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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Humboldt hatte Recht: Nichts ist schlimmer als die Weltanschauung von Menschen, die die Welt nicht angeschaut haben.

Wenn einer eine Reise tut

Reisen bildet, heißt es, und aus dieser Erkenntnis stammt auch die Weisheit – von Alexander von Humboldt formuliert –, nichts sei schlimmer als die Weltanschauung derer, die sich die Welt nicht angeschaut hätten.

Kurz und gut, ich war auf einer jener dienstlichen Reisen, die sich dadurch auszeichnen, dass man einen vollen Terminkalender hat mit vielen Gesprächen und Begegnungen, um dann nach knapp einer Woche mit Eindrücken abgefüllt wieder zu Hause zu landen. Dieses Mal war auch ein Journalist dabei, vom Spiegel, weniger meinetwegen als wegen der Kollegin Claudia Roth, die als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages diese Reise vorbereitet und Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fraktionen auch dazu eingeladen hatte.

Es ging nach Saudi Arabien; im Mittelpunkt sollten Menschenrechte stehen, die Rolle der Frauen und die regionale Sicherheit. Claudia Roth hatte schon mehrmals einen Anlauf unternommen, Saudi Arabien zu besuchen, aber die Reise war erst jetzt zustande gekommen. So weit, so gut.

Natürlich wollen sich die Gastgeber bei einer solchen Reise von ihrer besten Seite zeigen. Deswegen ist man gut beraten, nicht nur mit Offiziellen zu sprechen, sondern auch mit Menschen, die einen kritischen Blick auf die Lebenswirklichkeit in ihrem Land haben. Das wird man, gerade in eher autoritär strukturierten Gesellschaften, aus naheliegenden Gründen aber nicht an die große Glocke hängen. Ebenso wenig wird man, setzt man sich für konkrete Anliegen ein, die die Menschenrechte betreffen, darüber nicht in aller Ausführlichkeit berichten. Der Marktplatz eignet sich nicht für jedes Thema, gerade dann, wenn es sensibler Natur ist. Schließlich will man denjenigen, für die man sich einsetzt, helfen und sich nicht auf ihre Kosten profilieren.

Als ich nach meiner Rückkehr den Artikel des Kollegen vom Spiegel über unsere Reise dann in die Hand bekam, war ich doch etwas betrübt. Keine Rede von den Ambivalenzen des Landes, von den unterschiedlichsten Kräften, die dort wirken, von der Aufbruchsstimmung, die wir dort ebenso gespürt haben wie die Angst vor einer Wiederholung des arabischen Frühlings und der damit einhergehenden Destabilisierung.

Nein, ein einfach gestrickter Artikel nach dem Motto: Menschenrechtsaktivistin und Frauenrechtlerin trifft in Saudi Arabien auf Frauen, die überhaupt nicht gleichberechtigt sein wollen und wird Opfer einer PR-Kampagne der Saudis. Nun ist Claudia Roth eine bekannte Politikerin, auch eine, die polarisiert; deshalb war der Fokus auf ihre Person nicht überraschend. Aber dass ein Journalist so gründlich die Chance vergeigt, die Eindrücke über das Land in einen Zusammenhang zu bringen und darüber zu berichten, fand ich schon schade.

Wie man es besser machen kann, hat dann der Economist gezeigt, der in der gleichen Woche einen faktenreichen und informativen Artikel über die Wirtschaftsreformen in Saudi Arabien im Blatt hatte.

Nun muss ich etwas gestehen: Ich wollte früher selbst einmal Journalist werden und weiß, eine Story braucht einen guten Aufhänger und muss sich verkaufen können. Abgewogenheit ist etwas für Wissenschaftler, Leute also, die keinen interessanten Text schreiben können. Könnten sie es, würden ja die wissenschaftlichen Zeitschriften eine ähnlich hohe Auflage haben wie der Spiegel.

Ein gutes Argument; aber es unterstellt eben auch, man könne über schwierige und komplexe Themen nicht auch umfassend und abgewogen berichten. Das allerdings glaube ich nicht. Man kann den Lesern durchaus auch etwas zutrauen.

Eine zweite Beobachtung habe ich dann in den sozialen Netzwerken gemacht. Meine kurzen Hinweise auf die Reise wurden mit allerlei Kommentaren darüber bedacht, wie es in Saudi Arabien wirklich zugeht. Und die Kommentarseite des Spiegel-Artikels war, neben den offenbar unvermeidbaren Invektiven gegen Claudia Roth, ebenfalls damit gespickt. Ich vermute einmal: Von Menschen, die in ihrem Leben noch nie dort waren und bestenfalls angelesenes Halbwissen von sich gaben.

Wenn also einer eine Reise tut, dann kann er einiges erzählen – nämlich darüber, wie es andere schon immer besser wussten. Und spätestens da ist mir die Weisheit des eingangs zitierten Spruchs von Alexander von Humboldt vollends deutlich geworden.
 
 
 
 
 

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