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Chef des Äppelwoi-Theaters: Äppelwois Ansichten

Von Seit 33 Jahren fahre ich als Offenbacher durch die Lande. Aber nach Offenbach fahre ich nie.

Seit 33 ( dreiunddreißig ) Jahren bin ich „Offenbacher“ – zumindest dem Autokennzeichen nach. Ich habe mich verhöhnen lassen, ich habe mich anmachen lassen – und kenne Offenbach kaum. Denn Offenbach ist eine kreisfreie Stadt und NICHT Sitz des dazugehörigen Landratsamtes und der nämlichen KFZ-Stelle. Es gibt also gar keinen Grund, nach Offenbach zu fahren. Denn das Landratsamt des Westkreises ( OF-Kennzeichen) befindet sich in Dietzenbach.

Jetzt nun – nach 33 Jahren - ziehe ich um nach Frankfurt und habe mir mal Gedanken gemacht, warum ich Offenbach so gar nicht kenne. Offenbach am Main ist mit rund 120.000 Einwohnern die fünftgrößte hessische Stadt und eines von zehn Oberzentren in Hessen. Das Stadtgebiet von Offenbach am Main gliedert sich in neun Stadtteile.

So, das habe ich jetzt schon mal gelernt. Und hier gleich noch ein paar Highlights: Offenbach gehört zu den am höchsten verschuldeten Städten Hessens. Mit Darmstadt und Kassel gehört Offenbach zu den kreisfreien Städten in Hessen, die aufgrund ihrer schlechten Finanzlage berechtigt sind, am Kommunalen Schutzschirm des Landes Hessen teilzunehmen. Die Gesamtsumme der Schulden der Stadt Offenbach im öffentlichen Bereich belief sich zum Jahresende 2012 auf 1,405 Milliarden Euro. Jeder Einwohner war damit mit 12.136 Euro verschuldet. Von den 103 kreisfreien Städten in Deutschland lag Offenbach damit an Platz 3 der Pro-Kopf-Verschuldung. Im März 2015 verzeichnete Offenbach mit 35,2 Prozent den höchsten prozentualen Ausländeranteil (melderechtlich registrierte Einwohner ohne deutsche Staatsangehörigkeit) aller Städte in der Bundesrepublik Deutschland.

Okay, gibt es irgendwas Nettes in Offenbach zu sehen? Die ursprünglich hugenottisch geprägte Industriestadt war vor allem als Zentrum der Lederwaren-industrie bekannt. Heute ist Offenbach ein wichtiges Dienstleistungszentrum und beherbergt die Hochschule für Gestaltung (kurz: HfG). Außerdem befindet sich in Offenbach der Sitz des Deutschen Wetterdienstes. 2002 wurde das Rumpenheimer Schloss wiederaufgebaut und in Eigentumswohnungen umgewandelt. Seit 2006 ist der Schlosspark alljährlich im Sommer Schauplatz der Picknick- und Flanierkonzerte „Musik im Park“. Das Wahrzeichen und bekannteste Gebäude in Offenbach ist das Isenburger Schloss. Es wurde 1576 für den Grafen von Isenburg gebaut und gilt als der bedeutendste Renaissancebau nördlich der Alpen. Viel Klassizismus ist vor allem in der Innenstadt anzutreffen, beispielsweise an der Frankfurter Straße.

Dann gibt´s da noch den Lili-Tempel. Der Lili-Tempel wurde ursprünglich 1798 als Badehaus im Offenbacher Lili-Park gebaut. Es ist das einzige im Originalzustand erhaltene Werk von Nicolas Alexandre Salins de Montfort im Rhein-Main-Gebiet. Weitere aufwendige Gebäude aus dem Historismus befinden sich im weitgehend geschlossen erhaltenen Villenviertel Westend entlang und südlich der westlichen Frankfurter Straße. Sehenswert ist dort der Altbau der Leibnizschule in der Parkstraße sowie einige kleinere Betonbauten einer Musterausstellung aus dem späten 19. Jahrhundert im angrenzenden Dreieich-Park.

Kleine Episoden am Rande: Der Dichter Goethe kam 1775 regelmäßig nach Offenbach, da hier seine Verlobte Lili Schönemann lebte. In dieser Zeit begann die Lederwarenherstellung, und erste Industrien und Gewerbe siedelten sich an. Niccolò Paganini und Wolfgang Amadeus Mozart besuchten mehrmals die aufstrebende Industriestadt. Ersterer, um die hier bei Pirazzi produzierten Musiksaiten zu erwerben, Zweiterer ließ seine Noten bei Johann André verlegen. Die Offenbacher Einkaufsstraßen sind die Frankfurter Straße und die parallel verlaufende Große Marktstraße. Wenige hundert Meter östlich liegt der Wilhelmsplatz mit Feinkostgeschäften. An diesem findet auch der bekannte Offenbacher Wochenmarkt statt. Und der gilt als einer der schönsten im Rhein-Main-Gebiet.

Vielleicht sollte ich jetzt doch mal nach Offenbach fahren… Das Capitol, ehemals die Synagoge, die angrenzende Messe und die Stadthalle sind die wichtigsten Veranstaltungsorte. Das Deutsche Ledermuseum wurde vom Architekten und Professor der Technischen Lehranstalten, Hugo Eberhardt, gegründet und zeigt heute Lederwaren, Ethnologie und angewandte Kunst. Das Schuhmuseum ist ebenso wie das Museum für Angewandte Kunst sowie das Ethnologische Museum dem Ledermuseum angegliedert. Das Klingspor-Museum bietet internationale Buch- und Schriftkunst. Es besitzt Bestände zur Geschichte des Buchdrucks, der Buchillustration und vor allem der Typografie. Seit dem 7. März 2007 haben die Offenbacher Kickers ein von Fans für Fans betriebenes Museum – das Kickers-Fan-Museum. Es werden Fanartikel ausgestellt, die von den Betreibern über die letzten 25 Jahre gesammelt wurden.

Also fahre ich jetzt nach Offenbach – oder nicht? Als Offenbacher Original gilt der Streichholzverkäufer Karl Winterkorn (*28. März 1880 in Zell am Main; † 12. Februar 1939 in Offenbach). Er zog zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Offenbacher und Frankfurter Apfelweinstuben und verkaufte Streichhölzer. Lokalberühmtheit erlangte er durch seine geringe Körpergröße von nur 1,30 Meter und seine füllige Figur. Bekannt wurde er aber vor allem durch einen seiner Aussprüche. Gefragt, was er denn von Beruf sei, antwortete er: Holzhändler. Alles klar! Wenn der Mann wieder durch die Kneipen zieht, dann – ja, spätestens dann – fahre ich nach Offenbach! Versprochen!

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