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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Think Pink! Oder warum sollten alte Damen, die Männer sind, kein rosa tragen dürfen?
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Ich besuche meine Freundin in einem Altenheim. Meine Freundin hat sehr lange mitgehalten, sie hat uns mit ihrem fröhlichen Wesen bezaubert, sie war eine Lady mit tollen Beinen. Die Beine sind noch da, aber die stehen nun meistens auf den Trittbrettern eines Rollstuhles.

Ach ja, das war echt schwierig in dem Altenheim, einen Rollstuhl zu ergattern.
Alle waren besetzt. Das war eine Hetzjagd auf so ein Ding, wie auf einen leeren Auto-Scooter auf dem Jahrmarkt. Im Altenheim ist oftmals auch Kirmes.
Dazu nachher mehr. (Falls ich es nicht vergesse)
 
Ihren Siebzigsten und ihren Achtzigsten haben wir gemeinsam gefeiert, und alle kamen. Dazu musste ich sie erst mal jeweils aus dem Altenheim rausschieben.
Wir haben im Wohnzimmer gesessen, ich habe den Kuchen geschnitten, und überall waren Hunde unterwegs. Zum Betteln am Tisch und zur Freude aller.
Sitz, Platz, Pfötchen. Mach Hoppchen.

Das alte Geburtstagskind hatte den meisten Spaß mit gleich zwei Hunden auf dem Schoß. Ihre Knochen sind ja schon ein wenig marode, das weiß sie selbst. Aber zwei Hunde hält sie noch aus.

Wer fünf Kinder bekommen hat und einen Weltkrieg überlebte sowie zwei Ehemänner, der ist hart wie Stahl und gut drauf. Sollte man meinen. Nun, das ist reine Glückssache. Die Rente ist erbärmlich, beschämend niedrig.
Und das ist kein Pech, sondern ein Pechgesetz. Gemacht von egoistischen Unglücksraben. Die Rente ist sicher, todsicher ist auch der Tod.
 
Der kleine Yorki hat sich nun endgültig vollgeschissen, ich gehe ins Bad und wasche ihm den Popo. Ich nehme die Schere der Hausherrin und schneide die Haare rund um den Hintern des Yorkis ein bisschen kürzer. Dann nehme ich einen Föhn, mache den Schoßhund wieder salonfrisch und bringe ihn zurück auf den dafür vorgesehenen Schoß.

Hausherrin und Geburtstagskind freuen sich. Im Klo habe ich die Überreste meiner Haarentfernungs-Aktion runtergespült, meine Finger riechen bisschen komisch, und ich gehe nochmal ins Bad zurück, um mir die Hände zu waschen. Ich setze mich kurz auf den Klodeckel, der einen rosa Plüschüberzug hat, das ganze Bad ist rosa. Rasend rosa. Ein richtiges Prinzessinnen-Bad. Da bin ich ja gerade richtig hier.

Das Geburtstagskind ist heute ebenfalls auch ganz in Rosa.
Wer hat gesagt und wo steht das geschrieben, das alte Menschen kein rosa tragen können. Die sollen grau tragen oder beige. Ich glaube, es hackt.
Meine Freundin ist weit über achtzig und sieht heute aus wie Cindy von Marzahn.
Die schieben wir nachher auch genauso zum Altenheim zurück.
Natürlich an die Nachtpforte, falls vorne schon zu ist.

Warum sollen alte Menschen graue Mäuse sein? Nur weil sie irgendwo einen grauen Lappen im Portemonnaie verwahren müssen, wo das Geburtsdatum eingetragen steht. Wen interessiert das? Wer will denn das noch kontrollieren, ins Pornokino kommt man ab achtzehn. Also das geht schon mal klar.

Ich setze mich auf den Teppich und erkläre meiner Freundin, wer Guido ist und warum ich bei Shopping Queen mitgemacht habe. Sie hat das gesehen und fragt seitdem immer nach Guido. „Wer ist denn das, ist das Dein Sohn?“ fragt sie immer wieder.
„Nein ,das ist nicht mein Sohn“ antworte ich immer wieder.

Meinen Sohn, wenn ich einen hätte, den würde ich so nicht rumlaufen lassen. Den würde ich sofort umstylen. Hoppla, gerade setzt sie an und versucht das Wachs einer dicken Kerze auszutrinken. Bei einem dementen Menschen muss man auf alles gefasst sein. Manchmal ist sie ganz klar, wir blättern gemeinsam in alten Film-Zeitschriften. Da kann es plötzlich schon mal sein, dass sie mit dem Finger auf ein Bild zeigt und sagt . „Gutes Holz“. Was immer das bedeutet, keine Ahnung. Na dann ist es eben gutes Holz.
 
Der Yorki kriegt soeben ein paar Wachstropfen auf dem Rücken ab und quietscht erschrocken. „Alles gut, nichts passiert, der hat ein dickes Fell.“ Ich stelle die Kerze wieder auf den Tisch. „Happy Birthday to you, alte Kuh“, ich lache laut und wische ihr den restlichen Kuchen vom Kleid. Schokonuss trifft rosa Babydoll, peng, patsch, Kladderadatsch. Alles egal. Angeschmiert, Madame.

Ach übrigens, meine Freundin, das Geburtstagskind, ist ein Mann. Seine Ehefrau gebar ihm fünf Kinder; nachdem sie gestorben war und die Kinder erwachsen waren, hat er sich zwei Mal verpartnert mit seinem jeweiligen Freund. Er war noch in alten Tagen glücklich und hat Liebe gefunden. Eine andere Liebe. Dass wir ihn nachher abschminken und umkleiden, ist Ehrensache. Dass er als schwul und alt bezeichnet wird, weiß er nicht.
Es interessiert ihn auch nicht.
Er ist dezent dement und hat Freunde, die ihn besuchen und die ihn lieben, so, wie er ist. Und er ist jedes Mal anders.

Das kann ich nur jedem schon beizeiten raten, es zu versuchen: mal anders zu sein. Erstens kommt es anders, und zweitens denkt man zu wenig. Ach, bevor ich es vergesse. Ich bin fertig mit Schreiben. Falls was fehlt, bitte schreiben Sie an die Redaktion. Die suchen dann im Archiv.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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