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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Oh, welch traumhaftes Abenteuer habe ich erlebt!
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Gestern habe ich mir mit zwei Freundinnen die Villa Neher am Untermainkai angeschaut. Also näher als sonst, ich war wirklich drin. Ich laufe dort seit vielen Jahren vorbei und habe mich in das wundervolle Gebäude schwer verliebt. Besonders angetan hat es mir der kleine Erker. Ein Türmchen, in dem ich gerne meine Träume verwirklichen würde. Ich brauche ja nicht viel Platz für mich, aber ich würde gerne in diesem wundervollen Gebäude Platz für viele Menschen mit ebenso guter Gesinnung schaffen.

Raus aus dem Dornröschenschlaf. Wachküssen und beleben. Menschen mit Herz, Menschen mit Schicksalen, Menschen die Kunst lieben und sie nicht leben können würde ich darin unterbringen, weil sie keine Zeit, keinen Platz oder keine Chance dafür bekommen haben im Leben. Ein Entfaltungsort für Durchreisende, bleibende und Suchende.

Im Erdgeschoss stockte mir dann beim Eintreten fast der Atem, die wunderschöne Eingangshalle, die Holztäfelungen und der Kamin, über dem Erzengel Michael wacht, mit einem Metallschutz vor dem Feuerplatz, der eine Eule zeigt. Sie sitzt dort wie ein Schutzmann, oder ist es ein Weib, ich weiß es nicht. Weiber können ja auch beschützen. Grade die, die haben es drauf. Eine emanzipierte Eule sozusagen.

Ein guter Freund, der vor ganz vielen Jahren im Fränkischen einen großen Betrieb erbauen ließ und in noch größerer erbitterter Konkurrenz mit einem Mitstreiter lag, fragte mich eines Tages: „Manuela, was soll ich machen, der große Kamin ist fast fertig im Bau, und nun können die Arbeiter nicht weitermachen, denn dort im Inneren sitzt eine verängstigte Eule gefangen. Sie wollen sie am besten töten mit Gas, denn alles wieder einzureißen wäre sehr teuer und kostet nicht nur Geld, sondern auch Bauzeit. Ja und somit wieder Geld.“

Mir wurde der Hals eng und ich antwortete: „Lasst den Kamin einreißen und befreit das Tier. Es wird dir gedankt. Glaub mir das. Ich verspreche Dir, Du wirst mit Deinem Betrieb lebenslang Erfolg haben und wirst mit Deinem Werk glücklich.“ So ist es gekommen, und ich bin weder abergläubisch noch das Orakel vom Baseler Platz hier. Ich glaube lediglich, dass von Gut Gutes kommt und von Dreck kommt Dreck. Jetzt, wo ich das gerade schreibe, wird mir schon wieder der Hals eng. Aber vor Glück, dass die kleine Eule damals gerettet wurde und unversehrt in Freiheit kam.

Und was ich prophezeite, trat ein. Bis heute ist der Betrieb ein schöner und glücklicher Ort, der Hunderttausenden Menschen Freude bereitet hat und gesicherte schöne Arbeitsplätze bietet.

Nun besitze ich keine finanziellen Mittel, aber mein Traum ist ja kostenfrei, und die wunderschöne Villa wird wohl ein Traum bleiben. Ich hoffe sehr, dass sie irgendwann ihrer Bestimmung zugeführt wird. Es würde mir weh tun, wenn dort eine Anwaltskanzlei oder Unternehmensberatung einziehen würde. Ein seelenloser Gewinnmaximierer sich da rein spekulieren könnte. Ich will nichts und niemanden verteufeln, aber Geld ist ja genug im Umlauf. Wo soll das noch enden?

Bitte, liebe Villa, verkaufe Dich nicht. Bäume Dich dagegen auf mit jeder Wand, mit jedem Giebel und mit dem Schutz, der über dir liegt. Engel können ja vieles bewirken. Ein Gärtner jedoch dürfte Dich haben oder ein Schreinermeister, aber die würden es ja nie in Erwägung ziehen. Sie würden nie an Dich herantreten. Dabei fehlt Dir doch Dein schöner Garten. Dort stehen nur ein paar alte Garagen und ein leerer sandiger Vorplatz wartet wohl auf ankommende Autos. An deinem Fußboden, Wänden, Fliesen und Türen müssen Meisterhände restaurieren. Da kann man kein Aktenregal Marke „Kramer gegen Kramer“ dranknallen. In der teuren Finanzmetropole strahlst Du einen superhohen Millionenwert aus, Dein Standort wird als Filetstück bezeichnet. Und in der Tat, Du stehst wunderbar. unnahbar, aber traurig. Mit deinem Gesicht zum Mainufer, stolz und liebevoll zugewandt. Aber nochmals: allein und verlassen. An Deiner Eingangstür fängt hinterm Briefkastenschlitz ein kleines Netzkörbchen die Post für dich auf. Vielleicht werfe ich diesen Brief dort hinein und sein Empfänger freut sich darüber. Absender lautet: Prinzessin vom Main.

Als ich dich nun Stockwerk für Stockwerk erkunden durfte, berührte ich leicht Deine schönen Türen und betrachtete aus Deinen Fenstern heraus den glitzernden Main. Ja, da stand die Prinzessin vom Main nun zum allerersten Male in „ihrem“ Erkerzimmer. Traumkapitel auf: In meiner Phantasie hörte ich emsiges Treiben im Haus, Maler trugen ihre Paletten an mir vorbei, Bleistifte wurden angespitzt, eine wundersame Frau setzte sich ans Fenster und schrieb schöne Poesie mit einem Füllfederhalter, Künstler trugen Stoffballen auf den Schultern, Musik wurde gemacht, und es klangen Gläser. Gerüche von Speisen, süß und rauchig, es wurde getanzt und gelacht. Alles war frei und friedlich. Keine Tür war verschlossen, keine Riegel und keine Schlösser waren vorhanden. Ein Haus der offenen Tür im wahrsten Sinne des Wortes. Ein frischer Wind strich leise über die wallenden Gardinen. Keine Orgie, kein wüstes Treiben, nichts Dekadentes.

Jeder meiner Akteure lief wie auf Zehenspitzen, würdigte den Holzboden, und alle waren sich einig in ihrem Tun. Was sie auch tun, sie tun es aus Liebe und Passion zur Freude aller. Um gemeinsam zu wachsen. Aus allen Nationen waren Menschen gekommen, Männer, Frauen und Kinder. Und Vögel zwitscherten , ein paar ganz kecke Amseln stürzten sich direkt in einen Wasserbrunnen um sich von den kleinen Fontänen ein bisschen duschen zu lassen. Ja, eine Dusche. Die gibt es hier nicht. Traumkapitel zu.

Ich betrete nun Deinen mysteriösen Dachboden. Es ist sehr warm unter deinem Dach. Ich liebe Dachböden, denn sie sind dem Himmel am nächsten. Sie werden oft vernachlässigt, denn es ist bequemer, etwas in den Keller zu werfen als es auf ein Dach zu hoch zuschleppen. Wäsche wurde wohl früher auf den Dachböden aufgehängt, aber das wurde vertrauensvoll dem Personal überlassen.

Ich stehe an Deiner Dachluke und sehe eine große Anzahl toter Bienen, die auf dem Holz dort ihr versammeltes Ende gefunden haben. Jede einzelne liegt vertrocknet, Leben ausgehaucht, wahrscheinlich schon sehr sehr lange da. Ein kleiner Bienenfriedhof sozusagen. Bienen sind so wunderbar organisiert, alle gemeinsam für eine gute Sache. Honig ist eine davon. Ich glaube, der Mensch kann einiges von den Bienen lernen. Dann wäre das Zusammenleben eher ein Honigschlecken, als das was jetzt gerade auf der Welt abgeht.

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Ich denke mit Dankbarkeit an meine Kindheit. Mein Vater starb sehr früh an Krebs. Die Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs. Er war ja 1913 geboren und musste das Grauen gleich in zwei geschlagene Runden überstehen. Meine Mama arbeitete dann nach seinem Tod in einem Schuhgeschäft, ich hatte einen Schlüssel um den Hals, aber es ging mir immer gut, und ich bekam Liebe und genug Aufmerksamkeit. Ich bin jedoch mit 12 Jahren in ein Kinderheim gekommen, bis heute weiß ich nicht genau, warum. Aber ich ahne es.

Es war eine wundervolle Villa im Taunus in Kelkheim auf der Adolfshöhe, das Dr. Adolf-Reiss-Kinderheim. Ich hatte dort mein eigenes Zimmer, bekam ein Meerschwein und ein Fahrrad. Spielte in einem großen Garten, einen Bolzplatz beturnte ich mit meinem Fußball. Eine Schneiderin kümmerte sich um meine Kleider, und es gab eine hauseigene Wäscherei. In meinen Kleidungsstücken waren Wäschezeichen in roter Schreibschrift „MM“ . Ein wunderbares Gefühl, dann meine Kleider wieder aus dem Körbchen rauszusuchen. Sie waren gebügelt und gepflegt. Alles wurde gepflegt. So sollte ein jedes Zuhause ja auch sein. Wir hatten eine Köchin, die immer mit ihrem Käfer um die Mittagszeit auf dem Vorplatz fuhr. Der Speiseplan war umfangreich, ich musste nicht mal das Geschirr spülen. Es gab einen Schuhputzkeller, wo wir Kinder unsere Schuhe pflegten. Alle haben auf ihre Sachen gut aufgepasst. Es gab ein Arztzimmer, ein kleines Postamt, wo ich die Briefe meiner Mama empfangen und absenden konnte. Ach ja, es gab auch Taschengeld, welches in einem kleinen Buch notiert und wöchentlich ausgeteilt wurde. Gitarre und Klavier wurde unterrichtet, es gab einen großen Saal mit Bühne, auf der wir unsere schauspielerischen Ambitionen ausleben konnten. Es gab Grillfeste, wir sind Zelten gefahren und ans Meer.

Ich wurde nie geschlagen oder bestraft, nur ermahnt und ein wenig auf die Spur gebracht. Die Erzieherinnen und Erzieher, die auch dort größtenteils in einem Nebenflügel wohnten, waren wie gute Freunde. Es gab einen Weihnachtsmann, es gab Geschenke und Geburtstagsfeiern. Ich hatte Bastelunterricht und flocht Körbe für meine Blumenstöcke. Das war so schön zu sehen, was ich mit eigenen Händen erschaffen konnte.

Und doch erzählte ich allen immer, ich wäre in einem Internat gewesen. Ich schämte mich, das Wort „Heim“ zu sagen, denn ich fühlte mich dann vor anderen Menschen klein und ausgestoßen. Ich war in einem Kinderheim. Und darauf bin ich stolz. Ich danke Ihnen dafür, Herr Dr. Adolf Reiss, das Sie mir kleinem Mädchen solch ein schönes Heim, ein Zuhause gaben mit ihrer Stiftung. Sie haben mein Leben in eine Bahn gelenkt, die ich nicht mehr verlassen werde. Auf meinem täglichen Wegweiser steht: Dankbarkeit und Demut. Und ich weiß jeden Moment, wie es sich anfühlt, eine Prinzessin zu sein.

Ich wünsche mir, dass noch viele Menschen die über gewissen Reichtum verfügen und diesen teilen möchten, das nicht nur mit dem Kauf eines Luxuswagens oder einem Boot tun. Gib einem Menschen, der kein Zuhause hat, ein Zimmer oder einfach dem Armen eine Chance etwas zu schaffen. Etwas aus sich zu machen. Das sind die wahren Start ups. Die Start ups des Herzens.

Mein gesamtes Leben bisher wurde von Helfern begleitet. Auch mein kleines transnormales Lädchen verdanke ich einem Menschen, der mir damals ein kleines Startkapital anvertraut hat und für mich bürgte. Ich gab und gebe täglich zurück, was ich kann mit Liebe und Dank und meiner Arbeit bei Transnormal. Geld besitze ich nicht, aber deswegen geschieht mir kein Unglück. Sicherheiten besitze ich nicht, denn was ist schon sicher? Für mich würde in der „Geschäftswelt“ auch keiner bürgen, denn ich bin Vollwaise und habe keine Geschwister. Nix. Mir würde keine Bank etwas leihen, so ohne Sicherheit. Lächerlich. Du leihst etwas, und wenn Du es nicht mehr brauchst, dann gib es dem, der es dringender braucht. Gehe immer weiter, Deinem neuen Ziel entgegen. Das Glück ist unverkäuflich. Und was zählt im Leben, ist Deine Aufrichtigkeit mit Blick auf Dein Ziel. Und wenn Du mal enttäuscht worden bist, dann verschließe nicht Dein Herz , sondern wähle einen neuen Zielort, der zum Volltreffer wird. Es liegt ja nicht immer nur an den andern, sondern meist an Dir.

Gestern Nacht auf meinem Heimweg vom Peter-Kraus-Konzert lag in einem Schlafsack der obdachlose Christian. Ich habe mich mit ihm unterhalten, er ist gelernter Schreiner, hat keine Wohnung und somit keine Chance auf Arbeit. Er trägt zwar Markenschuhe, aber die sind ihm wiederum hier im Weg. Er sagte mir, das ein aufgeregtes Mädchen seinen Freund davon abhielt, ihm etwas in den Becher zu werfen. „Sie zog ihn weg und sagte: ,Guck mal, der trägt ja Markenschuhe, der hat genug Geld. Der gibt das bestimmt für Drogen aus oder der Mafia`.“

So verblendet ist der Mensch, dass er alles so glaubt, was er sieht in Bezug auf Marken. Kniet nieder, der Konsum-Gott will furzen. Meine Freundin und ich haben ihm ein bisschen Geld gegeben. Da kam plötzlich ein Mann und brachte ihm eine Pizza, und der nächste gab Christian einen Apfel. Ich schwör's, das war wie in einem guten Film!

Wenn Sie nun noch eine Arbeit für Christian haben und sogar ein Schreinerunternehmen, dann gehen Sie zur Commerzbank an der Alten Oper. Dort finden Sie ihn täglich. Dort liegt er nachts in seinem Schlafsack und tagsüber sitzt er genau gegenüber am Pfosten. Weil die Commerzbank ihn wegjagt.

Er will arbeiten und ein Zimmer, in dem er sich geborgen fühlt. Das ist doch nicht zu viel verlangt, Herrgottszeiten! Ich will für Christians Film ein Happy end! Gestern übrigens auf dem weiteren Heimweg habe ich auch zum aller aller ersten Mal Licht durch Deine Fenster scheinen sehen, liebe Villa Neher. Hello, from the other side. No words. Ich habe Dir einen Kuss an Deiner Tür hinterlassen, einen Glückskuss für Dich. Glück muss verteilt werden! Nur das Pech schließt sich ein.

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