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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Rückt zusammen, Leute! Denn eure Freunde fürs Leben, die wird es nicht ewig geben!

Lieben Sie Partys?

Steinschwer schleppe ich mich auf irgendein ein Sofa. Schutzsuchend. Schmutzabweisend. So viele Eindrücke, Abdrücke, Gesprächsfetzen hängen an mir herunter. Komm mal hier her, sag mal da was. Schau mal, was wir daraus noch machen können. Weißt du, wo der Wagen steht? Wo bitte, ist mein Veronal?

Also ehrlich gesagt: Ich wäre jetzt lieber allein. Allein sein ist eine Kunst. Alleine mit sich selbst sein, das ist eine Königsdisziplin. Kann ich mich selbst ertragen, höre ich mir zu, und was will ich von mir? Ich freue mich, denn ich fühle mich willkommen bei mir selbst. Der Schatten, der mir nach Hause gefolgt ist, war ein willkommener Gast. Ich war's. Höchstselbst. Willkommen bei mir selbst.

Das Telefon klingelt, der neue Schatten, der Scheinwerferschatten vorüberfahrender Autos fliegt über die Zimmerdecke. Am Kronleuchter vorbei, hinein in das Muster der Tapete. An Bildern vorüber, die an meinen Wänden hängen. Die auch in meinem Herzen hängen. Habe ich alles selber festgenagelt. An Wand und Herz.

Keiner, der irgendwann vielleicht mal meine oder irgendeine Wohnung ausräumt, wird wissen, was mir das alles bedeutet hat. Kein Einbrecher und kein Nachlassverwalter. Egal. Es ist somit vorbei und wertlos. Aus die Maus. All das, was da hängt, steht und liegt und jetzt vorüberfliegt. Das ist meins. War meins, ist meins und bleibt meins. Jeder Mensch ist sein eigener Inneneinrichter, Raumgestalter und Architekt. Bau dein Nest, verkleide und verputz dich. Es nutzt jedoch nichts, etwas zu verschließen. Gib alles, lieber heute als morgen. Keiner kann nach dir greifen, deine Graffitis, deine Tattoos, deine Zeichen. Die Bedeutungen, wenn du sie kennst, sie sind dein. Nimmst alles mit. Sie bleiben, sie gehen. Sie fallen, sie stehen. In dir. Gaunerzinken existieren nur in der Bürgerlichkeit. Keiner wird jemals wissen, was die Augenblicke mit Gegenständen und Umständen gemacht haben. Mit dir oder anderen. Wie sie dich verzaubert haben oder verdorben. Sie, die Anderen, können nur versuchen nachzuvollziehen, zu deuten, zu mutmaßen. Was der eine liebt, davor ekelt sich der andere. So geht die Geschichte. Überlieferung, nein Danke. Verurteilen, nie. Ist auch egal, wenn man nur nicht ständig dazu verurteilt wäre, zu urteilen. Aus welchem Grund auch immer. Erziehung oder Umstand. Cut.

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Ich stehe vor ein paar Tagen in der Wilhelmstraße, Wiesbaden und warte. Ich warte auf meine Freundin, wir wollen zu einem Empfang. Meine Freundin schließt noch ihr Auto ab, sie möchte ihren Mantel holen. Es ist kalt. Ich stehe da, und mir ist auch kalt. Aber ich beschwere mich nicht. Ich schaue auf einen Blumenkasten, alles ist so unwirklich. Neben mir im Fenster, hochpreisige Kleidung, goldene Schilder mit Ärztenamen, alles angepriesen. Hochpreisig. Was ist dein Preis? Also ich stehe hier gerade kostenlos. Ich überlege, wer hier wohl einkauft und wer hier arbeitet. Ich überlege, warum ich gerade hier stehe. Und warum jetzt. Ich finde keine Antwort. Ist auch egal. Ich überlege, warum es mir egal ist. Egal. Es ist kalt, meine Freundin steht auf der gegenüberliegenden Seite und hat ihren Mantel an. Es geht ihr gut.

Sie steht genau dort, wo ich als kleines Mädchen mit meiner Mama gestanden habe, als Königin Elisabeth in Wiesbaden war. Das kann meine Freundin nicht wissen. Ich habe es ihr nicht gesagt. Als ich damals dort die Königin gesehen habe, wusste ich nicht, dass ich hier mal stehen werde, um auf sie zu warten, die mantelholende Freundin. Ich wusste auch nicht, dass da damals eine Königin in Himmelblau fährt. Ich saß im karierten Kleidchen im beigen Kinderwagen und knabberte an einer Waffel. Da hatte ich andere Probleme, z.B. das Waffeleis zu bekommen. Meine Mama war strikt gegen Süßes. Cut.

Zurück in die Gegenwart: Ich gehe auch mit ihr, meiner Freundin, zu einem Empfang, zu dem ich eingeladen bin, und sie hofft dort auf einen Menschen zu treffen, der ihre Kindheit begleitet hat. Mit seinen Filmen hat er ihre Kindheit geprägt. Das weiß er nicht, sie weiß es, aber ich weiß nicht mal, wo der Empfang ist. Dieser Regisseur, der mit seinen Filmen ihre Kindheit geprägt hat, weiß natürlich nicht, dass sie heute kommt. Wie auch, warum auch.

Ich habe eine Einladung, die liegt zuhause auf dem Tisch. Den Regisseur kenne ich auch nicht. Wie auch. Ich war nie Kind in der Slowakei und sie nie Kind in Hessen. Da ich die Einladung nur hingelegt, nicht durchgelesen habe, weiß ich auch nicht genau, wohin ich muss. Da hängen Fahnen, auf denen steht das Event. Also wir werden schon hinfinden. Shame on me, ich bin in dieser Stadt geboren. Ansonsten gucken wir einfach mal, wer gut angezogen ist, und dann folgen wir denen einfach. Animal Instinct rules.

Ich schaue auf die Straße und sehe wieder die Blumenkästen. Ich habe ja Zeit, ich sehe genau hin. Ich sehe ja viel mehr als die Menschen, die keine Zeit haben. Da stehe ich nun, wo ich mal stand und kenne die Straße genau. Die teure Wilhelmstraße. Damals habe ich noch keine Geschäfte wahrgenommen, die interessierten mich auch nicht. Das war nicht mein Revier. Aber die Straße an sich, die hat sich für mich nicht verändert. Ich sehe nur andere Zeichen, denn mein Leben hat meine Hirnspeicherkarte gefüllt. Und wenn jetzt der Kellner vom Park-Café rauskommt und mich nicht kennt, dann verzeihe ich ihm das, denn ich war schon hier, als Paul McGray aufgetreten ist mit „Rock your Baby“. Da war ich neun und der Kellner nicht geboren. Fullstopp.

Mein Revier war eigentlich das Museum, da waren Kinder willkommen. Ich kam sogar immer umsonst rein, weil der Aufseher mich mochte. Er hat mir sogar mal gesagt . „Du bist ein besonderes Kind, du bist auch hier, wenn draußen die Sonne scheint. Du scheinst ja treu zu sein, wenn du etwas magst.“ Ja, das bin ich. Bis heute, treu, wenn ich jemanden und etwas mag oder sogar liebe. Mein Revier war der Dürerplatz mit dem Zirkus, seinen Artisten. Und die Schrebergärten irgendwo in der Nähe vom Schwimmbad Kleinfeldchen.

Mein Blick wieder zum Blumenkasten, da sehe ich kleine Mäuschen hin und her laufen. Von einem Kasten zum andern. Sie sind schnell, aufgeregt, verunsichert. Vielleicht auch hungrig. Was fressen eigentlich kleine Mäuse? Sturzflug zwischen zwei Laternen, ein Vogel auf Nahrungssuche. Ziel: die Mäuschen. Ist das nicht immer das Ziel hier auf der Wilhelmstraße? Die Mäuse. Haben die es gewusst, nein sie haben es geahnt und sind blitzschnell verschwunden.

Wenn wir immer alles ahnen würden, würden wir nicht gerne verschwinden? Also nichts wie weg, zum Beispiel von einer Party! Rückt zusammen Leute, denn eure Freunde fürs Leben, auch die wird es nicht ewig geben. Nachhaltigkeit ist nichts Neues, denn es liegt im Alten.

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