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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Die Wippe ist allemal besser als ein Reiterstandbild von Helmut Kohl: Warum uns das Einheitsdenkmal zu denken geben sollte.

Ich bekenne mich hier einmal öffentlich: Das neue geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin zur Erinnerung an die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung finde ich ziemlich scheußlich. Eine überdimensionierte Wippe mit dem Namen „Bürger in Bewegung“ soll gestalterisch darstellen, dass sich die Dinge neigen, wenn die Menschen sich nur zu gemeinsamer Aktion entschließen. Also eine Art Monument volkspädagogischer Belustigung, typisch für Deutschland, in der ein Denkmal immer auch eine „message“ haben soll.

Aber was ist die Alternative? Berlin steht ja mit vielerlei Denkmälern, Mahnmalen und sonstigen Erinnerungsobjekten voll, da kann man schon beinahe ein wenig den Geschmack unterschiedlicher Zeitalter ablesen.

Dem Personenkult huldigen wir heute nicht mehr. Das war noch im 19. Jahrhundert ganz schick. Immer, wenn ich vom Reichstag in meine Wohnung an der Siegessäule vorbeifahre, stehen zu rechten Hand die Denkmäler für Moltke und Roon. Mit ernstem Gesicht und in die Weite schauend stehen sie dort auf ihren Sockeln, stumme Triumphatoren der Einigungskriege. Das trifft ebenso wenig den heutigen Geschmack wie das Reiterstandbild von Friedrich dem Großen, das sich Unter den Linden befindet – und damit scheidet ein Einheitsdenkmal mit Helmut Kohl, hoch zu Ross, schon aus.

Hinzu kommt, dass man sich heutzutage mit figürlichen Darstellungen eher schwertut. Schon die Frage nach Büsten stößt eher auf unverständiges Kopfschütteln, anders als etwa im amerikanischen Kongress, wo man eine stattliche Sammlung bewundern kann – mit der höchstmöglichen Steigerung der in Stein gemeißelten Präsidenten am Mount Rushmore in Süddakota.

Eine kleine Galerie von Büsten etwa aller bisherigen Bundestagspräsidenten im Foyer des Reichstags – völlig undenkbar. Selbst die Bildergalerie der ehemaligen Kanzler im Kanzleramt gibt manchmal durchaus Rätsel auf; Helmut Kohl ließ gar das Brandt-Porträt von Georg Meistermann durch ein realistischer gemaltes ersetzen. Porträts heute sehen eben weniger auf die Äußerlichkeit als auf die Darstellung des Inneren, des Seelischen. Abstrakt geht es überwiegend auch bei der Kunst im Reichstag zu, was, wie Spötter sagen, ja auch ein getreuer Spiegel der Gesetzgebung ist.

Monumental wiederum das berühmte Denkmal für die ermordeten Juden Europas unweit vom Reichstag, das der amerikanische Architekt Peter Eisenmann entworfen hat. Es besteht aus 2711 unterschiedlich großen Stelen und scheint völlig darauf zu verzichten, auch nur symbolisch einen Bezug zum Anlass der Erinnerung herzustellen. Gerade deshalb „wirkt“ es aber und ist nicht umsonst einer der am meisten besuchten Gedenkplätze in Deutschland.

Ja, ich gebe zu: Es ist schwierig, öffentliche Gedenkkultur darzustellen. Zwischen dem bloß Peinlichen und dem überraschend Gelungenen ist manchmal nur ein schmaler Grat.

Mich selbst hat als Form öffentlichen Gedenkens am meisten ein Denkmal beeindruckt: das Vietnam Memorial in Washington. Es ist eine schlichte, halb in die Erde eingelassene riesige Tafel mit den eingravierten Namen aller 58.315 im Vietnamkrieg gefallenen oder vermissten Soldaten. Wer jemals gesehen hat, wie Menschen dort mit Papier und Bleistift die Namen ihrer gefallenen Väter, Brüder, Freunde oder Kameraden abpausen und mitnehmen, kann sich der Wucht dieser Gedenkstätte nur schwer entziehen. Eine solche Wucht wird das eingangs erwähnte Bürgerdenkmal wohl nicht bekommen. Manchmal ist weniger mehr.

Man mag mich jetzt für kitschig halten, doch ich halte die zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in der Neuen Wache in Berlin für besonders gelungen. Die vergrößerte Pietà von Käthe Kollwitz stellt unmittelbar und eindringlich den Bezug zu Leid und Trauer her. Ihre Botschaft ist universal und sie rührt an Emotionen. Aber auch sie war Gegenstand heftiger Kontroversen, als sie Anfang der neunziger Jahre geplant und gebaut wurde.

Öffentliche Erinnerungskultur ist eben nie unpolitisch, sondern schnell im Streit um die „richtige“ und angemessene Form der Repräsentation gefangen. Mit dem Streit hat sie einen Teil ihres Zwecks bereits erfüllt. Das unterscheidet sie von den vermutlich sehr unbestrittenen Reiterstandbildern unserer Vorfahren, die häufig mit großem patriotischen Hurra eingeweiht worden sind. Von ihnen ist nie ein Streit, ein demokratischer Diskurs ausgegangen, eine öffentliche Auseinandersetzung. Deswegen sagen sie uns auch heute nichts, sondern sind eher eine Form historischen Zierrats, keinesfalls aber das, was das Denkmal als Aufforderung ausdrückt: über etwas nachzudenken. Das neue Freiheits- und Einheitsdenkmal hat diese Bedingung schon erfüllt, bevor es gebaut worden ist. Und das ist schon ziemlich viel wert.

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