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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Was ist schlimmer: Sich küssende Männer oder eine alte Frau, die die beiden mit einem Schirm verprügelt?
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Am Wochenende ist es wieder mal soweit. Der CSD (Christopher Street Day) wird in Frankfurt gefeiert. Alles und jeder, der sich zugehörig und angesprochen fühlt, hat die Wahl, entweder gebührend mitzuwirken oder einfach nur zuzusehen. Da fallen so manchem die Augen aus dem Kopf. Männer halten Händchen mit Männern und küssen sich in bunten Kostümen. Leicht bekleidet und in der Regel beschwipst bis volltrunken. Frauen küssen sich auch, halten aber das ganze Jahr Händchen.

Da guckt ja auch keiner.

Bei Männern, die gleichgeschlechtlich lieben möchten, da ist das anders. Das fällt eher auf und sie bieten somit eine Angriffsfläche für die strikten Verfechter der Heterosexualität. Das müssen nicht unbedingt Skinheads sein oder Machos, die dann auf ihre Opfer mit Fäusten einprügeln. Es kann auch ein ganz stinknormaler Familienvater sein, der als Nachbar mit Worten prügelt. „So was will ich hier in meiner Nachbarschaft nicht, hier sind Kinder.“

In der Tat habe ich mit einer älteren Dame gesprochen vor ein paar Tagen, die zwei sich küssende Männer von einer Bank jagte, mit Stockschirm bewaffnet, weil sich in unmittelbarer Nähe ein Kindergarten befand. Also in Sichtweite.

Jetzt kann man darüber diskutieren, welches Bild nun die Kinder unbeschadeter verarbeiten könnten: das der Liebe oder das der Gewalt. Eine Furie mit Schirm, der zischend Geifer aus den Lefzen tropft. Oder zwei hübsche Kerle beim liebevollen Speichelaustausch. Alles Ansichtssache. Es wird auch keiner gezwungen hinzusehen.

Ich habe leider oft schon Gewalt gegen Schwule erlebt; Männer, mit denen ich an einem Abend feiern ging und ausgelassen tanzte, lagen am nächsten Tag mit zerschlagenem Gesicht in einem Krankenhaus. Oder sie waren tot.
Angegriffen, meist aus einer Gruppe heraus, nachts. Feige und grundlos.
Gibt es überhaupt einen Grund zur Gewalt. Ich finde nicht.

Ich erinnere mich mit Grausen an ein Ereignis, welches genau solch sinnlose Gewalt beinhaltete, und ich selbst wurde durch die Verkettung der Umstände leider Teil dieser Tragödie. Der Chef meines damaligen Freundes war homosexuell, ein toller Typ. Liebenswert auch sein Partner. Im Büro wussten alle, die sind ein Paar. Das war ein richtiger „Männerjob“ mit Immobilien und viel Kohle. Also eine Machtposition. Da kann man sich in der Regel keine Schwächen erlauben.

Ich sitze also an einem Sommertag mit Freund und Hund in einer Eisdiele in der Nähe der Alten Gasse. Die Gegend wird bis heute Bermuda-Dreieck genannt, weil man dort so schön versacken kann in den umliegenden Schwulenkneipen.
Ein Riesenspaß macht das. Ich kann es nur empfehlen.

Als wir das Eis zu Ende geschleckt hatten, da gingen wir zum Auto und stiegen ein. Mit Pudel an der Leine, der natürlich nicht fehlen darf beim Sonntagsausflug.
Wir fuhren einen großen Firmenwagen. Eine riesige und bequeme Limousine mit allen nur erdenklichen Schikanen an Bord.

Plötzlich merkte ich, dass wir von einem Auto regelrecht verfolgt wurden.
Wie im "Fall für Zwei" kam ich mir vor, bin ja auch immer beim "Tatort" eifrige Statistin gewesen, wenn in Frankfurt gedreht wurde. Immer dabei im Bild.
Also ich drehe mich um und gucke, und auf einmal wurden wir von einem anderen Auto vor uns ausgebremst und eingekesselt. Wie im Wilden Westen, meine Damen und Herren. Der Pudel ahnte bereits Schlimmes und begann schon mal auf Verdacht mit dem Kläffen. Die Wagentüren wurden aufgerissen, links und rechts, und ich schaute direkt in den Lauf einer Waffe. Prima. Da erschreckt man sich schon.

Lange Rede kurzer Sinn. Es handelte sich um eine Verwechslung, denn die Beamten hielten uns für die Verbrecher, Schläger und Autodiebe, die eine halbe Stunde vorher auf einer öffentlichen Toilette am Hauptfriedhof zugeschlagen hatten.
Diese Toilettenanlage, in homosexuellen Kreisen als „Klappe“ bekannt, diente vielen Männern wohl zur Kontaktaufnahme für schnellen unpersönlichen Sex.

Sie schlugen zu, sie schlugen den Chef unserer Firma derart zusammen, dass er schwerverletzt in ein Krankenhaus gebracht werden musste. Sie ließen ihn am Boden liegen und klauten seine Wertsachen, dann sein Firmenauto mitsamt dem Hund drin und flüchteten.

Da unser Wagen aus der Firmenflotte ein ähnliches Kennzeichen besaß, wurden wir fälschlicherweise noch zusätzliche Opfer, in diesem Fall jedoch die der Beamten.
Meine Zähne klapperten wie ein ganzes Kastagnetten-Ballett.

Das ist nun bereits sehr lange her, aber der Schrecken ist aktuell. Gewalt wird es immer geben. Gewalt richtet sich meist gegen Minderheiten. Weltweit, überall. Jeder kann zur Minderheit werden. Weltweit, überall. Daher ist die wichtige Botschaft des CSD nicht aus dem Auge zu verlieren: Menschen haben unter Repressalien zu leiden, weil sie nicht so lieben, wie die Gesellschaft es von ihnen verlangt.

Aber die Liebe, die ist wichtiger als der Hass. Liebe entsteht zwischen zwei Seelen und ist nicht unbedingt geschlechtsabhängig. Also, lieben und lieben lassen. Das tut nicht weh und kostet nichts. Tanzen wir also alle lieber einen Tag lang auf den Straßen und werfen mit Glitter… als  365 Tage im Jahr mit Dreck.

Happy CSD, to my gay and lesbian friends and their friends.
My beautiful, colorful family. Be proud and be seen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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