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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von In der Welt der Pessimisten: Oder was rote Ampeln und Pech am Fußballschuh mit der Bundeskanzlerin zu tun haben...

Das ARA-Phänomen
 
Kennen Sie das Phänomen auch? Man hat es eilig, aber alle Ampeln haben sich gegen einen verschworen. Jede verdammte Ampel ist rot. Muss denn die Stadt ihre erzieherischen Maßnahmen ausgerechnet hier austoben? Das kann doch nur Absicht sein, um dem Bürger das Autofahren zu vermiesen!

Ich will nicht leugnen, dass es in manchen Städten durchaus solche Gedankengänge gibt. Doch häufig werden wir Opfer eines psychologischen Phänomens, das ich hier und jetzt als das ARA-Phänomen definiere: Allgegenwart roter Ampeln.

Das ARA-Phänomen begegnet uns in anderen Lebensbereichen ebenso. Das Gemeinsame ist die Kumulation negativer Erfahrungen. Beispiele gefällig? Wenn immer wieder die Züge, mit denen ich fahre, Verspätung haben; wenn die Fachzeitschrift, die ich bei meinem Zeitungshändler kaufen will, immer ausverkauft ist; oder wenn meine Freundin Ilse immer auf die falschen Männer reinfällt.

Das ARA-Phänomen ist verwandt mit Murphys Gesetz, nach dem bekanntlich ein gebuttertes Toaststück immer auf die Butterseite fällt; aber Murphys Gesetz in seiner allgemeinen Formulierung („alles, was schiefgehen kann, geht schief“) ist sehr viel breiter anwendbar.

Das ARA-Phänomen ist also eine Kumulation negativer Erfahrungen. Es ist mir schon häufig passiert, dass ich nach Hause gefahren bin, ohne überhaupt eine rote Ampel gesehen zu haben. Auf die Idee, benevolente Verkehrsplaner hätten dies vorsätzlich getan, bin ich nie gekommen. Und auch mit dem Zugfahren muss ich nach einigem Nachdenken gestehen: Dass ein Zug pünktlich war, ist mir weitaus häufiger passiert als eine Verspätung.

Sie ahnen, worauf ich hinauswill: Positive Erfahrungen werden in unserer Wahrnehmung als nicht kumulativ verbucht, negative schon. Der Fußballer Andreas Brehme hat dies einmal mit dem eingängigen Spruch zusammengefasst: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.“

Damit kommen wir zur Politik, und nicht nur deshalb, weil die Bundeskanzlerin diesen Sinnspruch von Brehme einmal zitiert hat. Hier ist das ARA-Phänomen besonders ausgeprägt. Es ist ein sich selbst verstärkendes Vorurteil. Haben zwei oder drei in die eigene Tasche gewirtschaftet, macht das ARA-Phänomen daraus: Alle Politiker wirtschaften in die eigene Tasche. Fehlen einige bei Abstimmungen, heißt es: Alle Politiker sind faul. Die Reihe ließe sich fortsetzen.

Gefährlich wird es, wenn aus einzelnen Misserfolgen oder der Wahrnehmung davon die generelle Erwartung von Misserfolgen wird. Das passiert gerade der Bundeskanzlerin. Bis vor einem Jahr war sie noch völlig unangefochten. In der Flüchtlingskrise hatte es den Anschein, als sei ihr das Problem entglitten. Nun kann sie machen, was sie will: Es wird schon zerredet und verrissen, bevor es überhaupt umgesetzt ist.

Das ist in der Politik bekannt unter dem Begriff des umgekehrten Midas-Effektes, benannt nach dem sagenhaften phrygischen König, der alles, was er anfasste, zu Gold machte. Der SPD unter Sigmar Gabriel geht es ähnlich. Sie kann manchen, was sie will: Zu Gold (Wählerstimmen) wird nichts, im Gegenteil. Das ARA-Phänomen ist wie ein tiefes, sich immer tiefer grabendes Loch. Oder eben wie die sprichwörtliche brehme’sche Beschwernis am Fuß.

Ich habe selbst für das ARA-Phänomen immer ein gutes Beispiel parat gehabt. Ich hatte immer eine „Fünf“ in Mathe, egal was ich gemacht habe. Bis ich neulich alte Klassenarbeiten gefunden habe. Da waren einige „mangelhaft“ darunter, auch ein „ungenügend“, aber zu meiner völligen Verblüffung eine Reihe wirklich guter Noten. Über die habe ich mich im Nachhinein wirklich gefreut (vermutlich damals auch). Und bin ein wenig ins Nachdenken gekommen: Könnte es sein, dass wir uns wegen des ARA-Phänomens zu wenig über die schönen, wertvollen, gelungenen Momente freuen?

Das ARA-Phänomen ist die Alltagsphilosophie der Pessimisten. Sie haben es nicht besser verdient. Und, wenn ich etwas genauer hinschaue und es bedenke: Ilses letzter Freund war ein wirklich anständiger, liebenswürdiger Kerl.

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