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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Politiker sein ist hart geworden: Nicht rauchen, nicht trinken, nicht... Wer Stimmen will, muss als Vorbild stimmen!

Gesundheitsvorbild
 
Ja, in der Politik ist man in vieler Weise Vorbild. Oder zumindest denkt man, man müsse es sein. Seit Helmut Schmidts Tod habe ich keinen rauchenden Politiker mehr gesehen. Obwohl ich aus erster Hand weiß: Der eine oder andere raucht. Aber man zeigt es nicht.

Kann man sich heute einen Typus wie Herbert Wehner vorstellen, der erst einmal versonnen an der Pfeife zieht, bevor er eine Frage beantwortet? Dabei ist es gar nicht einmal so lange her, dass der Spiegel eine Geschichte brachte unter dem Titel: "Kabinett im blauen Dunst" – im Jahr 2000 war das, als nicht nur der Kanzler der Cohiba frönte, sondern auch viele seiner Kabinettskollegen in unterschiedlichsten Varianten dem Tabak zu Leibe rückten. Und gefühlt auch nicht viel länger her ist es, dass die ARD unter Leitung des später politisch verfemten Werner Höfer an jedem Sonntag Journalisten zum Frühschoppen aufmarschieren ließ, um aktuelle politische Themen zu debattieren, zu Wein und Tabak.

Nun ist das öffentliche Schautrinken eine andere Kategorie als das Rauchen, aber wenn ich mir die heutige Nachfolgesendung von Höfers Frühschoppen so ansehe, muss ich feststellen: Früher war mehr Riesling. Und irgendwie war es deshalb auch lebendiger.

Alkohol ist bei Politikern auch so eine Sache. Ganz ohne geht es nicht, aber zu viel schadet. Vorbei die Zeiten, wo man als ordentliches Mannsbild nur galt und als Politiker als vertrauenswürdig, wenn man nach drei Maß nicht nur fehlerfrei sprechen, sondern auch ohne Aufsicht noch mit dem eigenen Auto nach Hause fahren konnte. Spätestens nach einem alkoholbedingten (1,99 Promille) Unfall mit Todesfolge eines amtierenden CSU-Generalsekretärs im Jahr 1983 hat hier auch ein Umdenken in Bayern eingesetzt. Edmund Stoibers beinahe preußische Nüchternheit hat sich dann auch bis ins Bierglas verlängert. Seither gilt: Alkohol in der Öffentlichkeit nur in beinahe homöopathischen Dosen, auch wenn es Gläser sind.

Zurück zum Rauchen. In den vergangenen dreißig Jahren habe ich erlebt, wie der Schutzraum der Raucher schrittweise kleiner wurde. Ungläubiges Staunen ernte ich in der jungen Generation, wenn ich erzähle, dass in einigen meiner Seminare an der Uni in den frühen achtziger Jahren wie selbstverständlich geraucht wurde; dass in den Restaurants Raucher und Nichtraucher in tabakgeschwängerter Luft friedlich über ihrem Essen saßen, und dass es in Flugzeugen durchaus auch Raucherbereiche gab.

Die Deutsche Bahn fuhr viele Jahre lang mit Raucher- und Nichtraucherwagen; das funktionale Äquivalent heute sind Wagen, in denen telefoniert werden darf und solche, in denen es verboten ist. Selbst am Bahnsteig darf man nicht mehr rauchen, wo es einem beliebt, sondern nur in den mit gelber Markierung abgegrenzten Raucherbereiche, die mich bisweilen schon an mittelalterliche Quarantänezonen erinnern. Und wer sich die ziemlich dämlichen, abschreckend gemeinten Bilder auf den Zigarettenschachteln so ansieht – Musterbeispiel volkspädagogischen Lenkungswillens –, der kann keinen Zweifel mehr daran haben: Rauchen ist sowas von uncool, das lässt du als Politiker entweder ganz oder machst es heimlich.

So erzwingt im Grunde ein rapider gesellschaftlicher Wandel auch den Abschied von Bildern, die Politiker stellen können. Helmut Schmidt hat sich dem mit einem gewissen Starrsinn verweigert, aber der musste ja auch nicht mehr gewählt werden. Wir aber, die wir uns weiterhin dem Votum der Wähler stellen müssen, wir müssen mit der Zeit gehen. Ja, mehr noch: Man erwartet von uns auch, dass wir mutig vorausgehen. Ich bete allerdings dafür, dass es den Fleischessern nicht so geht wie den Rauchern. Spätestens dann wäre ich wohl kein Gesundheitsvorbild mehr!
 

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