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Bundestagsabgeordneter: Am Rande der Politik

Von Das war's! Nach vier Jahren ist dies mein letzter Blog an dieser Stelle. Was ich noch zu sagen hätte...

Das war’s also

Über viele Jahre hat mir die FNP die Möglichkeit gegeben, meinen Blog zu betreiben. „Am Rande der Politik“ habe ich ihn genannt, denn es sollte nicht um tagespolitische Themen gehen, sondern um Themen, die eher am Rande liegen: Wie man als Politiker auf Fragen antworten sollte (und wie nicht), was der tiefere Sinn von Grußworten ist, was uns das Verschwinden der Anrede „Fräulein“ über unsere Gesellschaft so sagt, und was man als Politiker so bei der Urlaubsplanung zu beachten hat.

Ein Teil der Texte ist mittlerweile zu einem Buch geronnen, das 2016 erschienen ist (Edition Faust, Frankfurt). Für mich waren die Texte immer die Möglichkeit, über den Tellerrand der Politik hinaus zu schauen und mich auch, durchaus selbst bespiegelnd, mit den bisweilen merkwürdigen Ritualen derjenigen auseinandersetzen zu können, die den Beruf zur Politik gewählt haben.

Ich glaube schon, dass der Abstand zwischen Politik und Wähler häufig auch damit zu tun hat, dass die Spielregeln der Politik wenig bekannt sind. Dann heißt es: Die leben abgehoben in so einer Käseglocke in Berlin.

Für den allergrößten Teil meiner Parlamentskollegen und -innen trifft das nicht zu. Sie sind fleißig im Gespräch vor Ort, fachlich kompetent, sie sind ansprechbar. Nur reden wir alle fast nur darüber, was wir machen oder machen wollen (oder gemacht haben), wenig aber über die Umstände. Wie lebt denn eigentlich ein Politiker in Berlin, auf was muss er oder sie achten? Meine Erfahrung aus vielen Bürgergesprächen in Berlin ist: Wenn man das mal beleuchtet, wächst auch ein wenig das Verständnis für die Art und Weise, wie Politik gemacht wird.
Über politische Inhalte kann man, ja muss man debattieren.

Nur ist Politik eben mehr. Es gibt viele ungeschriebene Regeln, denen sich ein Politiker gegenübersieht, und natürlich auch einige geschriebene. Es gibt unterschiedlichste Charaktere: Den Fachpolitiker, den Generalisten, den Redebegabten, den Ackerer im Wahlkreis, den Strippenzieher, den Gremienhocker, den Überflieger – und das in den unterschiedlichsten Schattierungen. Es gibt Choleriker und Gutmütige, Lebemenschen und Asketen, Begriffsstutzige und Genialische, Heilige und Scheinheilige, und ja: Es gibt auch den einen oder anderen mit einer leidlichen Verluderung der moralischen Maßstäbe.

In der Politik sind nicht die besseren Menschen, sondern ein Abbild der Gesellschaft. Immer wieder wollen wir aber in den Politikern irgendwie Vorbilder sehen. Das sind sie nicht, obwohl nicht auszuschließen ist, dass der eine oder andere es werden kann. Wie es ja auch den gelegentlichen Ausreißer zur anderen Seite des moralischen Spektrums gibt.

Insgesamt aber, das scheint mir bei einem Vergleich unserer „politischen Kaste“ mit der anderer Länder deutlich geworden zu sein: Wir sind uns schon insgesamt des hohen Anspruchs bewusst, vor dem wir zu bestehen haben.
Politik findet statt in einer flexiblen, hoch dynamischen Gesellschaft. Unsere Lebensweise ändert sich teilweise rapide schnell und damit auch alles, was Randbedingungen der Politik sind. Wir sprechen heute anders über die Welt als vor dreißig oder fünfzig Jahren. Wir leben auch anders. Auch das war immer wieder Gegenstand des Blogs.

Unsere gesellschaftlichen (und damit zum Teil auch politischen) Regeln sind andere geworden. Ein nicht geschiedener Bundespräsident, der mit seiner Lebensgefährtin ins Präsidialamt einzieht, ist heute ebenso möglich wie Minister, die offen zu ihren gleichgeschlechtlichen Partnern stehen. Unser Bild von notwendiger Diskretion hat sich gewandelt, was durch die Selbstentblößung auf sozialen Netzwerken oder durch die unvermeidliche Ohrenzeugenschaft von Handygesprächen trefflich belegt wird. Wir individualisieren uns, aber unterziehen das Abweichende immer häufiger therapeutischen Anstrengungen. Wir unterziehen Sprache einer rigiden Überprüfung auf die Inklusivität ihrer Verwendung, lassen aber in vielen anderen Zusammenhängen an Respekt im menschlichen Miteinander fehlen. Wir sehnen uns nach der heilen Welt dörflicher Idylle, fühlen uns aber in den globalen Netzwerken eher zuhause.

Um all das ging es in dem Blog, Themen am Rande der Politik, die letztlich auf eines abzielten: Das Zentrum der Politik ein wenig zu beleuchten, verständlicher zu machen. Weniger als volkspädagogische Anstrengung, sondern als vergnügliche Lektüre mit ernster Absicht. Damit ist es nun vorbei, die Blog-Seite der FNP wird eingestellt. Schade. Ich habe es sehr genossen. Da werden künftig wieder die Kollegen der Printausgabe mehr Arbeit bekommen mit meinen Anfragen, ob man nicht mal wieder was vom Rande der Politik drucken wolle.
 

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