Nowottny Humor und zweitens auch Fragen gestellt, die sich mit dem biblischen Anspruch beantworten ließen.

Eine letzte erwähnenswerte Variante ist die Durchkreuzung der Antwort durch Nichtwissen. Eine Wissenslücke zu offenbaren ist entwaffnend, weil nur böswillige Mitmenschen dann Nachfragen stellen. Und der Fragende kann auch nicht sicher sein, ob der Gesprächspartner wirklich eine Wissenslücke hat oder diese nur vortäuscht, um nicht antworten zu müssen.

Aber auch hier ist Vorsicht angebracht: Erstens kann man das nicht zu oft machen, will man nicht als kompletter Idiot dastehen, mit dem sich ein Interview nicht lohnt. Dann gilt: Ein Politiker, für den sich die Journalisten nicht interessieren, findet in der Öffentlichkeit auch nicht statt. Zweitens kann man nicht jeder Frage durch die Behauptung des Nichtwissens aus dem Weg gehen, zumal dann, wenn man nach Einschätzungen oder politischen Beurteilungen gefragt wird oder es sich um Fragen dreht, die gerade in der Öffentlichkeit leidenschaftlich debattiert werden. Hier Nichtwissen vorzugeben, kommt nur dann in Frage, wenn man glaubhaft versichern kann, man sei gerade erst von einem längeren Aufenthalt in der Wildnis zurückgekehrt.

Woher ich das alles weiß, fragen Sie? Ach wissen Sie, fragen Sie nicht…

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