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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Wie man sich täuschen kann und täuschen lässt: ein Erfahrungsbericht.
Bild-Zoom

Fenster

Ich sitze in Cleveland in den USA, die Sonne brennt, die Frisur hält. Es ist ein Luxushotel, wie kann es auch anders sein für die Prinzessin vom Main. Aber Halt, das war ja vor meiner Krönung. Ich möchte hier in der Nähe bald Fallschirmspringen, das steht nämlich auf meiner Bucket List ganz oben. Langsam schlendere ich von Salon zu Salon und betrachte die schönen Bilder, die üppigen Blumenbouquets und die geschwungenen Wendeltreppen mit den goldenen Geländern. Der dicke Teppich schluckt meine Schritte, und ich schlucke auf so viele tolle Eindrücke erst mal ein Gläschen an der Bar.

Gut gelaunt gehe ich dann nach draußen, die Stadt erkunden. Schlafen ist Zeitverschwendung, wenn man in einer fremden Stadt oder einem fremden Land zu Gast ist. Schlafen kann man, wenn man tot ist. Hat meine Oma mal gesagt zu mir. Ich denke, sie war nicht die einzige Oma, die so etwas gesagt hat.

Direkt vor dem Hotel werde ich angesprochen. Ein Mann wünscht mir einen „Guten Morgen“. Ich grüße zurück und lächle. So geht das noch etliche Male, und ich grüße stets freundlich zurück und lächle. So geht das ca. 50 Mal in Hotelnähe, ich denke dauerlächelnd insgeheim: „Oh, Mann wie viele Angestellte hat denn dieses Hotel eigentlich?“

Später wird mir klar, das waren Menschen ohne Obdach oder ganz einfach bettelarm. Sie versuchen zu ein paar Dollars zu kommen, indem sie Touristen grüßen. Dies sagte mir ein Mitarbeiter des Hotels. Sie grüßen lediglich, weil betteln wohl dort verboten ist. So wurde mir das gesagt. Warum hat er mir das gesagt? Ich hatte nun ein ganz anderes Bild im Kopf.

Der Tag, der so wundervoll begann, weil mich jeder höflich grüßte und ich zurückgrüßte und dabei lächelte. Das war wundervoll, denn ich habe keine Bettler gesehen. Ich habe freundliche Menschen gesehen, da habe ich mich so gefreut, weil ich dachte, das ist dort so üblich. Dass alle höflich sind.

Am nächsten Abend, ich habe ausgiebig dem Wein zugesprochen, erklärte man mir, in welche Gegenden ich nicht gehen sollte. Dort wäre alles kriminell, Verbrecher so weit das Auge reicht. Keinen Schmuck tragen bitte und die Tasche festhalten. Ach, was sage ich: Am besten sollte ich da gar nicht hingehen. Armut gleich Kriminalität. Zack aus, Basta.

Ich schluckte gleich noch mal ein paar Schampus weg und glotzte in den aufsteigenden Vollmond hinein, der höhnisch durch das große (schlecht geputzte) Fenster hing. Echt, das fällt mir gerade beim Schreiben wieder ein, wie dreckig die Fenster dort an manchen Stellen waren. Spinnweben, Fliegen und blind. Das ist mir ehrlich gesagt wurscht, aber in solch einem teuren Kasten könnte man doch mal ein paar Fensterputzer regelmäßig bestellen.

Offensichtlich gab es in Cleveland doch genügend Menschen, die keine Arbeit besaßen. Wäre es nicht weltweit angemessen, mal ein paar Chancen zu verteilen. Jemanden sich bewähren zu lassen als zuverlässig und aufrichtig. Trotz Vorstrafen oder fehlender Vorderzähne.

Ich kann mir beim besten Willen für einen Menschen nichts Schlimmeres vorstellen, als um Geld zu bitten. Ob Fremde, Freunde oder Familie. Es ist demütigend. Um Hilfe bitten fällt vielen schon schwer genug, aber um Geld zu betteln. Kann mir niemand erzählen, dass das Spaß macht. Das ist erniedrigend. Jeder Mensch ist in der Lage, etwas zu leisten, jeder Mensch kann etwas und ist nicht als Bittsteller zur Welt gekommen oder mit einer schlechten Schufa.

Nun, im Rahmen der Gewinnmaximierung wurde in diesem Luxuskasten wohl auf einiges verzichtet. Dort, wo die „gute“ Flasche Rotwein bei 200 Dollar anfing. Dort, wo die Kellner so vornehm waren, dass sie sich selbst gegenseitig Trinkgeld zu geben schienen. Da gab es offensichtlich keine Seele, die sich um die vielen Fenster kümmerte.

Nun sind Fenster ja sichtbar, da mag ich gar nicht drüber nachdenken, wie es an den unsichtbaren Stellen mangelt. Aber so dreist zu sein, dem Gast für Unsummen solch einen Anblick zuzumuten: grauenhaft. Geradezu unverständlich auch, dass niemand etwas sagt. Alle nehmen es hin. Es wird hingenommen und übersehen oder totgeschwiegen. Bloß nicht auffallen, bloß nichts sagen.

Mein Gedächtnis ist oft überfordert, ich verlaufe mich, und ich verzähle mich, und manchmal kann ich mir Namen nicht behalten. Also, der ganz normale Ausfall-Verlauf eines Party-Gehirns. (Spaß, nicht ernst gemeint).

Aber an eines erinnere ich mich immer: Wer abgelehnt wird, fühlt sich verletzt. Wenn du mal draußen bist, kommst Du oft nicht mehr rein. Das größte Geschäft der Welt ist die Angst. No Fear. Mach den Mund auf, melde Dich nicht nur zum Essen oder bei anderen schönen Tätigkeiten. Deine Seele ruft keinen Schlüsseldienst, Dein Gewissen nicht den Notdienst…aber dein Herz braucht ein geputztes Fenster. Sonst siehst Du nicht, was draußen wirklich los ist.

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