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Frankfurt-Kennerin: Prinzessin vom Main

Von Frankfurt umarmt seine Paradiesvögel, nur der Spießer rupft sie. Bitte betupfen Sie mich vor dem Grillen mit Chanel!

Was ich wieder alles erlebt habe...

Jeder Gang vor die Haustüre offenbart ein neues aufwendiges Abenteuer. Man muss hier nur die Augen aufhalten und auf alles gefasst sein. Bahnhof, ich komme. Wie Sie ja bestimmt wissen, style ich hier in meinem Lädchen die Buben zu Mädchen. Das bedeutet, ich verwandele erst den Mann in eine Frau, und dann gehe ich oft spazieren mit meinem Werk.

Heute habe ich eine Dame aus Boston im Schlepptau und zeige ihr das Bahnhofsviertel. Sie ist sehr scheu, denn sie hat noch niemals als Lady im Tageslicht herumgebummelt. Also das war auf ihrem Zettel, auf ihrer Wunschliste. Viele Menschen strömen uns nun stadteinwärts entgegen, Kinder, Frauen, Bettelvolk, das übliche Handaufhalten und Ansprechen auf Euros.

Mit Ohren auf Durchzug kommen wir beim Restaurant Hamsilos an. Erst mal einen Wein, dann den Tintenfisch mit dem Salat. Drüben vor dem Dönerladen hält ein großer Schlachttransporter, ein weißgewandeter Schlachter hebt sich blutige Tierhälften über die Schulter und transportiert sie zum Bestimmungsort. So geht das acht- bis zehnmal. So oft dreht sich auch mein vegetarischer Magen im Takt um, aber ich kann den Blick einfach nicht abwenden. Mein Boston-Besuch ist sogar vegan, sitzt glücklicherweise aber mit dem Rücken zur Straße.

Ich betrachte nun ihr Outfit und alles, was ich geschaffen habe, und freue mich darüber. Gutes Essen, guter Wein, gute Gesellschaft. Das alles zusammen ergibt einen prachtvollen Tag. Wir haben es wirklich gut, und ich bin dankbar dafür. Immer wenn ich mein Zuhause verlasse, danke ich meiner Wohnung und sogar auch dem Treppenhaus und dem kleinen Briefkasten. Das klingt zwar ein wenig verrückt, aber normal war gestern und ist langweilig. Wir dürfen ja nicht vergessen, das alles was wir haben einmal erschaffen wurde. Auch wenn wir nicht wissen, von wem, so ist doch alles mit Energie beladen. Die strahlt aus und wir strahlen ja auch, wenn wir ein Kompliment erhalten. Ich mache gerne Komplimente und tue Gutes. Die Welt werde ich zwar nicht retten, aber einen kleinen Teil davon. Und irgendwo muss man ja anfangen.

Wir sind nun auf dem Weg zum Schuhgeschäft, da setze ich mich gerne zur Chefin Margot ans Tischchen und blättere in der Bildzeitung. Meine Lady probiert derweil Pumps an und stolziert auf und ab. Sie hat an Selbstvertrauen gewonnen und fühlt sich sehr wohl. Auch wenn manche Blicke prüfend auf ihre Erscheinung geworfen werden, erscheint alles in Ordnung. Ein Mann als Frau gekleidet. Das ist nicht neu und auch nicht verboten.

Plötzlich kommt uns was ins Bild geschossen. So was habe selbst ich noch nicht gesehen. Ich muss glotzen. Ich glotze, das war ja noch nie da. Am Kaisersack läuft eine junge Frau, die ist komplett over the Rainbow. Sie trägt einen hundert Kilometer zu weiten Herrenanzug in Aschgrau mit Streifen. Es handelt sich hierbei mit Sicherheit um eine Verwechslung. Sie torkelt in verschiedene Richtungen gleichzeitig. Es geht ihr augenscheinlich nicht ganz so gut. War die so dicht, dass sie den kompletten Anzug vom letzten Freier angezogen hat oder was steckt da dahinter?

Also der Frankfurter Bahnhof birgt immer wieder eine neue Überraschung. Ob Mann oder Frau, wer weiß das genau? Im Prinzip interessiert es doch keine Sau. Fazit: Also was soll der Mist, sei einfach immer, wer Du gerade bist. Ob ich demnächst im Schlafanzug über die Zeil laufe, im Kaftan durch die Kleinmarkthalle eile oder ein anderes kunstvolles Neues Ich schaffe, kann ich nicht vorhersagen. Man muss nur interessiert und wach sein und naturstoned, das Glücksgefühl ist nämlich die beste Droge.

Bild-Zoom

Oh, da sehe ich doch schon wieder einen wunderbaren Sondermenschen. Den Maler und Künstler Max Moshe Weinberg auf seinem nächtlichen Spaziergang. Da muss die Prinzessin vom Main gleich mal höflich Guten Abend sagen. Frankfurt umarmt seine Paradiesvögel, nur der Spießer rupft sie. Hier mein Serviervorschlag: Bitte betupfen Sie mich vor dem Grillen noch ausgiebig mit Chanel!

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