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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Nicht nur die Grünen sind in der Mitte angekommen, sondern auch ihre Themen. Manchen wurmt's, mich freut's.

Die Hoffnung war mal grün

In den achtziger Jahren schien Frankfurt, von außen betrachtet, eine seltsame Mischung aus Kapitalismus in Reinkultur und einer bunten, diffusen alternativen Szene auf den Trümmern der Studentenbewegung und der kritischen Theorie. Wenn irgendwo der Spruch von den Städten als Laboratorien der Moderne zutraf, dann in Frankfurt.

Berlin war geteilt und irgendwie sowieso anders, Hamburg zu großbürgerlich, in München wohnten die Busserlhedonisten, in Köln herrschte permanent der Karneval, und in Düsseldorf nur das Geld.

Frankfurt konnte mit einigem Anrecht behaupten, dass hier die Zukunftsfragen der bundesdeutschen Gesellschaft verhandelt würden. So war Frankfurt in vielerlei Hinsicht ein Brennpunkt in den siebziger und achtziger Jahren.

Ältere, szeneaffine Menschen kriegen noch heute diesen verklärten Blick: Adorno! Kritische Theorie! Joschka! Cohn-Bendit! Die Spontis! Und natürlich die Ditfurth. Alles längst schon Stoff für urbane Legenden, für die Mythen des Widerstands und die praktische Widerlegung der Adorno'schen Kalenderblattweisheit, es gebe kein richtiges Leben im falschen. Hier wurde es gelebt, praktiziert, gedacht, das richtige Leben. Hier waberte der Urschleim der Bionadebourgeoisie.

Aus der damaligen Aufbruchsstimmung ist längst die Verklärung der Anfänge geworden. Und diese Anfänge lässt der FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert in seinem lesenswerten Buch noch einmal Revue passieren:

Claus-Jürgen Göpfert, Die Hoffnung war mal grün. Aufstieg einer Partei – Das Frankfurter Modell. Frankfurt am Main: Westend Verlag 2016.

Ausgangspunkt sind die späten sechziger Jahre, das Ende der Studentenrevolution; Schlusspunkt der Darstellung sind die gescheiterten rotgrünen Koalitionen in Frankfurt und Wiesbaden. Dazwischen liegen 20 bewegte Jahre. Unsere Helden sind noch jung, kommen nach Frankfurt, werden hineingezogen in die alternative Szene der siebziger Jahre. Die Themen sind brisant: Abgrenzung zur RAF, Frauenbewegung, Atomkraft, Friedensbewegung.

Aber auch die lokalen Themen treiben die Erregungskurve nach oben: Häuserkampf im Westend, autogerechte Stadt, Tarifpreiserhöhungen der Verkehrsbetriebe, Startbahn West. Frankfurt brodelte. Die Grünen organisierten sich als eine politische Kraft, die zu Wahlen antritt. Nicht jeder war davon begeistert. Fischer und Cohn-Bendit werden erst Mitglieder, als der Erfolg des Projekts sicher scheint. Gegen den dominierenden radikalökologischen Flügel um Jutta Ditfurth organisieren sie die Machtübernahme durch die „Realos“, werden schließlich Koalitionspartner im hessischen Landtag, später im Frankfurter Römer. Berührungspunkte mit der SPD gibt es, aber auch Reibungspunkte; der rechte Flügel der SPD wird mit den unkonventionellen Grünen weder vom Stil noch von den Inhalten warm. Mit dem Ende der Koalition im Römer nach der gescheiterten Verlängerung einer grünen Dezernentin 1995 endet die Erzählung.

Enden? Nicht ganz. Göpfert fügt noch ein Interview mit Daniel Cohn-Bendit hinzu und ein Kapitel über die „neuen Grünen“ und ihre Lage im Jahr 2016. Hier verlässt der Autor den gesicherten Unterstand des historischen Narrativs. Er macht deutlich, warum für ihn eine mögliche Koalition der Grünen mit der CDU auf Bundesebene so etwas wäre wie der „letzte Tabubruch“, eine Art Besiegelung der Verbürgerlichung einer einstmals kreativen, innovativen Bewegung mit großen Talenten. Wehmut wird spürbar, ja eine traurige Melancholie, wie sehr eine große Hoffnung zum System werden konnte. Der Autor, so scheint es, fühlt sich in den eigenen Erwartungen enttäuscht. Aber es ist eine Enttäuschung, an der auch die SPD einen großen Teil der Schuld trägt. Das doppelte Scheitern von Rotgrün in Wiesbaden und Frankfurt war kein Ruhmesblatt für die politischen Umgangsformen der Sozialdemokratie. Das wirkt bis heute nach.

Göpferts Buch ist flott geschrieben, mit viel Sympathie, aber auch mit dem Blick des Journalisten, der all diese Entwicklungen schreibend begleitet hat. Er hat viele der Beteiligten interviewt; ihre heutige Sicht fließt immer wieder in die Rückschau ein. Es entsteht ein buntes Panoptikum einer Entwicklung, in der es heftig menschelt, die aber auch geprägt ist von gegenseitigem Unverständnis.

Wer hingegen heute die programmatischen Forderungen der Grünen aus der Gründungszeit liest und mit der Situation 2016 vergleicht, kann so manche emotionale Aufwallung nicht mehr verstehen. Das zeigt, wie sehr auch andere Parteien auf die Agenda der Grünen eingegangen sind; die Zeiten haben sich geändert. Nicht nur die Grünen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, sondern auch ihre Themen. Ob das den Autor tröstet, mag dahingestellt bleiben; der Rezensent sieht es jedenfalls mit klammheimlicher Freude.
 

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