Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Chef des Äppelwoi-Theaters: Äppelwois Ansichten

Von Urlaub im Paradies, oder: Die Hölle sind wir. Warum die Deutschen sich auch in den Ferien knechten...

Urlaub im Paradies

Wenn man wie ich in einer typischen Urlaubs-Region wohnt (in Zypern, und das immerhin die Hälfte des Jahres), dann sieht man den Urlauber als solchen mit ganz anderen Augen. Man fragt sich, warum z.B. der Deutsche nur ganz selten einen Leihwagen nimmt (klar: Wir haben Linksverkehr!). Aber man fragt sich auch, woher diese Ängste (?) resultieren; und da gibt es jetzt zumindest einen, der ein paar Antworten hat.

Tourismusforscher Ulrich Reinhardt hat geforscht, über den Deutschen und sein Reiseverhalten im In- und Ausland. Und jetzt bin ich schlauer und kann zumindest die eine oder andere Verhaltensweise akzeptieren, wenn auch nicht verstehen.

Reisen ist aus Sicht der deutschen Bevölkerung das, was dem Paradies am nächsten kommt, so der Herr Reinhardt. Daher spreche man ja auch von Inselparadiesen. Reisen stehe für die Suche nach heiler Welt, die man sich unbedingt erhalten wolle. Und deshalb hat der Urlaub einen ungeheuren Stellenwert: 50 Wochen im Jahr arbeiten die Deutschen, um dann diese magischen zwei Wochen zu erleben.

Aber: Für deutsche Reisende hat Sicherheit einen enormen Stellenwert. Und das gilt nicht nur für die Sicherheit vor Ort, sondern auch für die Sicherheit, die man zu Hause aufgibt, wenn man mit Koffer oder Rucksack unterwegs ist: Arbeit, soziale Strukturen, Wohnung. Und dazu seien im Prinzip sehr wenig Deutsche bereit. Da bremst die Angst die Abenteuerlust. Und damit hat sich für mich der nicht gebuchte Leihwagen erklärt.

Aber bleiben wir noch ein bisschen bei Herrn Reinhardt. Von der Wunschvorstellung her wollen die Deutschen im Urlaub ganz anders sein als im Alltag. Doch das gelinge in den seltensten Fällen. Natürlich schlafen sie ein wenig länger. Andererseits seien die Deutschen eben nicht in der Lage, den Alltag sofort zu verlassen. Das fange mit so einfachen Dingen an, dass sie gerne deutsches Essen vor Ort haben, die deutsche Zeitung, das deutsche Fernsehprogramm. Und sie setzen viele Klischees aus dem Alltag fort: Dann sei es bei Selbstversorgern eben doch sehr oft so, dass die Frau kocht. Zitat Ulrich Reinhardt: “Wenn die Mutter ihre Alltagsrolle als Versorgerin spielt, die Kinder nur Spaß haben und der Vater in der Hängematte liegt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das zu Hause mit einer Scheidung endet.“ Aber da haben sie dann während des Urlaubes noch wenigstens zusammen gemeckert.

Denn die Forschung belege, dass die Deutschen es im Urlaub zu wenig schaffen, sich auf die Gegebenheiten einzulassen. Sie wollen genau wissen, wofür sie bezahlt haben. Die Quote derer, die sich beschweren, weil am Schluss irgendetwas anders war als im Katalog, sei sehr hoch.

Also jetzt bin ich schon mal ein bisschen froh, dass bei uns in Zypern nicht ganz so viele Deutsche Urlaub machen. Aber da gibt es ohnehin Hoffnung. Denn: Zwei von fünf Reisenden bleiben innerhalb der deutschen Grenzen. In dieser Gruppe ist die Generation 60 plus überproportional vertreten. Ihr Credo lautet „kurz, nah und weg“. Und deshalb fahren sie am liebsten nach Mecklenburg-Vorpommern, sagt die Statistik. Einmal Ostsee, immer Ostsee. Und das hat ja auch noch einen anderen Vorteil: Da könnte man sich ja auch einen Leihwagen nehmen, denn die fahren ja wenigstens auf der richtigen Seite! Dummerweise haben die meisten ihre eigene Kiste dabei; also wird das wohl auch wieder nix.

Zur Startseite Mehr aus Michael v. Loefen - Äppelwois Ansichten

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse