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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Der tiefe Sturz einer Dame auf der Freßgass zeigt einmal mehr: Schadenfreude ist die schlimmste Freude!
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Hola Chicas oder doch wohl eher Tschakka?

Gerade ist eine Dame in der Freßgass` unsanft auf ihrem Präsentierteller gelandet. Grund dafür: wahrscheinlich der megasupergeile-ultrahohe Absatz. Die Handtasche flog einen gefühlten Kilometer weit, zwei Weiber an der Bande grinsen abfällig. Nippen hämisch an ihrer Latte und wenden sich wieder dem Smartphone zu.

Ich schaue auf meine Füße und entdecke zwei flache und bequeme Bär-Sandaletten. Na die Guten, die mich durch die gesamte Stadt tragen. Zuverlässig, luftdurchlässig, und auch wenn ich mal in einen Hundehaufen trete, schwappt nichts rein.

Ich helfe der Lady kurzerhand wieder hoch, denn nach gefühlten zwei Minuten hat sich noch keiner bewegt, um Ähnliches zu tun. Kein Mann, keine Frau, kein Kellner, kein Personal. Kalt ist die Welt, kalt und desinteressiert. Jeder scheint nur mit sich selbst beschäftigt zu sein.

Die Frau hat sich zum Glück nicht sehr weh getan, sie schaut dankbar und schenkt mir ein Lächeln: „Das ist ja wohl jetzt voll peinlich!“, stellt sie fest, und ich ziehe sie hoch. „Nein, das ist mir auch schon mal passiert“, erzähle ich ihr. „Aber noch viel übler“, fahre ich fort. „An einem schönen Abend vor zwei Jahren im Pik Dame sprang ich mal volles Rohr beim Tanzen von der Bühne, aus Übermut und Lebensfreude. Meine hohen Buffalos hatten mindestens zwölf Zentimeter und ich einen Pegel von ca. 4/8. Einmal Bu-Fallo, nie mehr Bu-Fallo… wohl wegen des Fallens. Da hatte ich mehr als Schwein, denn ich landete punktgenau zwischen zwei Tischen neben der Bar und konnte direkt aus dem wiedererhaltenen Stand ein köstliches Getränk nachbestellen. Auf dem Nachhauseweg im Morgengrauen machte ich mich dann auch mit einem vollen Becher aus dem Staube. Ich zog meine Stola hinter mir her wie eine Bettdecke und freute mich auch gleich darauf, mein müdes, vom Feiern erschöpftes Haupt in die heimischen Federn zu betten. Doch zuvor hatte mir der liebe Gott noch eine Lektion erteilt: Kurz vor dem Moseleck, der weltberühmten Kneipe im Bahnhofsviertel, brach mir der linke Absatz komplett ab, und ich stürzte mitsamt Becher in den Rinnstein. Dabei trat ich mir selbst in den Hintern. Das Getränk selbst blieb unversehrt, meine Sonnenbrille und die Frisur, alles das saß wie eine Eins. Zum Glück hatte mich keiner gesehen, oder hatte sich da nicht gerade eine Gardine bewegt? Ich stand wieder auf, jedoch nur, um direkt im Anschluss nochmals umzufallen. Dieses Mal jedoch nach hinten. Ich liebe ja die Abwechslung gar sehr. So, und nun wünsche ich noch einen guten Tag.“

Wir verabschiedeten uns, die Frau hatte was zu lachen, und der kleine Fauxpas war auch weggesteckt. Ich habe ja kein Problem damit, über mich selbst zu lachen. Womit ich jedoch ein Problem habe, das ist Schadenfreude. Davon lebt aber mittlerweile wohl die halbe Menschheit. Wenn man den Fernseher anschaltet, dann oft nur, um sich über andere lustig zu machen.

Ich bin seinerzeit ohne Fernseher aufgewachsen, meine Welt war in Ordnung. Ich hatte Bücher und habe gemalt. Ich habe Gedichte geschrieben und kleine Briefe an Freunde. Viele Briefe und Karten, die ich im Gegenzug bekommen habe, die besitze und hüte ich heute immer noch. Wenn es mir abends danach ist, dann drücke ich keinen Knopf, sondern ich öffne eine kleine Kiste. Lese an mich adressierte Karten und Briefe, fühle mich bedacht und geliebt. Auf Dauer, denn so etwas geht nicht auf Knopfdruck. Nach Jahrzehnten noch habe ich daran Freude und empfinde tiefe Dankbarkeit. Immer und immer wieder kann ich lesen, spüre in jedem Satz das Vertrauen einiger mir wichtiger Menschen.

Nur ein Brief von meiner damaligen Klassenkameradin Karin, der war so herzlos und gemein, das mir heute noch die Tränen kommen, wenn ich ihn zur Hand nehme. Das hat mich damals jedoch sehr gut vorbereitet, denn ich wusste da schon genau: So möchte ich niemals werden. Ich möchte keinen verletzen, auslachen oder demütigen. Daher geht es mir wunderbar, denn an dieser Stelle habe ich einen eingebauten Aus-Knopf im Kopf! Wer Menschen auslacht, der hat kein Format.

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