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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Jagdtriebe: Noch gibt es Herren, die nach Damen suchen und nicht nach Pokemons.
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Mal ganz ehrlich, wie doof kann man sein? Ich habe kein Smartphone und mache kein Onlinebanking. Ich bekomme auch keine Kreditkarte mehr, weil ich kein regelmäßiges Einkommen habe. Im näheren Ausland zahle ich dann bar, und in den USA und ähnlichen Gebilden, lasse ich mich einladen. Am Airport bekommt man ja nicht mal mehr einen Kofferwagen, wenn man nicht „zahlen“ kann. Da frage ich doch lieber einen gutgebauten Herren, ob er mir das Gepäck mal eben zum Taxi bugsiert. Klappt immer und kostet mich lediglich meine (frei zu dem jeweiligen Anlass ausgedachte) Telefonnummer. Zumindest habe ich keinerlei Schulden irgendwo und komme zurecht.

Jetzt ist ja gerade wieder mal Sommer für ein paar Tage, die Jungs kurven auf ihren Maschinen oder Sportwagen durch die kleine Frankfurter Innenstadt. Erwartungsvolle Blicke werden aus den jeweiligen Autos geworfen, und ich muss immer lächeln, wie doof kann man sein. Da sitzen oft Typen drin, die beim Laufen schon den Bordstein mitnehmen. Konzentriert euch lieber auf eure Umweltplakette, die kann wenigstens kleben. Da ist mir ein Piano-Player mit schönen Händen lieber. Der trifft wenigstens Töne, die zu Herzen gehen und produziert kein unproduktives Abfallgeräusch aus dem Auspuff.

Bei all diesem Lärm in den Straßen, dem Dichtestress und der Huperei fühle ich mich als kleine Fußgängerin sauwohl. Ich komme voran und erlebe allerlei. Meine Sinne schärfen sich bei jedem Spaziergang, und ich trage auch keine Kopfhörer, die passen sowieso nicht auf meinen Haarturm.

In der Fensterscheibe der Parfümerie spiegelt sich nun hinter mir ein Herr, gut angezogener Typ, ein wenig Helmut Berger, so wie man ihn aus alten Filmen in Erinnerung hat. Eigentlich ein Lichtblick, ich bin auf der sicheren Seite, denn er weiß nicht, dass ich schon erkannt habe, dass er gleich hinter mir her läuft. Das spürt man als sensible Lady, als gefühlvoller Allesblicker. Scharfe Sinne sind das schärfste überhaupt. Ich laufe weiter, ignoriere ihn und lasse mich weiter über die Freßgass' treiben. Nächste Scheibe rechts von mir, ein kurzer Blick, er ist wie erwartet hinter mir. Noch denkt er wohl, ich hätte ihn nicht bemerkt. Ich biege ab in eine kleinere Seitenstraße, da gibt es plötzlich kein Fenster mehr. Brauche ich auch nicht, denn nun ist er mit mir auf gleicher Höhe.

Nun, ich bin gespannt was nun kommt. Ein höfliches „Hallo“, ich drehe nicht mal leicht den Kopf und trabe gedankenverloren vor mich hin, schaue auf meine Fingernägel. Das weckt seinen Jagdtrieb, denn ich ignoriere ihn, obwohl er höflich war. Ein „Hallo“ ist ja noch keine wirkliche Anmache. Er überholt kurzentschlossen und stellt sich links neben mich, den Kopf wie ein Beo gebeugt und spricht folgende Worte, sie fließen direkt aus seinem goldenen Schnabel: „Ich sehe gut aus, Sie sehen gut aus. Wir würden gut zusammen passen, um die Ecke steht mein Auto!“

Ganz schön kess, aber zumindest hat dieser Kerl ein Abenteuer gesucht, hat gejagt, ist abgewiesen worden, hat blühendes Wort investiert und kann nun sorglos bei der Nächsten sein Glück versuchen. Rund um die Alte Oper dürfte es ja genügend weitere Damen geben, die „gut aussehen“.

Dies ist nun ein paar Monate her, und dies ist ein Spiel, welches ich verstehe. Das passiert mir fast täglich, obwohl ich keinerlei Einladungs-Signale auszusenden gedenke. Ich lasse mich einfach nicht orten, ich habe gute eigene Antennen. Was ich nicht verstehe, dass Millionen Menschen mit einem Handy aktuell dem Pokémon Go hinterherjagen. Was soll das? Was bringt das? Wie in aller Welt kann man so viel Zeit haben für solch einen sinnlosen Blödsinn.

Gestern bin ich in der Innenstadt fast zwanzig Mal beinahe umgerannt worden von Menschen, die ihren starren Blick auf ein mobiles Telefon gerichtet hielten. Männer mit Aktentaschen, Anzügen, Jugendliche, Kinder. Alle im Stechschritt, manche schneller als Radfahrer. Wie eine flächendeckende Seuche. Irgendwie war es schlimmer als sonst. Noch verpeilter, noch rücksichtsloser und weggetretener. Ich bin echt verwundert, wie leicht man Menschen manipulieren kann. Und verstören. Einer Trickfilm-Figur nachzujagen, darum geht es ja glaube ich, dabei alles andere auszublenden und zum Ziel zu gelangen.

Wer drückt denn endlich mal den Aus-Knopf und schaltet den Kopf mit dem menschlichen Gedächtnis, der Sympathie, Empathie und Rücksicht wieder ein? Oder ist Pokémon gekommen, um die Welt zu retten? Ein Messias als App für jeden Depp. Für jede Nummer findet sich ein Dummer. Für mich ist dies das größte Ablenkmanöver aller Zeiten. Schalten Sie bitte Ihr Hirn wieder ein, bevor das auch noch in einer Cloud gespeichert wird.

Also ich habe nicht studiert, aber selbstständig denken kann so verkehrt nicht sein. Das findet zurzeit wohl ganz allein

Ihre Prinzessin vom Main!

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