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Chef des Äppelwoi-Theaters: Äppelwois Ansichten

Von Auf der Pirsch nach dem Pils. Oder Berufe, die noch keiner kennt! Heute: Der Getränkejäger

In Hessen entdeckt: Berufe die noch keiner kennt! Heute: Der GETRÄNKEJÄGER „Wenn ich nachts auf meinem sternenbeleuchteten Hochsitz zwischen Eichbäumen und Ureichen stehe und mit dem Feldstecher ein Rudel kapitaler Rotweine beobachte, wie sie friedlich gärend auf der mondbeschienenen Punika-Lichtung stehen, dann wird mir ganz warm um die Leber.“

Der, der das sagt, ist der letzte Getränkejäger Deutschlands. Seit 36 Jahren betreut er sein kleines Revier in Südhessen, wo sich Cola und Fanta gute Nacht sagen; hier kennt er sich aus: „Ich weiß, wo das seltene Malzbier sich versteckt hält. Und auch, wo die geheimen Pfade der scheuen Mineralwasser verlaufen.“

Gerne erinnert er sich an das Jahr 1968 zurück: „... als ich auf der Apfelwein-Pirsch diesen kapitalen Weißherbst erlegt habe!“ Trophäen füllen sein gemütliches Kaminzimmer. An der Wand hängt die beeindruckende Kronkorkensammlung eines ausgewachsenen Sixpacks. Der hessische Getränke-Waidmann ist ein Meister auf seinem Anbaugebiet: Mit verbunden Augen kann er fachgerecht eine frisch erlegtes Zitronenlimo ausweiden. Aber sein Fachwissen ist nicht mehr gefragt. Fast alle Getränkeforste sind mittlerweile privatisiert, reiche Stadtschenken haben alles aufgekauft. Selbst vor den seltenen Iso-Drinks mache die Gier der Städter nicht halt, erzählt er, dabei stünden die ganz oben auf der roten Ausschankliste. Versonnen starrt er hinüber zu der idyllischen Sektkühler-Schonung, wo die herbfrischen Pfandflaschen grasen.

Als vor zwei Jahren die gefürchtete Korken- und Deckelseuche in seinem Revier ausbrach, verlor der damals 84-Jährige gut die Hälfte seines Wildbestandes an den Altglascontainer. Manch einer hätte damals den Strohhalm geworfen; nicht so der wackere hessische Getränkejäger: „Meine Flaschen brauchen mich! Als kurz nach dem Krieg 41 alkoholisierte Wilddiebe hier einfielen, ihre heimtückischen Bierfässer-Gruben aushoben und ihre gemeinen Kümmerling-Fallen auslegten; da hab’ ich schließlich auch nicht gekniffen!"

Damals musste er tatenlos mit ansehen, wie selbst blutjunge Fünf-Liter-Fäßchen ihr zartherbes Leben austropften. Heute ist der greise Getränke-Heger zu alt für die Hatz auf die gemeine Spätlese; zu kränklich für die winterliche Glühwein-Treibjagd. Seine zittrigen Hände sind nicht mehr sicher genug für einen sauberen Anstich. Nur selten streift er jetzt noch mit der Champagner-Lockpfeife und mit Rosé, seiner abgerichteten Rotweinhündin, durch die Schorle-Schonungen, wo der Schluckspecht klopft und die Schnapsdrossel ihr wehmütiges Lied singt.

Bald wird auch er seinen Getränke-Forst verkaufen müssen. Ja, wenn er Kinder hätte, ja dann ... aber ganz alleine kann der Witwer seine obergärige Weidmannsarbeit eben doch nicht mehr versehen. Jetzt schon leiden einige seiner Schankbiere unter akutem Kohlensäure-Mangel; und im strengen Winter hauchten gar zu viele entkräftete Flaschenbiere ihre Aromastoffe aus.

Die unkontrollierte Inzucht im flaschengrünen Forst ist ein weiteres Problem: „Da paaren sich sprudelnde Exportbiere mit abgestandenem Altbier. Die Jungbiere aus solchen Verbindungen sind leider oftmals gänzlich alkoholfrei, haben verstümmelte Zapfhähne und missgebildete Schraubverschlüsse. Das darf nicht sein!“ Trotzdem wird dies wohl sein letztes Hefeweizen sein. Wenn die Glühwein-Schonzeit vorüber ist, wird er in den wohlverdienten Trinker-Ruhestand treten, der letzte hessische Getränke-Jäger! Der letzte Getränke-Jäger Deutschlands! Prost!

© by Frank Ziegler

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