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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Lückenpresse! Ein starkes Buch zeigt die Schwächen des Mainstream-Journalismus auf.

Lückenpresse

Nein, bitte jetzt nicht bei der Überschrift erschrecken: Keine Ressentiments, nur der Bericht über ein lesenswertes Buch mit eben jenem Titel. Und damit auch gleich eines klar ist: Ich kenne den Autor seit unseren gemeinsamen Studientagen. Wir sind seither befreundet, und er hat eine Reihe von Büchern geschrieben, die ich mal einfach nur toll fand, die mich mal nachdenklich stimmten, die ich mal einfach nur gerne gelesen habe. Dieses jetzt im Westend Verlag von Ulrich Teusch erschienene Buch macht mich nachdenklich.

Ulrich Teusch, Lückenpresse. Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten. Frankfurt am Main: Westend Verlag 2016.

Es ist kein akademisches Buch, sondern ein engagiertes, kämpferisches. Ich habe es an einem Nachmittag runtergelesen. Nun weiß ich, dass mein Freund sich schon in seinen Studientagen einen kritischen, an Karl Kraus geschulten Blick auf die Medien erarbeitet hat. Kraus, der große Spötter, hatte die Sprachanalyse zum Mittel der Kritik am Journalismus seiner Zeit gemacht. In der Zeit von 1900 bis in die dreißiger Jahre hinein war er in Wien eine Institution. Die „Journaille“ – eine Wortprägung, die Karl Kraus zwar nicht erfunden, aber berühmt gemacht hat – lieferte Kraus immer wieder Anschauungsmaterial für seine Angriffe. Ironie des Schicksals war, dass die Nazis dann selbst den Begriff der Journaille für ihre finsteren Machenschaften nutzten.

Dies sei vorweggeschickt, weil das, was Teusch mit der „Lückenpresse“ meint, nichts zu tun hat mit der von braunen Schwätzern beschworenen „Lügenpresse“. Gleichwohl, vor Beifall von der falschen Seite ist man ebenso wenig gefeit wie vor vorschnellen Urteilen.

Bei der Lückenpresse geht es um die Bedingungen des guten Journalismus. Recherche, abwägendes Urteil, einen Sachverhalt eben auch von allen Seiten beleuchten. Dieser gute Journalismus sei, so Teusch, zwar weiterhin zu finden, aber eben nicht mehr im publizistischen mainstream.

Das ist eine starke und begründungsbedürftige These. Sie kann mit drei Beobachtungen untermauert werden: Wichtige Nachrichten finden ihren Weg nicht in die mainstream-Medien, ob bewusst oder unbewusst. Zweitens: Nachrichten werden in bestimmter Weise gewichtet. Und drittens: es gibt doppelte Standards der Berichterstattung. Das ist zu einem großen Teil strukturell bedingt: Neben der Informationsflut (und damit der Notwendigkeit der Auswahl) spielen hoher Zeitdruck sowie die Nähe zu staatlichen oder wirtschaftlichen Interessen laut Teusch hier eine zentrale Rolle.

Das ist nicht nur gut beobachtet, sondern auch bedenklich. Ob aber, wie der Autor vorschlägt, eine Vergesellschaftung der Medien der Weisheit letzter Schluss ist, da bin ich mir nicht sicher. Sicherlich, den Nachrichtenwelten der privaten Fernsehanbieter schenke ich wenig Glauben. Das Vordergründige ist hier das Geschäft, nicht die gut recherchierte Information. Und bei den Öffentlich-Rechtlichen scheint mir manchmal die Neigung zu überwiegen, möglichst klug anzumoderieren und damit zum Teil schon den Nachrichten einen „spin“ zu geben. Aber immer noch finde ich die öffentlich-rechtliche Medienwelt verlässlicher als die private.

Und das Internet? Das hat aus meiner Sicht die Kommunikation von Inhalten eher erschwert. Wo zu viele Informationen sind, braucht es schon ein wenig Übung, die Perlen von den bloßen Schweißperlen zu trennen.

Aus meiner Sicht wäre es besser, den öffentlichen Rundfunkanstalten mehr Freiraum zu geben. Großartige Querdenker wie etwa Peter Scholl-Latour konnten nur in einem solchen Medium groß werden. Oder, wenn ich an Journalisten meiner Jugendzeit denke wie Franz Alt und Gerhard Löwenthal: Kontrovers, sicherlich, aber in einem privaten Rundfunkumfeld wären sie undenkbar gewesen.

Ich wünsche mir, dass die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten die Krise der Medien als Chance für einen guten Journalismus begreifen. Allerdings: Wenn jetzt schon der bayerische Ministerpräsident ARD und ZDF zusammenlegen will, würde die Entwicklung in die andere Richtung gehen: Mehr politischer Einfluss. Nicht nur deswegen wünsche ich dem Buch von Ulrich Teusch viele Leser – bei angehenden und aktiven Journalisten, aber auch und gerade bei den politischen Entscheidungsträgern!
 

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